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Die abgelegensten Orte der EU: La Réunion

, von  Stéphanie-Fabienne Lacombe

„Ich bin nicht weiß, bin nicht schwarz“ singt Danyel Waro in seinem zur Hymne gewordenen „Batarsité“. Die Ikone der traditionnellen Maloya-Musik fasst so den Geist der Insel in wenigen Worten zusammen. Auf La Réunion im Indischen Ozean begegnen sich die Kontinente.

Blick in den Cirque von Cilaos, La Réunion, Hochland - Foto: Stéphanie-Fabienne Lacombe

Autoren

  • Stéphanie-F. Lacombe studiert Geographie und VWL in Berlin. Bei Praktika beim „Handelsblatt“ sowie „ParisBerlin“ entdeckte sie ihre Begeisterung für Journalismus. Im Sprachenmix fühlt sie sich zu Hause, daher ist sie seit April 2015 Koordinatorin der Übersetzungen bei treffpunkteuropa.de.

Ursprünglich unbewohnt, wurde die Vulkaninsel im 18. Jahrhundert zum Anbaugebiet für Zuckerrohr und Kaffee und somit zu einem Zentrum des Sklavenhandels. Europäer und Ostafrikaner besiedelten das Tiefland. Als die Sklaverei 1848 verboten wurde, kamen südindische und chinesische Arbeiter, um die nunmehr fehlende Arbeitskraft zu ersetzen. Heutzutage ist die Gesellschaft des französisches Überseedépartement gekennzeichnet vom „métissage“, der Mischung der Kulturen und Ursprünge. Jeder hat hier weit verzweigte Stammbäume mit Vorfahren aus Madagaskar, China, Indien oder Westeuropa und doch kann nichts und niemand auf La Réunion in eine Schublade gesteckt werden, denn Kommunautarismus gibt es kaum, gemischte Ursprünge sind Normalität. In der Stadt stehen Hindu-Tempel, Moschee und Kathedrale quasi nebeneinander und auch in der Küche machen sich die verschiedenen Einflüsse bemerkbar. So werden Samossas und Frühlingsrollen, Reisgerichte („caris“) oder Croissants und andere französische „Patisseries“ an jeder Ecke verkauft, die Gewürze und Rezepte beeinflussen sich, sodass schwer fällt, herauszufinden, woher ein Gericht ursprünglich kommt. Allgemein herrscht ein Klima der Toleranz, Diskriminierung (oder Bevorteilung) aufgrund der Hautfarbe gibt es kaum. Das Fleckchen Erde im Ozean ist zudem ein Paradies für Naturliebhaber: das Hochland im Inneren lädt zum Wandern ein und die Lagune im Westen zum Schnorcheln.

Doch ist auch La Réunion nicht vor Problemen gefeiht. Mit einer Arbeitslosigkeit von 33% haben besonders die jungen Franzosen zu kämpfen. Universitätsabsolventen gehen auf Jobsuche in die „métropole“, das französische Festland. Ökonomisch ist die Insel stark abhängig von Frankreich und den EU-Subventionen für den Zuckerrohranbau, der immer noch die Haupteinnahmequelle darstellt. Importationen sowie Infrastrukturprojekte, wie die neue Küstenstraße auf dem Meer, die die gnadenlos überfüllten Straßen entlasten soll, sind teuer. Die Lebenshaltungskosten sind hoch, der Wohnraum begrenzt, und Baustellen kennzeichnen das Landschaftsbild. Der relative soziale Frieden wurde schon öfter durch Aufstände bedroht. Dennoch helfen ein europäisches Gesundheits- und Sozialsystem, die Schere zwischen Arm und Reich relativ gering zu halten. Nachdem aus der Kolonie 1946 ein französisches Département wurde, setzte zudem ein starker struktureller und kultureller Wandel ein. Bildungs,- Gesundheits- und Sozialsystem wurden dem französischen angepasst und die Gesellschaft wurde durch veränderte Wohn- und Konsumformen zunehmend europäischer, was nicht wenige, gerade in der älteren Generation, bedauern.

Trotz der heutigen Herausforderungen zieht es viele, die eine Zeit in Europa verbracht haben, zurück ins „péi“, das Heimatland. Denn aller Widrigkeiten zum trotz ist auf Familie, das sonntägliche Picknick, oder die Textsicherheit beim Anstimmen eines Maloyaliedes einfach verlass. Traditionsbewusst und multikulturel ist La Réunion, Toleranz und Integration sind Alltagsrealität. In Zeiten von Debatten über Zuzug und Andersartigkeit lohnt sich vielleicht ein inspirierender Blick in die Subtropen.

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