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Kann eine freiheitliche Gesellschaft erzwungen werden?

, von  Justus Irmen

Wie soll Europa mit der Vollverschleierung umgehen? Verletzen wir die Kultur der Freiheit, wenn wir anderen diese aufzwingen?

Foto – © Erik / Flickr/ CC BY 2.0-Lizenz

Autoren

  • studiert im Masterstudiengang ’Public Adminstration’ an der University of Twente in Enschede (Niederlande). Ebenfalls dort erwarb er zuvor den Bachelor in ’European Public Administration’ in einem Kooperationsprogramm mit der Universität Münster.

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In den letzten Wochen ist die Debatte über die religiöse Verschleierung muslimischer Frauen erneut entflammt. Entscheidend dazu beigetragen hat das Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte, welcher die Rechtmäßigkeit des französischen Verschleierungsverbotes von 2011 bestätigte, indem es die Beschwerde einer französischen Muslimin zurückwies, welche gegen den entsprechenden Gesetzesentwurf geklagt hatte. Das Gericht begründete sein Urteil damit, dass das Vollverschleierungsgebot nicht diskriminierend sei, sondern darauf abziele, den Rahmen des gesellschaftlichen Miteinanders abzustecken. Befürworter des Urteils sehen in der Verschleierung durch den Niqab oder Burka einen Akt der Unterdrückung der Frau, wohingegen Kritiker genau gegensätzlich argumentieren, und die Freiheit der Frau unterstreichen, sich beliebig kleiden zu dürfen.

Es lohnt es sich zu ergründen, warum die Vollverschleierung eine solch hitzige Debatte auslösen kann. Offensichtlich gibt es unterschiedliche, kulturell bedingte, Wahrnehmungen einer angemessenen Kleiderordnung und eines gesellschaftskonformen Auftretens. In den ’westlichen’ Industriestaaten gilt das Verbergen des Gesichtes, insbesondere in öffentlichen Einrichtungen, als normfremd und unangemessen. Das bezieht sich nicht nur auf religiöse Kleidung, sondern auch auf Sonnenbrillen und Kopfbedeckungen. Das Verbergen des Gesichtes im förmlichen Umgang wird im Allgemeinen nicht akzeptiert. Man kann sich unschwer vorstellen, dass diese Norm in anderen Gesellschaften nicht existiert. In diesen Gesellschaften würde vielleicht eine unbedeckte Schulter, oder ein entblößtes Knie, dasselbe Unbehagen hervorrufen wie das Unvermögen dem Gegenüber ins Gesicht schauen zu können. Die Debatte wird also geprägt von der Suche nach einem Rahmen, der das friedliche gesellschaftliche Miteinander regelt, und jegliche kulturelle Prägung befriedet. Man mag für eine völlig libertäre Kleiderordnung plädieren, nicht zuletzt um einer Minderheit nicht ihrer Freiheit zu berauben. Oder man erlässt ein Verschleierungsverbot, um dem gesellschaftlichen Unbehagen der anderen Kultur gerecht zu werden. Das Argument jedoch, man wolle die Frau durch ein Verbot vor ihrer Unterdrückung bewahren, ist absurd, denn das Verbot schafft gleichzeitig eine neue Einschränkung bürgerlicher Freiheit. Solange eine gesellschaftliche Ordnung nicht unterdrückt, bleibt die Hoffnung das sich der/die Unterdrückte aus den Strukturen lösen kann, die ihn/sie unterdrücken.

Letztlich erscheint es nur konsequent, dass eine pluralistische, und freiheitliche Gesellschaft wandlungsfähig und offen sein muss, ganz besonders in Zeiten einer Weltbevölkerung, die unweigerlich zusammenrückt. Ich bin der Meinung, dass ein striktes Verschleierungsverbot unsere Gesellschaft knebelt und das Zusammenrücken der Kulturen, sei es von Konflikten begleitet, behindert. Es bleibt schließlich allein die Hoffnung, dass Dialog und Austausch den Rahmen gesellschaftlicher Toleranz weiten und ein friedliches Miteinander ermöglichen. Es gilt, dies von allen Seiten anzustreben.

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