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„Das EU-Türkei-Abkommen ist reiner Menschenhandel“

, von  Hannah Illing

Die Tschechin Odessa Primus arbeitet als freiwillige Helferin für Flüchtlinge in mehreren Ländern. Im Interview mit treffpunkteuropa.de berichtet sie über die Zustände im Flüchtlingscamp von Idomeni und kritisiert den Flüchtlingspakt zwischen der EU und der Türkei scharf.

Odessa Primus. – Foto: (c) Neal McQueen 2016

Autoren

  • war bis vor kurzem stellvertretende Vorsitzende der JEF Passau und hat den noch jungen Kreisverband dort mit aufgebaut. Mittlerweile studiert sie VWL in Prag, wo sie auch die JEF Czech Republic bei Projekten unterstützt.

treffpunkteuropa.de: Odessa Primus, du bist gerade aus Idomeni zurückgekehrt, dem Flüchtlingscamp an der griechisch-mazedonischen Grenze. Wie ist die Lage dort?

Odessa Primus: Sehr schlecht. Die Struktur des Flüchtlingslagers war am Anfang ganz anders als die weiteren Lager in Griechenland, im Libanon und sogar in Calais - es war ein Transitlager. Viele Flüchtlinge hatten keine Decken, kein Essen, keine Medizin und keine Kleidung, weswegen NGOs begannen, diese Dinge zu verteilen. Die Hygiene ist auch sehr schlecht. Viele Leute haben Läuse oder sind krank, denn nachts ist es immer noch ziemlich kalt. Als ich im März dort ankam flogen viele Zelte weg, weil es so windig war. Die Flüchtlinge wissen nicht, was vor sich geht. Sie glauben immer noch an die Möglichkeit, dass die Grenzen wieder öffnen. Viele schreiben mir nun und sagen, dass sie lieber wieder nach Syrien zurückkehren würden, weil die Bedingungen in den griechischen Lagern sie psychologisch fertig machen.

Wie ist die Situation für Frauen?

Viele Frauen scheinen schwanger zu sein, deshalb sorgten wir dafür, dass sie zu Vorsorgeuntersuchungen inklusive Ultraschall können. Fast jede Woche wird ein Baby geboren und die griechischen Krankenhäuser sind leider sehr schlecht ausgestattet. The Flüchtlingsfrauen haben es viel schwerer. Es ist zum Beispiel schwierig für sie, sich umzuziehen und zu duschen. Viele Frauen bekommen auch Pilzinfektionen, erzählen uns aber nur davon, wenn wir explizit nachfragen. Die meisten sind dort ohne ihre Ehemänner und müssen alleine auf ihre Kinder aufpassen. Aber die Gemeinschaft dort ist gut, bisher gab es nicht wirklich Probleme zwischen Flüchtlingen mit verschiedenen kulturellen oder religiösen Hintergründen.

In den Europäischen Medien konnte man über Kämpfe mit der griechischen Polizei lesen...

Es gibt immer wieder Protest, aber normalerweise friedlichen: Die Flüchtlinge singen und zeigen Plakate. Der Protest wird nur gefährlich, wenn es Gerüchte über Grenzöffnungen gibt: Zum Beispiel, dass die Grenze am nächsten Tag um 9 Uhr morgens öffnet. Dann packt jeder seine Sachen und bereitet sich darauf vor, das Camp zu verlassen. An der Grenze wartet aber die Polizei mit Tränengas und Blendgranaten. Diese Granaten machen bloß Lärm und Rauch, aber sie erinnern Kinder und Erwachsene an die Bomben in Syrien. Wenn die Leute ängstlich und wütend auf die Polizei werden, werden sie aggressiv. Jeder weiß, dass die Polizei alles Mögliche unternimmt, um den Aufenthalt in Idomeni für die Flüchtlinge und für die Freiwilligen unangenehm zu gestalten. Sie verbreiten Gerüchte, halten unsere Autos an und sagen, dass es keinen Platz mehr gibt, um Essen zu verteilen. Es ist lächerlich.

Welche Perspektiven haben die Flüchtlinge im Lager in Idomeni?

Eine der einzigen Möglichkeiten für Flüchtlinge, um Asyl zu beantragen ohne eine Grenze zu überqueren, ist eine Bewerbung für das EU-Relocation Programm. Aber die Bewerbung ist nur über ein Skype-Interview möglich, womit verschiedene Probleme verbunden sind: Die Leute brauchen Zugang zum Internet, ein Smartphone oder einen Computer und die ganze Familie muss bei dem Interview anwesend sein. Beim UNHCR sind zwei Leute mit den Interviews beauftragt, die über nur einen Skype-Account nur 15 Anrufe pro Tag entgegen nehmen können. Momentan sitzen aber mehr als 50 000 Flüchtlinge in Griechenland fest. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Flüchtlinge über dieses System jemanden erreichen, ist also unglaublich niedrig.

Im März unterzeichnete die EU ein Abkommen mit der Türkei. Ein Teil davon besagt, dass alle Flüchtlinge, die nach dem 20. März in Griechenland ankamen, wieder in die Türkei abgeschoben werden. Für jeden syrischen Flüchtling von ihnen soll die EU einen Syrer aus der Türkei aufnehmen. Was denkst du über das Abkommen?

Viele internationale Anwälte, Politiker und Intellektuelle haben erklärt, dass dieses Abkommen menschenunwürdig ist und Menschenrechte verletzt. Es ist einfach lächerlich, dass die Menschen, die diese Politik machen, niemals ein Lager gesehen oder einen Flüchtling getroffen haben. Ihre Sichtweise kommt aus Europa und sie besagt: Wir können euch nicht aufnehmen. Aber das Abkommen funktioniert nicht. Ich glaube nicht, dass die Flüchtlinge, die in die Türkei abgeschoben werden, gut behandelt werden. Die einzigen Lager mit akzeptablen Lebensbedingungen in der Türkei sind Lager, die von Freiwilligen betrieben werden. Aber die abgeschobenen Flüchtlinge werden hauptsächlich in Untersuchungsgefängnisse geschickt oder in Lager, die von Staat oder Militär geleitet werden. Zudem wurden viele Flüchtlinge in der Türkei von der türkischen Mafia ermordet, es gibt sogar ein Video davon, wie die türkische Polizei sie an der Grenze beschießt. Viele Familien haben auf der Reise nach Griechenland Verwandte verloren. Jetzt per Flugzeug in die Türkei zurückgeschickt zu werden ist für sie verheerend. Stell dir vor, du hast auf der Reise in die Türkei deine kleine Tochter verloren, und wenn du von Anfang an dort geblieben wärest, wäre das nicht passiert. Der seelische Schaden ist gewaltig. Aber das Schlimmste ist, dass das Abkommen reiner Menschenhandel ist - man kann es mit der Art und Weise vergleichen, wie Sklaven vor ein paar 100 Jahren nach Amerika transportiert wurden.

Die EU-Flüchtlingspolitik wird viel kritisiert. Was sollte deiner Meinung nach verbessert werden?

Ich denke, dass es mehr Meinungsumfragen geben sollte, die Bürger sollten selbst mehr beitragen können. Das größte Problem aber sind die Medien. In Tschechien zum Beispiel zeigen die meisten Fernsehsendungen negative Nachrichten über die Flüchtlinge. Ein Sender, der Mitleid zeigen würde oder der eine Öffnung der Grenzen befürworten würde, würde sofort Zuschauer verlieren. Viele Tschechen glauben, dass die Medien neutral sind und nur Information weitergeben, aber in Wahrheit sehen sie Meinung, sobald sie den Fernseher anschalten. Viele Menschen haben Angst um ihr Geld, davor, dass die Flüchtlinge ihnen staatliche Unterstützung und Jobs wegnehmen. In den letzten Monaten hat sich gezeigt, dass viele europäische Länder fremdenfeindlich sind, viele Menschen sind sogar froh, wenn die Grenzen schließen. Dies ist nicht mehr das Europa, in dem wir vor ein paar Jahren gelebt haben.

Du kommst aus Tschechien, einem Land, das Migranten gegenüber besonders skeptisch ist. Wie reagierten die Tschechen, als du ihnen von deinen Erfahrungen als Freiwillige erzählt hast?

Für gewöhnlich sind sie erst mal überrascht, dass überhaupt jemand so etwas macht. Ich habe meine alte Schule besucht, die ein internationales Gymnasium ist. Deshalb habe ich erwartet, dass die Meinungen dort wenigstens etwas offener und liberaler sind. Tatsächlich aber waren die Schüler sehr negativ gegen Flüchtlinge eingestellt. Die Leute fragen immer dasselbe. Sie wollen wissen, warum ich das tue, ob ich Angst davor habe, die Lager zu besuchen und warum die Flüchtlinge nicht in der Region bleiben, aus der sie kommen, zum Beispiel in der Türkei. Ich antworte dann, dass ich mich nie bedroht gefühlt habe. Die einzigen, die in den Lagern zu Gewalt bereit sind, gehören zur Bereitschaftspolizei. Und ich sage, dass es bereits mehr Flüchtlinge im Libanon (2 Millionen), in Jordanien (4 Millionen) und in der Türkei (3 Millionen) gibt, als in der gesamten EU (1 Millionen). Jede vierte Person im Libanon ist ein Flüchtling - das Land hat seine Kapazitätsgrenze erreicht. Bereits seit Ende 2014 bekommen neue Flüchtlinge dort keinen Flüchtlingsstatus mehr. Jeder Syrer, der die Grenze überquert, wird nun als Tourist bezeichnet. Das bedeutet auch, dass die Syrer keine Hilfe mehr vom UNHCR bekommen.

Siehst du eine Möglichkeit, wie man Tschechien und die anderen Visegrad-Staaten überreden könnte, doch noch das Quotensystem einzuführen?

Es ist ganz einfach: Information. Die Nachrichtensender sollten neutral sein. Wir brauchen mehr Wissen und Aufklärung über das, was wirklich passiert. Ein anderer Faktor ist die Tatsache, dass die Welt nicht auf unsere Regierung schaut. Wenn Deutschland eine große Entscheidung trifft, hört jeder zu und weiß darüber. Was Tschechien macht, interessiert niemanden, also folgt die Regierung ganz einfach denen, die am lautesten schreien. Leider sind das meistens die Leute, die gegen Flüchtlinge hetzen.

Die Fragen für treffpunkteuropa.de stellte Hannah Illing.

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Zur Person

Odessa Primus stammt aus Tschechien und studiert momentan “International Politics” in London. Nachdem sie im September 2015 den so genannten “Dschungel” in Calais besucht hatte, beschloss sie, eine Crowdfunding-Kampagne zu starten und freiwillige Flüchtlingshelferin zu werden. Im Rahmen ihrer Freiwilligenarbeit besuchte sie Flüchtlingscamps auf Lesbos, im Libanon und in Idomeni, wohin sie nach ihrem Bachelorabschluss diesen Sommer wieder zurückkehren wird. Auf einer Crowdfunding-Website wirbt sie um Unterstützung für ihre Arbeit.

Der Aktivisit Neal McQueen dokumentiert das Leben in den Flüchtlingslagern. Die Fotos veröffentlicht er regelmäßig in einem Blog.

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