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Das süße Gift Europas

, von  Martin Samse

Die Eurokrise ist von den Titelseiten verschwunden. Doch die bisherige Euro-Rettung bestand zum großen Teil aus der Erschaffung und Verteilung von billigem Geld. Möglich wird das durch eine ausufernde Kreditvergabe mit ungedeckten Banknoten. Langfristig wächst damit die Gefahr neuer Preisblasen und Finanzkrisen.

Die Europäische Zentralbank (EZB) leiht Geschäftsbanken Geld zu einem historisch niedrigen Leitzins von 0,05 Prozent. Ein Ansatz mit Risiken. – Foto: Images Money / Flickr (Link) / CC BY 2.0-Lizenz (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/legalcode)

Autoren

  • studiert in Osnabrück im Masterprogramm „Europäisches Regieren: Markt-Macht-Gemeinschaft“. Seit Juli 2014 schreibt er für treffpunkteuropa.de über den europäischen Wirtschafts- und Währungsraum.

In der Krisenpolitik verhalten sich die Staaten und Banken Europas wie Alkoholiker. Der Kater der letzten Verschuldungsparty wirkt zwar immer noch nach, doch ein tiefer Schluck aus der Flasche lindert zumindest vorerst die Schmerzen. Die Möglichkeit zur günstigen Verschuldung ist für den Staatenbund die Droge der Wahl. Das Erschaffen und Verteilen von billigem Geld war in den letzten Krisenjahren das wirksamste Mittel gegen Staatsbankrott, Bankrun und Eurocrash. Das Problem: Billiges Geld ist eine Droge - und eine Droge wirkt immer gleich. Was sie einem am Abend gibt, fordert sie am nächsten Tag zurück.

Billiges Geld zur Beruhigung der Krise

Die Macht über das Zinsniveau im Euroraum liegt bei der Europäischen Zentralbank (EZB). Durch die Festsetzung des Leitzinses bestimmt sie für den ganzen Euroraum, zu welchem Preis sich die Privatbanken bei ihr verschulden können. Der niedrige Leitzins soll die Kreditvergabe der Banken an die Wirtschaft beleben und somit für Wachstum und Beschäftigung sorgen. Auch die Staaten profitieren: Wenn der Preis für frisches Geld sinkt, erleichtert das die Neuverschuldung. Ein Staatsbankrott wird somit aufgeschoben. Doch aktuell greift die EZB den Staaten zusätzlich unter die Arme: Sie kauft im großen Stil die Staatsanleihen (Schuldscheine) der Krisenstaaten bei ihren Gläubigern auf. Sie senkt somit zusätzlich die Zinslast der Staaten und verwandelt Altschulden in neues Geld. Die Ökonomen sprechen von der Monetarisierung der Staatsschulden. All das dient nur einem Zweck: Immer weiter Kapital in das System zu geben und den Preis für neue Schulden immer weiter zu senken. Innerhalb von zwei Jahren sank der Leitzins von 1 Prozent auf aktuell 0,05 Prozent. EZB-Chef Mario Draghi verspricht den Märkten, dass dieser Kurs beibehalten wird.

Die Entwertung des Geldes

Die Möglichkeit zur Erschaffung billigen Geldes ist Folge politischen Handelns. Mit der Schließung des Goldfensters 1972 scheiterte das Bretton-Woods-System und damit die Finanzarchitektur der Nachkriegszeit. Teil des Bretton-Woods-Abkommens war die Deckung der Weltleitwährung (Dollar) durch eine feste Menge physisches Gold. Im Verlauf verschuldeten sich die Amerikaner und druckten Geld, um ihre Zahlungsfähigkeit sicher zu stellen. 1972 schloss Amerika das Goldfenster einseitig, da den Goldreserven eine viel zu große Menge Dollars und Auslandsschulden gegenüberstand. Seitdem sind die Notenbanken für die Wertstabilität ihres Geldes verantwortlich. Die Absenkung des Leitzinses und die Flut von billigem Geld führen dabei verstärkt zu Krisensituationen.

Preisblasen verursachen Finanzkrisen

Schon beim amerikanischen Börsencrash von 1929 ging der Wirtschaftskrise eine von Zentralbanken vorgenommene Kreditexpansion voraus. Billiges Geld wurde in großem Stil in die Wirtschaft gebracht, um dort zunächst für Investitionsfreude zu sorgen. Koppelt sich die Geldmenge aber zu sehr vom Wirtschaftswachstum ab, kommt es zu Fehlinvestitionen und der massiven Überbewertung von Aktien und Gütern. Diese verfälschten Preise müssen sich irgendwann korrigieren – die Preisblasen platzen. Seitdem das Geld keinen Gegenwert mehr besitzt, steigt die Geldmenge global massiv an. Am Beispiel von Deutschland stellt man fest: Einem moderaten Wirtschaftswachstum steht eine exponentiell steigende Geldmenge gegenüber. Die globalen Finanzkrisen häufen sich. Die Dotcomblase platzte 2001, der Subprimemarkt kollabierte 2008 und führte in Europa zur Staatsschuldenkrise von 2010. In der Spiegelbestsellerliste wird der finale Crash bereits herbeigeschrieben.

Bisher wirkt das süße Gift

Doch bisher hat sich die Stimmung um die Eurokrise entspannt. Die Sucht der Staaten wurde vorerst wieder befriedigt, während die Märkte immer weiter aufgeputscht werden. Auch die Bürger sind sediert. So oft hatte man ihre Loyalität durch Endzeitprognosen erkauft, dass sie von Krisenszenarien vorerst nichts mehr hören wollen. Das billige Geld hilft somit allen Beteiligten. Und stellt trotzdem eine Bedrohung für System und Individuum dar.

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Ihr Kommentar

  • Am 15. Oktober 2014 um 12:30, von  Grobian Grube Als Antwort Das süße Gift Europas

    Man darf aber auch nicht vergessen, dass die Amerikaner derzeit verbal mit dem Feuer spielen. Durch die lauten Spekulationen über den Zeitpunkt der Zinswende bei der Fed werden die Wechselkurse und der Goldpreis getrieben, letzterer fällt als Risikoindikator derzeit vollständig aus (siehe Spotpreis: www.goldpreis.de/Goldkurs-Aktuell ). Ein Blick auf die Kursverläufe der jüngsten Börsengänge Zalando und Rocket Internet sowie auf den Anleihemarkt zeigt außerdem, wo die heiße Luft der EZB derzeit verteilt wird. Und auch hinter dem zuletzt gestiegenen US-Dollar steckt nicht viel mehr als die Hoffnung auf einen steigenden Leitzins.

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