Der Verrat an den Demokraten

, von  Maria Vasarhelyi

Der Verrat an den Demokraten
Hinter den Kulissen des Parlaments: Die Opposition tanzt nach Orbán Pfeife, meint Maria Vasarhelyi. Foto: Dimitris Kamaras/ Flickr/CC BY-2.0 Lizenz

Dass Viktor Orbán seine Macht in Ungarn derart zementieren kann, liegt auch an der Feigheit der Opposition - und das ist im Hinblick auf die Wahlen 2018 gefährlich, sagt Maria Vasarhelyi. Ein Meinungsartikel.

„Man begann mitzumachen –zunächst aus Furcht. Nachdem man aber einmal mitmachte, wollte man es nicht mehr aus Furcht tun – das wäre ja gemein und verächtlich gewesen. So lieferte man die zugehörige Gesinnung nach. Das ist die seelische Grundfigur des Sieges der nationalsozialistischen Revolution. Freilich musste noch etwas anderes hinzukommen, um ihn zu vollenden: Das war der feige Verrat aller Partei- und Organisationsführer, denen sich die 56 Prozent Deutsche, die noch am 5.März 1933 gegen die Nazis wählten, anvertraut hatten//...// Dieser Verrat liefert die letzte Erklärung für die zunächst unerklärbar scheinende Tatsache, dass ein großes Volk, das immerhin nicht nur aus Feiglingen besteht, widerstandslos der Schande verfallen konnte. Der Verrat war durchgehend, allgemein und ausnahmslos, von links bis rechts.”

Diese Sätze schrieb der deutsche Publizist, Historiker Sebastian Haffner, in seinem Buch Geschichte eines Deutschen, Die Erinnerungen 1914-33, über die Machtergreifung Hitlers im Sommer 1933. Haffner war ein konservativ eingestellter junger Mann von brillanter Intelligenz und feinem Gespür für Ethik. Er war gerade in seinen Dreißigern, als seine Karriere als Jurist begann. In seinen Erinnerungen sucht er nach einer Erklärung dafür, dass sein Volk, seine Mitbürger, seine engsten Freunde nacheinander zu Anhängern der abscheulichen Ideologie der Nazis wurden. Er kam zu der Erkenntnis, dass Duckmäusertum , Bestechlichkeit, Verantwortungslosigkeit, intellektuelle Genügsamkeit und endloser Egoismus der Führungsschicht von den sogenannten demokratischen Parteien dabei die zumindest gleich große Rolle spielten wie die historischen Vorgänge, die Lage Deutschlands und die magische Wirkung der nationalsozialistischen Ideologie.

Im Großen und Ganzen sind wir jetzt in Ungarn da angelangt. Dass Orbán die Macht seiner durch und durch korrupten, nationalistisch hetzenden Fidesz-Partei derart zementieren kann, dafür tragen die Verantwortung auch die feigen, untereinander zerstrittenen, geistigen Tiefflieger der demokratischen Opposition. Denn wie intensiv die von der Regierung verordnete Gehirnwäsche auch ist, und wie wirksam die aufeinander folgenden Lügenkampagnen auch erscheinen, die Mehrheit der Bevölkerung sieht sehr wohl, wie Fidesz ihre Klientel ausbaut und dabei das Land plündert und ruiniert. Einerseits versuchen sich viele schon wegen der Ohnmacht der Opposition der endlos scheinenden Macht der Fidesz anzupassen. Andererseits nimmt man mit zunehmender Abneigung die oppositionellen Parteien wahr, die keine Alternative anbieten. Ihre Aktivität beschränkt sich auf gegenseitiges Mobbing, weshalb der Großteil der Bevölkerung immer mehr politikverdrossen wird.

Das Fiasko der Opposition belegt nichts mehr, als die Tatsache, dass während die Mehrheit der Wähler die hinterlistige und verlogene Politik von Fidesz durchschaut, es den oppositionellen Parteien laut Umfragen trotzdem nicht gelingt die Wählergunst bei den wichtigsten Fragen der Zukunft des Landes für sich zu gewinnen.

Mehr als zwei Drittel der Wähler ist sich trotz der seit Jahren mit allen Mitteln betriebenen Hetzkampagne der Regierung gegen Brüssel im Klaren darüber, dass das vorrangige Interesse Ungarns der Verbleib in der EU ist. Sie sind der Regierung bei deren „Öffnung nach Osten“ –Politik (Russland und Nachfolgerstaaten der ehemaligen Sowjetunion) nicht auf den Leim gegangen. Die Mehrheit weiß es wohl, dass der heimlich ausgeklüngelte Vertrag mit Putin über den Neubau des einzigen ungarischen Kraftwerks nur den egoistischen Interessen der Fidesz-Klientel dient. Die meisten lehnen die unbegründeten, verschwenderischen Prestige-Investments der Regierung ab. Sie kritisieren die alles durchdringende Korruption der Regierung scharf. Die meisten Ungarn haben mehr Abscheu vor Lörinc Mészáros – einem engen Freund von Orbán, der vom Gaskassierer zum Milliardär mutierte - als vor dem früheren Ministerpräsidenten Gyurcsány, der seit zehn Jahren für alle Misserfolge der Orbán-Regierung als Sündenbock herhalten muss. Trotz allem hat der Wählerzuspruch für die oppositionellen Parteien in den vergangenen Jahren kein bisschen zugenommen.

Je eindeutiger man nämlich die von der Fidesz-Regierung verursachten Schäden wahrnimmt, umso abstoßender finden sie die Ohnmacht und gegenseitige Anfeindung der Opposition. Warum sollten sie auch der heutigen Opposition zutrauen, Ungarn ab 2018 vernünftig und verantwortungsvoll regieren zu können, wenn sie das Gefühl haben, dass die demokratische Opposition es nicht fertig bringt, das Interesse des Landes vor das eigene Interesse zu stellen? Warum sollten die Wähler ihnen abnehmen, dass sie in einer neuen Regierung miteinander auskommen würden, wenn sie sich schon vor der Wahl ständig in den Haaren liegen? Warum sollte irgendjemand der Opposition zutrauen, dass sie imstande ist, der liederlichen Fidesz-Ära ein Ende zu bereiten, wenn sie sich weiter gegenseitig diskreditieren und somit jetzt schon nach der Pfeife von Orbán tanzen?

Dieser Artikel wurde treffpunkteuropa.de zur Verfügung gestellt. Das ungarische Original ist in der Wochenzeitung 168 óra (168 Stunden) erschienen.

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