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Burka-Debatte: Die Angst vor der Fremdheit

, von  Marieke Erlenstedt

Deutschlands Titelblätter streiten um ein Kleidungsstück. Darüber, ob es Frauen erlaubt sein sollte, sich in eines zu hüllen, das ihr Gesicht, zum Teil sogar ihre Augen, vor dem Gegenüber versteckt. Warum diese Kleiderwahl in einer freien, offenen Gesellschaft nicht verboten sein sollte, kommentiert Marieke Erlenstedt.

Die Diskussion um ein mögliches Verschleierungs-Verbot spaltet Medien und Politik in zwei Lager. – © Montse PB / Flickr/ CC BY 2.0-Lizenz

Autoren

  • studiert Politikwissenschaft und Soziologie in Münster und arbeitet als freie Journalistin.

Die Argumentation der Befürworter eines Burka-Verbots kreist um zwei Annahmen: Die erste stellt die Frage, ob Frauen das verhüllende Kleidungsstück freiwillig tragen – oder ob sie nicht viel eher gezwungen werden, von ihrem Ehemann, ihrer Familie, oder dem Pflichtgefühl gegenüber einer Religion oder einem Heimatland. Der Tenor dieses Arguments lautet: Wir wollen diese armen Frauen befreien. Dass viele der Frauen, die sich verschleiern, angeben, dass sie dies aus freien Stücken tun, wird als nicht glaubwürdig zurückgewiesen. Befreiung durch Zwang also – klingt irgendwie nach Diktatur.

Zweifellos gibt es den Fall, dass Ehemänner oder Väter die Frauen zwingen, sich zu verhüllen. Aber wie unterscheiden wir diesen Fall von der Frau, die sich freiwillig, nach reiflicher Überlegung dazu entschieden hat, die Burka zu tragen? Wie können wir uns anmaßen, ihr diese Möglichkeit zur freien Kleiderwahl absprechen?

Was im Privaten geschieht, kann der Staat nur bedingt beeinflussen. Wir können auch nicht ausschließen, dass Frauen von ihren Männern gezwungen werden, Miniröcke zu tragen, oder nur noch Salat zu essen. Und wenn im Falle der Burka Zwang im Spiel ist – ist es dann nicht wahrscheinlich, dass der Mann das Verbot ignorieren, oder seine Frau nicht mehr aus dem Haus lassen würde? So zumindest lassen Berichte aus Frankreich annehmen, wo die Zahl der Burka-Trägerinnen seit Einführung des Verbots nicht abgenommen hat.

Das zweite Argument der Befürworter lautet, für das gesellschaftliche Zusammenleben sei es notwendig, dass man einander ins Gesicht sehen könne. „Gesichtzeigen ist für das Zusammenleben in unserer Gesellschaft konstitutiv“, so drückte es Bundesinnenminister De Maizière es. Aber – wer hat das eigentlich das Recht, so etwas zu bestimmen?

Natürlich sind wir es nicht gewohnt, jemandem gegenüberzustehen, mit jemanden zu sprechen, dessen Gesicht wir nicht sehen können. Das ist uns fremd, es verunsichert uns. Als ich ein Kind war, verunsicherte es mich auch, wenn ich auf der Straße zwei Männer sah, die Händchen hielten. Heute ist das für mich völlig normal. Dass das, was uns fremd ist, nicht einfach abgelehnt und verboten, sondern kennengelernt wird, ist für mich einer der größten Werte unserer Gesellschaft. Dass Menschen mit anderen Hautfarben, die andere Sprachen sprechen oder ein anderes Leben führen bei uns willkommen sind, und dass wir lernen gemeinsam zusammenzuleben und aufeinander zu zugehen - das bedeutet für mich Freiheit.

Diese Freiheit sollte nicht vor einem Kleidungsstück haltmachen.

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