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Mobilität in Europa - Allheilmittel gegen Jugendarbeitslosigkeit?

, von  Moritz Hunger

In Deutschland fehlen Fachkräfte - bis 2025 bis zu sechs Millionen. Im Süden Europas warten viele gut ausgebildete Jugendliche auf einen Ausbildungsplatz, den es in ihren Heimatländern oft nicht gibt. Ein Abkommen zwischen Spanien und Deutschland soll nun 5.000 junge, arbeitswillige Spanier nach Deutschland bringen. Bundeskanzlerin Angela Merkel fordert außerdem einen EU-Binnenmarkt für Arbeitskräfte, um somit der negativen Entwicklung entgegen zu wirken. Deutschland stellt sich damit als Retter der Jugend Europas dar, dabei will es vor allem seine Wettbewerbsfähigkeit erhalten. Arbeitsplätze vor Ort werden kaum geschaffen.

Für Wolfgang Schäuble ist Mobilität das Stichwort zur Bewältigung der Jugendarbeitslosigkeit in Europa. Dabei profitiert vor allem Deutschland davon. Foto: © European Parliament 2012

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  • lebt in Berlin und hat Europawissenschaften studiert. Unter @moritz_hunger twittert er über Politik und die Welt.

Deutsche Politiker profilieren sich derzeit mit der Forderung, die enorme Jugendarbeitslosigkeit in Europa nicht zu ignorieren. Andernfalls, schreibt Wolfgang Schäuble in einem Gastbeitrag der FAZ, riskiere man eine ganze Generation zu verlieren. Vor allem die Mobilität soll das verhindern: Ursula von der Leyens bilaterales Anwerbeprogramm mit Spanien möchte junge Spanier durch Sprachangebote sowie Umzugs- und Bewerbungshilfen nach Deutschland locken. Der deutschen Agentur für Arbeit stehen dabei 140 Millionen Euro zur Verfügung. Von der EU bekommt das Programm in den kommenden Jahren rund 22 Milliarden Euro.

Mobilität als Schlüsselwort

Mobilität wird von vielen Politikern gepredigt und als das derzeitige Allheilmittel dargestellt. Vergangene Woche, bei einer Veranstaltung der Berliner Stiftungswoche zur Zukunft Europas, beruhigt Finanzminister Wolfgang Schäuble die Jugendlichen, die ihm ihre Wünsche und Visionen zur Zukunft Europas vortragen und sich Sorgen um ihre zukünftigen Berufsaussichten machen. Laut ihm müssten sie nur mobil genug sein, dann würden sie schon etwas finden. Für ihn ist „Mobilität […] einer der Schlüssel zum Erfolg in der Übergangszeit, die wir brauchen, um die Krise nachhaltig zu überwinden.“

Schäuble geht es nicht nur um die gut ausgebildeten europäischen Akademiker, aus deren Pool die zehn Diskutanten der Podiumsdiskussion ausgewählt worden waren. Sie selbst bezeichnen sich als „obere drei Prozent“ der europäischen Jugend. Es geht ihm auch um die jungen Arbeitslosen, die nicht mobil genug sind, woanders in Europa zu arbeiten. Für sie soll nun eine Art Erasmus-Programm „für alle“ eingerichtet werden. So sollen Nicht-Akademiker ihren Horizont erweitern, andere Sprachen lernen, um überall in Europa einsetzbar zu sein. Im Klartext heißt das: Anstatt die Probleme in den Heimatländern der jungen, perspektivlosen Menschen anzugehen, sollen sie sich anderswo orientieren. All dies wurde ausgelöst durch die „wahnsinnig hohen“ Anforderungen, die die maßgebliche Wettbewerbsfähigkeit mit sich bringt.

Für die Diskutanten ist das Wort Mobilität allerdings fast schon negativ besetzt. Sie erzählen, wie diese Mobilität schuld daran war, dass sie sich nach dem Bachelor im Heimatland für den Master im Ausland bewarben. Dort trafen sie auf die anderen, gleichgesinnten „oberen drei Prozent“. Immer ging es darum, noch europäischer zu werden, noch mehr Praktika zu machen, noch mehr Sprachen zu lernen. Schließlich wurde das durch die Programme der EU gefördert und gefordert.

Aber wohin nun mit diesen Europäern? In ihren Heimatländern ist kein Platz mehr für sie. Sie erzählen, dass wenige verstehen, wieso sie nach dem Bachelor weggegangen sind. Keiner kann jemanden in Bulgarien brauchen, der Deutsch, Englisch, Französisch und Portugiesisch spricht und sich auf Europarecht spezialisiert hat. Internationalität kann hier negativ sein: Es besteht die Gefahr, der neue Angestellte könnte von heute auf morgen die Koffer packen und in ein anderes Land gehen.

Erasmus für alle - die Lösung?

Dabei wollen diese jungen Europäer zurück in ihre Heimatländer, die sie mit Stipendien und anderen Geldern im Ausland unterstützt haben. Sie wollen ihren Beitrag leisten in den Gesellschaften zuhause. Auch hier beruhigt sie Wolfgang Schäuble: „Das Geld, das sie im Ausland verdienen, werden sie dann ja in ihren Heimatländern investieren.“

Doch oftmals funktioniert die Integration der neuen südeuropäischen „Gastarbeiter“ in Deutschland nicht wirklich, was Kosten in Millionenhöhe verursacht. Laut einer OECD-Studie bleiben mehr als die Hälfte der Griechen und Spanier nicht einmal ein Jahr in Deutschland. Deutsche Betriebe schaffen es also nicht, die angeworbenen Azubis zu halten.

Hinzu kommt, dass die arbeitslosen Jugendlichen sich nicht ernst genommen fühlen. Durch den Verweis auf die dringend nötige Mobilität wird die Verantwortung auf jeden einzelnen abgeschoben. Es wird suggeriert, wer keinen Arbeitsplatz finde, sei einfach nicht mobil genug und habe selbst Schuld an der Arbeitslosigkeit. Dabei sind viele der Jungen schon sehr mobil. Seit 2009 haben mehr als 300.000 gut ausgebildete Iren ihrem Land den Rücken gekehrt, davon waren mehr als 40 Prozent zwischen 14 und 25 Jahren alt. Seit Beginn der Krise sind bereits über 50.000 junge Spanier nach Deutschland gekommen. Ob sie jemals in ihr Heimatland zurückkehren werden, wissen sie selbst nicht.

Dieser Exodus wird durch von der Leyens Abkommen jetzt noch erleichtert. Deutschland greift hierbei auf bilaterale Strukturen zurück und deutet damit an, dass es sich nicht auf die Lösungsfindung der EU in Sachen Jugendarbeitslosigkeit verlässt. Vielleicht zu Recht: Auf die Frage, was die litauische Regierung ab Juli in den sechs Monaten ihrer Ratspräsidentschaft plane, um die Jugendarbeitslosigkeit anzugehen, verweist der litauische Außenminister Linas Antanas Linkevičius einsilbig auf nationale Instrumente der Mitgliedstaaten.

Deutschland als Retter der Jugend Europas

Zur Not bleibt Deutschland nichts anderes übrig, als im Alleingang zu handeln. Denn für die Bundesrepublik ist das bilaterale Abkommen eine Win-Win-Situation: Spanien trägt die Kosten für Erziehung und Schulbildung. Deutschland kann mit diesen jungen, motivierten Fachkräften seinen Fachkräftemangel bekämpfen. Im Deckmantel europäischer Solidarität kann es sich als Retter der Jugend Europas darstellen. Und das Beste: Die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands ist gerettet.

Der Alleingang Deutschlands ist ein Armutszeugnis für die EU. Deutschland hat zwar begriffen, dass man endlich etwas tun muss, allerdings scheint es dabei vor allem die eigenen Vorteile im Blick zu haben. Brüssel sollte dies als Warnsignal verstehen und dringend pan-europäische Programme schaffen, die Arbeitsplätze in den einzelnen europäischen Staaten fördern.

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