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Arbeitsmarkt Europa: Besonders die Jugend hat es schwer

, von  Mareike Müller

In welchem europäischen Land finden Arbeitssuchende am ehesten einen Job, wo sieht die Lage schwieriger aus? Wie lassen sich die großen internationalen Unterschiede in der Zahl und Qualität der freien Jobs erklären und vor allem: was bedeutet das für Europas Jugend? Eine aktuelle Studie von Glassdoor Economic Research gibt Antworten – und lässt doch vieles im Dunkeln.

Insbesondere die hohe Jugendarbeitslosigkeit bleibt in vielen EU-Mitgliedsstaaten ein Problem. – © TaxCredits.net / Flickr/ CC BY 2.0-Lizenz

Autoren

  • studiert internationale Sicherheit und politische Ökonomie an der Sciences Po Paris und der London School of Economics; mit Fokus auf Russland und Zentral-Asien. Ihren Bachelor in Europawissenschaften absolvierte sie in den Niederlanden und Portugal. Inhaltlich beschäftigt sie sich vorwiegend mit sicherheitspolitischen und wirtschaftlichen Fragestellungen.

„Welches ist das beste Land in Europa, um einen Job zu bekommen?“ lautet der Titel der aktuellen Glassdoor Economic Research Studie, durchgeführt auf Basis von Daten der OECD und Eurostat in Kooperation mit Llewellyin Consulting. Die Arbeitsmärkte in 16 europäischen Ländern wurden anhand von sechs Kriterien unter die Lupe genommen: so werden neben klassischen Indikatoren wie der Veränderung der Beschäftigungsquote seit Ausbruch der Finanzkrise, der Arbeitslosenquote und der Jugendarbeitslosigkeit auch die Quote unfreiwillig Teilzeitbeschäftigter, der Anteil befristeter Zeitverträge insgesamt und schließlich der Anteil befristeter Zeitverträge bei jungen Menschen als Ursachen für Chancen auf dem Arbeitsmarkt untersucht.

Auf zwölf Seiten deckt der Bericht die vermeintlich größten Herausforderungen europäischer Arbeitssuchender auf. Arbeitnehmer und Arbeitgeber sollen so einsehen können, in welchen Ländern es einfach ist, einen Job zu finden, und in welchen es schwer fällt – und warum.

Massive Unterschiede innerhalb Europas

Diese Zahlen kennt man seit geraumer Zeit zur Genüge: Griechenland und Spanien verzeichnen innerhalb Europas mit etwa 25 Prozent die höchsten Arbeitslosenquoten. Der geringste Arbeitslosenanteil an der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter befindet sich mit rund fünf Prozent in Norwegen, der Schweiz und Deutschland. Doch was bedeutet das für die Jobsuche innerhalb Europas?

Laut Glassdoor geht die Arbeitslosenquote mit den Job-Aussichten einher: Die größten Chancen auf eine Anstellung bestehen in Estland, Norwegen, Großbritannien und Österreich. Die Gründe hierfür liegen teilweise auf der Hand, denn diese Länder erholten sich besonders gut von der globalen Finanzkrise und verzeichnen daher relativ geringe Arbeitslosigkeitsraten und sogenannte Unterbeschäftigung. In drei dieser Länder, nämlich Estland, Großbritannien und Norwegen, ist auch die Anzahl der zeitlich begrenzten Verträge am geringsten – Sicherheit auf dem Arbeitsmarkt wird also bedacht. Als Vergleichspunkt der Studie dienen die USA, das Land, das oft mit einer dynamischen Volkswirtschaft und den entsprechenden Jobmöglichkeiten gleichgesetzt wird.

Als Gründe für den Erfolg dieser Länder sieht Glassdoor vor allem die Qualität der Erwerbsbevölkerung, und damit Aus- und Weiterbildung sowie eine förderliche Arbeitsmarktpolitik und dynamische Haltung zur Schaffung neuer Stellen. Neben diesen spezifischen Kriterien spielt jedoch die Gesamtsituation der jeweiligen Volkswirtschaft eine erhebliche Rolle, und besonders deren Erholung von der Finanzkrise. Hier tut sich Deutschland als Spitzenreiter hervor. In Norwegen scheinen daher die Einnahmen durch Erdöl im Staatshaushalt eine wichtige Rolle zu spielen.

Übersicht der Ergebnisse der Glassdoor Studie zum Arbeitsmarkt Europa

Starke Regulierungen wie in Frankreich bremsen Arbeitssuchende aus

Laut Glassdoor ist in erster Linie das Gesamtbefinden einer jeden Volkswirtschaft für Jobsuchende entscheidend, besonders die Geschwindigkeit des Wirtschaftswachstums, und die Sektoren, die es vorantreiben, aber auch dessen Nachhaltigkeit und die zugrundeliegenden strukturellen Eigenheiten des Arbeitsmarktes – vor allem dessen Regulierung durch die Politik.

Ein spannendes Beispiel ist daher Frankreich: Obwohl gesamtwirtschaftlich erfolgreich, bietet das Land im Vergleich zu Deutschland oder Großbritannien durch seinen stark regulierten Arbeitsmarkt schlechtere Aussichten für Arbeitssuchenden.

Ein Ende der Krise oder eine Krise ohne Ende?

Am unteren Ende der Liste der besten Jobaussichten finden sich mit Spanien, Griechenland und Portugal die Länder in Europas Süden, die von der globalen Finanzkrise am härtesten getroffen wurden. Ein undynamischer Arbeitsmarkt, in Kombination mit einer wenig versprechenden Volkswirtschaft, wird hier als Wurzel allen Übels betrachtet. Vor allem Griechenland und Spanien kämpfen mit hoher Arbeitslosigkeit, die zuweilen bis zu 25 Prozent der berufsfähigen Bevölkerung betrifft. Zudem sind in Spanien und Portugal, aber auch in den Niederlanden, zeitlich begrenzte Verträge besonders verbreitet – die Konsequenzen, unter anderem wenig Flexibilität, schlechte Bezahlung und geringe Sicherheit, treffen alle Alters- und Berufsklassen.

Flächendeckend nimmt zudem die Anzahl derer, die unfreiwillig nur in Teilzeit arbeiten, stetig zu – außer in Deutschland, Belgien und Schweden.

Europas Jugend steht vor den größten Herausforderungen

Besonders für Europas Jugend sind diese Erkenntnisse oftmals beunruhigend, denn die Jugendarbeitslosigkeit steigt seit Beginn der Krise im Jahre 2008 fast überall an. Die drastischsten Fälle sind mit über 50 Prozent in Spanien und Griechenland, beinahe 45 Prozent in Italien und 35 Prozent in Portugal. Auch Frankreich, Irland, Belgien und Finnland bieten mit 20 bis 25 Prozent keine rosigen Aussichten. Die Folgen können verheerend sein: Im Einzelfall wird der Karriereeinstieg behindert, auf politischer Ebene aber drohen Unruhen und Aufstände.

Zum Glück gibt es aber auch positive Entwicklungen, wie in Großbritannien, wo die Jugendarbeitslosigkeitsrate mittlerweile wieder sinkt. Mit derzeit 17 Prozent nähert sich das Königreich so den Zahlen vor der Krise an – mit 15 Prozent trotzdem kein Ergebnis, auf dem man sich ausruhen könnte. Auch Österreich, die Schweiz und Norwegen nähern sich den Werten vor der Krise, Deutschland ist sogar darunter.

Junge Arbeitssuchende sind zudem besonders von Zeitverträgen betroffen, und damit von schwierigen Arbeitszeiten, wenig Flexibilität, geringer Bezahlung und Sicherheit. Besonders leiden Jugendliche in Spanien, den Niederlanden und Portugal darunter. In Estland, Großbritannien, Norwegen, Deutschland, Österreich und der Schweiz geht dieser Trend aber bereits wieder zurück.

Jugendarbeitslosigkeit in Europa, 2014.

Zusammengefasst bedeutet das: „Spanien, Griechenland, Italien und Portugal verzeichnen dramatische Jugendarbeitslosigkeit und sind bei Weitem die schlechtesten Länder, um jung und auf Jobsuche zu sein; Deutschland, Norwegen, und die Schweiz sind die besten.“ Der Dienstleistungssektor verspricht momentan die besten Chancen auf Anstellung in einer großen Bandbreite von Bereichen.

Insgesamt ist es jedoch einfacher, von einem schlecht bezahlten Job in einen gut bezahlten zu wechseln, als direkt aus der Arbeitslosigkeit einen solchen zu finden. So können jungen Leuten Teilzeitjobs und Zeitverträge im Idealfall als Sprungbrett dienen.

Gemeinsame Lösungen auf europäischer Ebene

Der Glassdoor Report gibt Aufschluss - und greift doch nicht weit genug. Welche Folgen hat die Tatsache, dass man in Großbritannien viel leichter an einen Job kommt als in Portugal? Welche Branchen sind besonders vielversprechend, welche Qualifizierungen sind international gefragt? Und was bedeutet das für die viel diskutierte Migration nach Europa, aber auch innerhalb Europas? Obwohl Glassdoor es sich laut Chefökonom Andrew Chamberlain zur Aufgabe macht, Menschen dabei zu helfen, eine Arbeit und einen Arbeitgeber zu finden, den sie lieben, ist der internationale Vergleich der Firma weniger hilfreich als er verspricht: Um Konsequenzen aus der Analyse zu ziehen, müssten Themen wie Mobilität, Migration und Ausbildung einbezogen werden. So ist es nun an Politikern, die Ergebnisse der Studie aufzugreifen.

Besonders weil mit der Angst um den eigenen Job in der aktuellen Flüchtlingskrise zunehmend politisch gespielt wird, darf diese Thematik nicht ausgelassen werden. Eine Studie des Internationalen Währungsfonds zeigte erst zu Beginn des Jahres auf, dass weder Lohndruck noch eine Steigerung der Arbeitslosigkeit aufgrund der Flüchtlingswelle in Europa zu erwarten sei.

Der Europa-Abgeordnete Andreas Schwab betont deshalb die Wichtigkeitig eines starken innereuropäischen Zusammenhalts : „Der Binnenmarkt ist leider zu oft auf das „Wohlwollen“ der Mitgliedstaaten angewiesen. Das hat häufig nicht zu einheitlichen Lösungen geführt. Deshalb: Dort, wo es um den Binnenmarkt geht, brauchen wir mehr Einheitlichkeit beziehungsweise Harmonisierung. “ Besonders der Arbeitsmarkt könnte davon profitieren.

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