Arbeiten bis zum Umfallen?

Ausgewählte europäische Rentensysteme im Vergleich

, von  Katharina Volk

Arbeiten bis zum Umfallen?
Arbeiten bis zum Umfallen? Ein Blick auf europäische Rentensysteme zeigt, wie unterschiedlich Länder auf den demografischen Wandel reagieren – und wo Deutschland im Vergleich zurückliegt. Foto: Vitaliy Shmidt/Pixabay

Die Debatte rund um die Rente in Deutschland führte im Herbst 2025 zu emotionalen Diskussionen und stellte die schwarz-rote Bundesregierung auf die Probe. Oft kam der Vorwurf, dass sich die Bürger:innen an der Nase herumführen lassen; das Renteneintrittsalter zu hoch sei und der Ertrag zu niedrig für die steigenden Lebenshaltungskosten – in Frankreich beispielsweise wäre doch alles besser und als Präsident Emmanuel Macron das Rentenalter erhöhen wollte, brannten die Straßen. Wie wird also die Rente in anderen Ländern Europas gehandhabt?

Die Rente in Deutschland

Das gesetzliche Renteneintrittsalter liegt in Deutschland bei 67 Jahren. Es gibt Abschläge, also weniger Geld, wenn man früher in Rente geht. Nach 45 Jahren Beitragsjahren können die Deutschen in Rente gehen. In Deutschland werden Punkte auf Grundlage des Jahreseinkommens, das mit dem Durchschnittseinkommen verglichen wird, vergeben. Anhand von den erworbenen Punkten wird die Rente dann mit dem Punktewert multipliziert – es gibt auch freiwillige Zusatzpunkte, die vom Staat gefördert werden. Die Deutschen erhielten 2025 rund1100 Euro Rente pro Monat.

Zum 1. Januar ist in Deutschland die sogenannte Aktivrente in Kraft getreten. Seit einem Monat dürfen sich nun also Renter:innen ab Vollendung des 67. Lebensjahres steuerfrei bis zu 2000 Euro monatlich hinzuverdienen. Die Bundesregierung betont: Das Weiterarbeiten ist freiwillig. Einschränkungen gibt es für Selbstständige, Land- und Forstwirte, Minijobs sowie Beamt:innen. Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung müssen trotzdem gezahlt werden. Wer über 2000 Euro verdient, muss auf den darüber liegenden Betrag Steuern zahlen. Erhoffen tun sich die Politiker:innen davon, Menschen aus der Altersarmut zu holen und (billige) Fachkräfte für die schwächelnde Wirtschaft zu halten.

Frankreich: Rente mit 64 Jahren

Das Arbeitsumfeld in Frankreich unterscheidet sich in einigen Punkten grundlegend von dem der Deutschen. Dort zählt die Gemeinschaft: Abteilungen machen zusammen Kaffeepause, mit Kolleg:innen wird zu Mittag gegessen und Geschäftliches wird gerne bei Umtrunk oder Mahlzeit besprochen. Und dort wird die Mittagspause zelebriert, zwischen 12 und 14 Uhr sind in Frankreich viele Angestellte nicht zu erreichen. Zudem gibt es im Nachbarland die gesetzliche 35-Stunden-Woche, Kinder sind in der Regel ganztägig in Kindergarten, Schule oder Betreuungen – Erwachsene arbeiten meist in Vollzeit. Die Teilzeitquote lag im zweiten Quartal 2025 bei 17,1 Prozent, in Deutschland arbeiten 29,7 Prozent aller Männer und Frauen in Teilzeit. Platz vier in Europa. Die Niederlande hat mit 42,8 Prozent den höchsten Teilzeit-Anteil der Erwerbstätigen.

Das Rentenalter liegt in Frankreich derzeit bei 64 Jahren, wird aber schrittweise nach oben angepasst. Die Beitragsdauer für den vollen Beitragssatz ist im Nachbarland deshalb um zwei Jahre geringer als in Deutschland (43 statt hierzulande 45 Jahre). Berechnet wird in Frankreich der Durchschnittslohn der 25 besten Lohnjahre – zusätzlich können Französinnen und Franzosen durch Privatvorsorge eine Zusatzrente bekommen. Das entspricht einem monatlichen Rentensatz von 980 Euro für jeden Monat im Jahr 2025 – 2026 sollen es schon 1040 Euro sein.

Slowenien: Bonus für Erziehung

Auch die slowenische Regierung musste, wie fast überall, ihr Rentensystem an die alternde Bevölkerung anpassen. Hier liegt das Renteneintrittsalter bei 62 Jahren, eines der niedrigsten Niveaus von OECD-Ländern. Zwischen 2028 und 2035 wird das Alter allerdings schrittweise auf 67 Jahre erhöht.

Die Rentenlücke ist zudem sehr gering. Frauen erhalten im Schnitt nur 25 Prozent weniger als Männer. Zurückzuführen sind Gender-Pay-Gaps auf den niedrigeren Verdienst von Frauen. Laut Prognosen könnten sich die geschlechtsspezifischen Lohnunterschiede in Slowenien bis 2050 nahezu beseitigen. Eltern erhalten obendrauf einen Zuschlag für jedes der ersten drei Kinder. Kinderlose Personen können dafür früher in Rente gehen. Das bedeutet aber auch, dass Mütter, die fünf Jahre oder länger durch Elternzeit ausfielen, länger arbeiten müssen, um auf die vorgeschriebenen Beitragsjahre für die Rente zu kommen.

Österreich: Lernen vom Nachbarn?

In der Diskussion um die Rente wurde oft der Vergleich mit Österreichs Rentensystem gezogen. Die Nachbarn im Süden haben höhere Beitragssätze als die Deutschen, und auch der Staat steuert mehr zur Rentenkasse bei. Zudem wird die Rente je nach Inflationsrate angepasst und ausgeglichen – die finanziellen Risiken trägt dabei alleine der Staat.

Der wohl größte Unterschied liegt darin, WER in die Rentenkasse einzahlt. In Österreich zahlen verpflichtend Beamte, Beamtinnen und Selbstständige genauso ein, wie Angestellte. Zudem haben Österreicher:innen erst nach 15 Jahren einen Anspruch auf Rentenleistungen, in Deutschland reichen dafür schon fünf Jahre.

Durch eine jüngere Bevölkerungsstruktur, höhere Beitragssätze und eine breite und allgemeine Abdeckung der Einzahlenden, kommen österreichische Renter:innen aktuell auf einen monatlichen Durchschnitt von rund 1390 Euro und damit knapp 300 Euro über dem Niveau von deutschen Renter:innen.

Schafft Deutschland die Rentenreform?

Der europäische Vergleich zeigt: Die Rentenfrage ist weniger eine Schicksalsfrage als eine Gestaltungsaufgabe. Während Deutschland im Mercer Global Pension Index mit 67,8 Punkten weiter zurückfällt und sich die Debatte hierzulande stark um ein höheres Rentenalter dreht, setzen erfolgreichere Länder wie die Niederlande auf eine ausgewogenere Systemarchitektur. Dort kombiniert eine steuer- und beitragsfinanzierte Grundrente mit einer starken kapitalgedeckten zweiten Säule soziale Sicherheit mit langfristiger Tragfähigkeit – und ermöglicht Rentenniveaus von 70 bis 75 Prozent des letzten Nettoeinkommens.

In Deutschland hingegen richtet sich der politische Fokus noch immer zu stark auf die aktuelle Rentnergeneration, während die Belastungen und Perspektiven künftiger Beitragszahler zu wenig berücksichtigt werden. Dassnur rund 40 Prozent der Neurentner überhaupt das reguläre Rentenalter erreichen, zugleich aber über eine Rente mit 70 gestritten wird, verdeutlicht diese Schieflage ebenso wie die wachsende Kluft zwischen Renten und Beamtenpensionen. Die parallelen Reformdebatten – von der neuen Rentenkommission der Bundesregierung über die Initiative des DGB bis zu den Forderungen von Arbeitsministerin Bärbel Bas nach einer echten Strukturreform – zeigen zwar Reformdruck, aber auch politische Blockaden.

Gerade deshalb lohnt der Blick über die Grenzen: Länder innerhalb der EU stehen vor ähnlichen demografischen Herausforderungen, reagieren darauf jedoch mit unterschiedlichen, teils erfolgreichen Modellen. Anstatt die Rentendebatte weiter national zu verengen oder als reine Verzichtserzählung zu führen, sollte Deutschland konsequenter von seinen europäischen Nachbarn lernen. Der Vergleich macht klar: Zukunftsfeste Rentensysteme entstehen dort, wo Solidarität, Kapitaldeckung und Reformmut zusammengedacht werden – und wo man bereit ist, bewährte Ansätze aus anderen EU-Staaten anzunehmen.

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