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Saint-Simon – die Genese der europäischen Idee

, von  Arnaud Huc, übersetzt von Inga Wachsmann

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Seit dem der Begriff „Europa“ benutzt wird gibt es auch die europäische Idee. Doch erst im 19. Und 20. Jahrhundert entstand ein Konzept rund um diese europäische Idee. Bereits im 12. Jahrhundert strebte Henri IV. ein Europa auf Basis eines Gleichgewichts der Mächte an. Die europäische Idee konkretisierte sich dann aber erst mit Saint-Simon und Victor Hugo. Letzterer war ein idealistischer Denker, Saint-Simon hat das vereinte Europa zum Gegenstand seiner Philosophie gemacht.

Henri de Saint-Simon – © Wikipedia

Autoren

Vordenker der industriellen Revolution und Vordenker Europas

Claude Henri de Rouvroy, genannt Saint-Simon, ist einer der Philosophen die im Laufe der Geschichte in Vergessenheit geraten sind. Er ist gemeinsam mit vielen französischen Philosophen des frühen 19. Jahrhunderts aus der politischen Philosophie verschwunden. 1760 in Paris geboren, widmet er sich erst ab 1816 und dann bis zu seinem Tod im Jahr 1826 vollkommen der politischen Philosophie. In dieser kurzen Zeit entwickelt er ein umfassendes philosophisches und politisches System, das auf der Industrie und einer Neuorganisation der Gesellschaft rund um die Produktion fußt. Saint-Simon gehört zu der Kategorie der sozialistischen oder vormarxistischen Philosophen, die oft als sozialistische Utopisten bezeichnet werden. Er war jedoch nicht nur ein Vordenker des modernen Sozialismus sondern auch ein europäischer Denker.

Bevor wir uns dem Föderalismus des Saint-Simon widmen, müssen wir seine Philosophie insgesamt verstehen. Saint-Simon war einer der ersten Denker der industriellen Revolution. Er sagte voraus, dass die Macht in Zukunft in den Händen der Produzenten (Arbeitgeber und Arbeiter) konzentriert sein würde und nicht in denen der Kapitalanleger oder derer die er „Müßiggänger“ nannte. Grundsätzlich beschwörte er einen Wissenschafts- und Technikkult herauf, nach dem die Welt sich in den kommenden Jahrhunderten ausrichten würde (ist das nicht übrigens heute der Fall?). Schließlich sagte er voraus, dass in Europa und Nordafrika große Bauprojekte realisiert werden würden, mit denen die Schranken, die die Natur zu dieser Zeit setzte, bezwungen werden könnten (Anfang des 19. Jahrhunderts gab es keinen einzigen Tunnel in den Alpen, den Suez-Kanal gab es nicht und die Eisenbahn entwickelte sich in England stockend und existierte in Frankreich gar nicht).

Das industrielle Zeitalter das Saint-Simon vorhersagte sollte dem feudalistischen Zeitalter von vor den französischen Revolutionen nachfolgen. Dafür müssten die europäischen Staaten sich vereinigen, damit die für einen integrierten und befriedeten europäischen Kontinent notwendigen großen (Um)Bauarbeiten bewerkstelligt werden könnten. In seinem Buch „Von der Neuordnung der europäischen Gesellschaft“ (De la réorganisation de la société européenne, 1814) erarbeitet Saint-Simon ein neuartiges Konzept der europäischen Föderation.

Auch wenn Saint-Simon den Begriff des Föderalismus in seinen Werken nicht verwendet kann man sein Europa als föderal bezeichnen. Er beschreibt ein Europa, das rund um ein Europäisches Parlament organisiert ist, ausgestattet mit Entscheidungsmacht, bestehend aus Gelehrten, industriellen, Händlern, Grundverwaltern und hohen Verwaltungsbeamten. Das Parlament des Saint-Simon sollte technokratisch und über ein Zensuswahlrecht organisiert sein. Zu seiner Entschuldigung sei angeführt, dass die Philosophen die sich Anfang des 19. Jahrhunderts für eine Demokratie außerhalb des Zensuswahlrechts (Volksdemokratie) einsetzten rar gesät waren. Andererseits sollte sein Parlament der Experten sich dafür einsetzen, die Politik auf Effizienz allein zu beschränken, unabhängig von jeglicher Leidenschaft oder imperialen Bestrebungen.

Ein vergessener Philosoph

Selbst wenn Saint-Simon in seiner Philosophie die Entwicklung der Gesellschaft die ihn umgibt voraussieht, können wir denjenigen Recht geben, die das europäische Projekt des Saint-Simon als utopistisch einstufen. Warum ist diese Philosophie allerdings in Vergessenheit geraten?

Zunächst wäre zu sagen, dass die Doktrin des Saint-Simon auch wenn sie zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf fruchtbaren Boden gefallen ist, anschließend gegenüber dem Marxismus ab der Mitte des 19. Jahrhunderts untergegangen ist. Es ist jedoch bewiesen wie sehr Saint-Simon Marx in seinem Materialismus beeinflusst hat. Er hat eine Philosophie der Geschichte geschrieben, die auf dem Übergang der Gesellschaft vom Feudalismus zum Industrialismus basiert. Der dialektische Materialismus des Marx und auch der Positivismus des Auguste Compte greifen dieses Konzept auf und entwickeln es weiter.

Trotzdem Saint-Simon in Vergessenheit geraten ist hat seine politische Doktrin, die mehr als eine föderalistische Doktrin war, in der Realität große Auswirkungen gehabt. Die Doktrin der großen Bauprojekte und die Philosophie der Infrastruktur wurden von einigen Zeitgenossen des Saint-Simon übernommen und sind Ursprung großer Projekte wie die Entwicklung der französischen Eisenbahn, der Durchbruch des Suez-Kanals, die Einrichtung von Ingenieursschulen. Die Anhänger des Saint-Simon haben bei Napoleon III. ein offenes Ohr gefunden und waren der Motor der französischen Industrialisierung unter seiner Herrschaft. Zu guter Letzt wird die Philosophie des Saint-Simon heute als Grundlage der europäischen föderalistischen Idee wiederentdeckt.

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