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Äpfel und Birnen

, von  Sebastian Gubernator

Wenn ein neues Jahr anbricht, kommen die guten Vorsätze: mehr Sport, weniger Alkohol, mit dem Rauchen aufhören. Unser Autor hat sich vorgenommen, mehr EU-Obst zu essen. Warum?

Obst und Gemüse aus verschiedenen Ländern machen den Supermarkt zu einem europäischen Ort. – Foto: „Apples and pears II“ © Till Westermayer / Flickr (https://www.flickr.com/photos/tillwe/8051005239) / CC BY 2.0-Lizenz (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/)

Autoren

  • studiert Geschichte und Politikwissenschaft an der Universität Mainz. Journalistische Erfahrung sammelte er unter anderem bei der taz und der Süddeutschen Zeitung. Seit seinem Erasmus-Studium an der University of Glasgow ist er verliebt in Schottland und Europa.

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Es gehört zu den Unsitten des Winters, dass er kalt ist. Früher, im Mittelalter, war das besonders schlimm: Die Menschen bekamen im Winter Skorbut und verloren ihre Zähne, weil es so kalt war, dass die Obstbäume ihren Dienst quittierten. Den Obstbäumen kann man das nicht vorwerfen, sie handelten nicht in böser Absicht. Heute ist alles anders: Will man, sagen wir, einen Apfel essen, geht man in den nächsten Supermarkt. Skorbut kennt man nur aus Piratenfilmen. Warum ist das so? Weil unser Obst längst globalisiert ist. Es stammt aus Ländern, deren Obstbäume selbst dann produktiv sind, wenn bei uns ein Blizzard tobt. In den Obst- und Gemüseabteilungen der Supermärkte stapeln sich italienische Birnen, französischer Blumenkohl, portugiesische Radieschen und griechische Kiwis. Selbst Chinakohl kommt aus Spanien. Ein Supermarkt ist ein ziemlich europäischer Ort.

Letztes Jahr hat die russische Regierung die Einfuhr von Obst und Gemüse aus der EU verboten, eine Reaktion auf die westlichen Sanktionen. Das ist schlecht für die europäischen Bauern, und deshalb wollen unsere Politiker, dass wir mehr Obst essen. Landwirtschaftsminister Christian Schmidt brachte diesen Wunsch zum Ausdruck, indem er auf einer Pressekonferenz ein bekanntes Sprichwort abwandelte: „An apple a day keeps Putin away.“ Er sagte das in diesem lustigen Englisch, das viele Politiker haben; ein wenig erinnert es an die frühen Hollywoodfilme von Arnold Schwarzenegger. Satiremagazine haben sich über Schmidt lustig gemacht, dabei hat er Recht: Obstessen sollte zur Bürgerpflicht werden, so wie Steuernzahlen und Schneeschippen. Die CSU könnte ein Gesetz anstoßen, mit dem die Deutschen dazu angehalten werden, in der Familie mehr Obst zu essen. Und streng dreinblickende Mütter könnten ihre Kinder am Esstisch ermahnen: „Iss deinen Apfel, sonst kommt der böse Putin!“ Da wird jedem Kind angst und bange.

Dass es einen Zusammenhang zwischen dem Essen von Äpfeln und der Abwesenheit Putins gibt, ist freilich nicht belegt. Vermutlich gibt es keinen. Trotzdem sollte man sich vornehmen, im neuen Jahr mehr EU-Obst zu essen: Es schützt vor Skorbut und hilft der griechischen Wirtschaft.

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