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Beitritt Kroatiens - Zwischen Euphorie und Skepsis

Teil 2/3 der Serie: Kroatien – das 28. Mitgliedsland der EU stellt sich vor

, von  Lara Walter

Der Weg ist frei – frei für Kroatien. Als 28. Mitgliedsstaat ist das Land nach zehn Jahren des Verhandelns am 1. Juli 2013 offiziell der Europäischen Union beigetreten. Zum siebten Mal wird die EU seit ihrer Gründung 1993 damit erweitert. Der Zuwachs birgt für die Unionsbürger Vor- und Nachteile, genauso wie für die Kroaten.

Noch schaut man eher skeptisch in die Zukunft: Martin Schulz, Zoran Milanović und José Manuel Barroso (von links). Foto: © European Union 2013 - European Parliament (Attribution-NonCommercial-NoDerivs Creative Commons license)

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Das Land am Adriatischen Meer ist seit 2009 gebeutelt von der Wirtschaftskrise: Kroatiens Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist seitdem um elf Prozent gesunken und treibt die Bürger immer weiter in die Finanzkrise. So hätte das Land im Mai mit einer Arbeitslosenquote von 16,5 Prozent den viert höchsten Wert in der EU gehabt. Mit dem EU-Beitritt soll nun die Wende kommen. In der Hoffnung, nach Jahren der erfolglosen Suche einen Job zu finden, setzen viele Kroaten auf die Erweiterung des Arbeitsmarkts. Kroatiens wirtschaftliche Zukunft hängt daher von neuen Arbeitsmöglichkeiten in neuen produzierenden Gewerben ab.

Kroatien das neue Griechenland?

Bereits jetzt haben die EU-Finanzminister 655 Millionen Euro für das zweite Halbjahr 2013 dem kleinen Land an Unterstützungsgeldern bewilligt. Zieht man davon den kroatischen Mitgliedsbeitrag ab, bleiben immerhin 440 Millionen Euro über. Zukünftig soll das Land jährlich 1,2 Milliarden Euro bekommen. Durch den Wegfall von Zollformalitäten profitiert zudem der Export Kroatiens. Die Maßnahmen sollen verhindern, dass das Land unter den Euro- Rettungsschirms muss. Denn die Staatsverschuldung beträgt mehr als 50 Prozent des Bruttoinlandprodukts.

Laut Kroatiens Ministerpräsident Zoran Milanovic könne man sein Land jedoch in keinem Falle mit Griechenland vergleichen. Die Wirtschaft habe sich trotz der Rezession als stabil erwiesen. Geld spült hauptsächlich die Tourismusbranche in die Kasse: Rund zehn Millionen Urlauber kommen jedes Jahr in das Land, vergangenes Jahr stammte rund ein Fünftel der Einnahmen aus dem Fremdenverkehr. Aus diesem Grund erwarten die Bürger durch den Beitritt und den damit verbundenen Vereinfachung der Grenzkontrollen noch mehr Urlauber im eigenen Land, EU-Gelder sollen zukünftig auch in Tourismusprojekte fließen.

Skepsis – selbst im eigenen Land

Es verwundert somit nicht, dass zwei Drittel bei der Volkabstimmung zum Beitritt Anfang 2012 die Aufnahme in die EU befürworteten. Die geringe Wahlbeteiligung von weniger als 25 Prozent der Stimmberechtigten dämpfte jedoch die euphorische Stimmung. Es zeigt sich: Viele Kroaten begrüßen den EU-Beitritt und hoffen auf mehr Wohlstand. Andere hingegen sind skeptisch oder gar gleichgültig.

Die Skeptiker fürchten durch die fortschreitende Globalisierung einen Preisanstieg durch den kommenden Euro und Nachteile für die Einzelhändler. Gerade Kleinbürger beklagen, dass sie zu Sklaven der EU werden könnten. Sie nehmen an, dass sie innerhalb der EU nicht das Ansehen und den gleichen Einfluss haben werden wie beispielsweise Deutschland als großes und reiches EU-Land. Sie zeigen sich anti-europäisch.

Befürchtet wird auch, dass die Anpassung an die EU-Standards zum Verlust der Identität und Tradition des Landes führt. Seit dem 12. Jahrhundert waren die Kroaten nie wirklich unabhängig gewesen. Zählten sie zunächst zu Ungarn, wurden sie später unter anderem dem Osmanischen Reich angegliedert, bevor sie letzten Endes zum kommunistischen Jugoslawien gehörten. 1991 bekam Kroatien dann seine Unabhängigkeit zurück, nun fürchten viele diese 2013 wieder zu verlieren. Kroatiens Außenministerin Vesna Pusicsieht jedoch optimistisch in die Zukunft: „Die EU Mitgliedschaft bringt für uns dauerhafte Stabilität, die Menschenrechte werden besser geschützt, Kroatien wird weltweit gestärkt, wenn das Land in der EU ist.“

Ein guter Schritt für alle Beteiligten?

Während viele Kroaten sich mehr Wohlstand erhoffen, bangen einige Unionsbürger darum. Die Sozialpolitik der EU schreibt vor, dass in Europa Arbeitsplätze geschaffen werden und dabei jeder integriert werden soll. Die Bürger Kroatiens könnten in wohlhabendere Länder einwandern und auf Kosten des Staates Sozialleistungen beziehen. Zudem könnte ein verschärfter Konkurrenzkampf um Arbeitsplätze entstehen.

Beitrittsgegner kritisieren auch, dass die EU aus den Problemen der Korruption und Kriminalitätnichts gelernt habe, die durch den Beitritt Sloweniens im Jahre 2004 und Rumäniens sowie Bulgariens im Jahre 2007 entstanden sind. Mit Kroatien könnte nun ein weiterer wackliger und instabiler Staat aufgenommen werden.

Dabei profitiert gerade Deutschland als Exportnation vom Wegfall der Zollbestimmungen. Auch soll der Geldumtausch von der kroatischen Währung Kuna in Euro laut Kroatiens Staatspräsident Ivo Josipovic spätestens in drei bis fünf Jahren entfallen. Schon jetzt werden beispielsweise Immobilienpreise in Euro und nicht mehr in der Landeswährung ausgewiesen. Europäische Unternehmen profitieren zudem durch ausländische Direktinvestitionen (ADI) in Kroatien, am meisten in der Tourismusbranche. Durch solche Investitionen wird nicht nur stabile Verbindung zwischen Ländern geschaffen, auch die Wirtschaft Kroatiens wird an den europäischen Markt angepasst. Investoren können billiger produzieren, da es in Kroatien viele Arbeiter gibt. Bisher schreckte der abgeschottete Markt und Korruption viele Auslandinvestoren ab. Ab dem 1. Juli soll sich das nun ändern.

Die hohe Arbeitslosigkeit, Verschuldung und Korruption bleiben noch für unbestimmte Zeit ein Problem in Kroatien. In wie weit der EU-Beitritt die Kroaten und Unionsbürger zufrieden stimmen wird, wird sich ab Juli zeigen.

Mitarbeit: Julius Leichsenring

JEF-Position

Die Jungen Europäischen Föderalisten in Deutschland, Frankreich und Italien begrüßen den Beitritt Kroatiens in einer gemeinsamen Pressemitteilung.

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