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Pluralismus statt Populismus

Die Medien und der Rechtspopulismus

, von  Jan Philipp Thomeczek

Philipp Thomeczek sieht in den Sozialen Medien genau das, was Populisten lange gesucht haben: ein Instrument zur Umgehung der Massenmedien. Ironischerweise sind aber jene Massenmedien besonders vom Populismus abhängig. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk sollte hingegen versuchen Gegenakzente zu setzen und dem Druck des Populismus nicht nachgeben.

In treffpunkteuropa kontrovers diskutieren Experten unterschiedlicher Ansicht ein Thema politischer Relevanz. In dieser Woche diskutieren Manuel Müller und Philipp Thomeczek, wie Medien mit Rechtspopulisten umgehen sollten.

Autoren

  • Jan Philipp Thomeczek promoviert aktuell zum Thema Populismus. Er hat hat u.a. in Potsdam, Berlin und Siena studiert. Sein Interesse gilt vor allem Parteien und Wahlen.

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Das Label „Populismus“ erfreut sich, spätestens seit den spektakulären Landtags- und Europawahlerfolgen der AfD, auch in Deutschland größter Beliebtheit. Häufig bleibt es jedoch bei vagen Andeutungen, wer oder was damit gemeint ist. Manuel Müller spricht von Nationalpopulisten und nimmt dadurch eine sinnvolle Eingrenzung vor. Doch es gibt Elemente, die sich in allen populistischen Bewegungen wiederfinden. In der Forschung hat sich ein Konsens herausgebildet, dass Populismus aus drei miteinander verbundenen Aspekten besteht.

Manuel Müllers Beitrag zu diesem Thema lesen.

Er gibt sich als vermeintliches Sprachrohr eines homogen verstandenen „Volkes“, übt harsche Kritik am Establishment und den herrschenden Machteliten und tritt für vereinfachte institutionelle Spielregeln ein. Wichtig ist anzumerken, dass der Volksbegriff in der internationalen Forschung neutral verstanden wird und nicht zwingend eine rechtsextreme Färbung hat, wie zahlreiche lateinamerikanische Präsidenten in der jüngsten Vergangenheit gezeigt haben. Populismus selbst ist ein Phänomen, welches sich in jedem politischen Spektrum äußern kann. Die drei oben genannten Elemente sind jedoch konstitutiv. Da Aufmerksamkeit durch Populismus quasi garantiert ist, wird er vor allem gerne von Akteuren abseits der Mitte verwendet.

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Unterschieden werden sollte zwischen populistischen Akteuren und populistischen Strategien. Populistische Akteure haben die drei genannten Elemente zutiefst verinnerlicht, sie bilden ihre Daseinsberechtigung, ihre Raison d’Être. Hängen diese Akteure jenen Ideen über einen sehr langen Zeitraum an, kann man durchaus von einer populistischen Ideologie sprechen. Populistische Strategien sind hingegen an der politischen Tagesordnung und werden auch von den sogenannten etablierten Parteien genutzt. Ein Beispiel ist das Brexit-Referendum, das von David Cameron angesetzt wurde. Mit der Zuspitzung eines hochkomplexen Themengeflechts auf eine einzige Frage wollte er einen Schlussstrich unter eine Debatte ziehen, ohne selbst an das Instrument zu glauben. Die noch nicht absehbaren Konsequenzen werden für alle Briten und Europäer in jedem Fall unbequem sein.

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Die Entstehung sozialer Medien wie Facebook und Twitter ist für Populisten ein historischer Glücksfall. Der Traum von der direkten Kommunikation mit den Unterstützern, die schon die klassischen populistischen Präsidenten in Lateinamerika verfolgten, ist nun Realität geworden. Populistische Akteure sind heutzutage nicht mehr auf die verhassten Massenmedien angewiesen, sondern können über ihre eigenen Websites, Blogs und soziale Medien ungefiltert Nachrichten verbreiten und mit ihren Anhängern direkt in Kontakt treten.

Nicht zuletzt deswegen verfügen viele populistische Parteien über deutlich mehr Follower und Likes als ihre etablierten Counterparts. Qualitätsmedien haben hier keine Chance und sind für viele überhaupt erst ein Grund sich populistischen Aussagen hinzugeben (Stichwort “Lügenpresse”). Da Massenmedien den öffentlichen Diskurs maßgeblich beeinflussen und steuern können, werden sie besonders häufig von Populisten als Teil der Machtelite identifiziert und scharf kritisiert. Abstieg des Printjournalismus, Aufstieg der sozialen Medien und die Popularität populistischer Äußerungen stehen in einem direkten Zusammenhang.

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Die Medien sind nicht primär für die Entstehung von (National-) Populisten verantwortlich, das bekräftigt Manuel Müller zu Recht. Doch ironischerweise ist die Medienlogik selbst populistisch. Populistische Positionen sind häufig polarisierend, rufen Emotionen hervor und versprühen durch ihre vereinfachenden Lösungsvorschläge einen Hauch von Radikalität. Genau diese Kriterien bedeuten „Bares“ in der Währung der Massenmedien, sprich: größere Auflagen, höhere Einschaltquoten, mehr Klicks. Das Ergebnis ist eine schicksalhafte Symbiose: Populisten brauchen Massenmedien und Massenmedien brauchen Populisten.

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Manuel Müller hat Recht, dass gerade der Qualitätsjournalismus die Auseinandersetzung mit populistischen Ideen nicht zu scheuen braucht - das galt schon in der Vergangenheit. Das Problem ist, dass diese Medien die Adressaten populistischer Botschaften gar nicht (mehr) erreichen. Mittlerweile gibt es einen Kern an Bürgern, der Süddeutsche, FAZ und vor allem dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk keinen Glauben mehr schenkt. Bei dieser Gruppe kann es nur noch um Schadensbegrenzung gehen, um das Aufhalten des Trends, nicht aber um eine Umkehr dieses Prozesses. Die klassischen Stammkonsumenten dieser Medien sind hingegen eher weniger geneigt populistischen Botschaften Glauben zu schenken. Boulevardmedien operieren noch viel stärker nach der oben beschriebenen populistischen Logik. Daher ist von ihnen an dieser Stelle kein konstruktiver Umgang zu erwarten. Das ist jedoch keine neue Erkenntnis. Boulevardzeitungen haben sich schon immer ganz besonders für Skandale, markante Äußerungen und Tabubrüche interessiert. Sicherlich hat diese Dynamik seit Zulassung des Privatfernsehens in den 80er Jahren zugenommen, doch diese Entwicklung kann nun mal nicht umgekehrt werden.

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Im öffentlichen Rundfunk wären Reformen nicht nur sinnvoll, sondern auch realisierbar. Im Umgang mit populistischen Meinungen betrifft dies vor allem die Berichterstattung. Grundsätzlich kommen die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten ihrem Auftrag nach einer seriösen und zuverlässigen Berichterstattung nach, wie beispielsweise bei der Tagesschau zu sehen ist. Auch die öffentlich finanzierten Internetportale warten mit viel Hintergrundinformation auf, die bei Bedarf abgerufen werden können. Der Vorwurf der „Lügenpresse“ ist schlicht absurd. Nachholbedarf besteht aber bei dem Thema Transparenz. Der Vorwurf der tendenziösen Berichterstattung, der vor allem im letzten Jahr auf dem Höhepunkt der Flüchtlingsdebatte aufgekommen ist, kann nicht ganz von der Hand gewiesen werden. Allerdings ist das weder verwunderlich noch verwerflich, denn jeder Redakteur und jede Redakteurin verfügt natürlich über eigene Positionen und Meinungen, die Einfluss auf einen Beitrag haben können. Zum einen sollte dies transparenter kommuniziert werden. Zum anderen sollte sich die Vielfalt der Meinungen aber nicht nur innerhalb der Medienlandschaft, sondern auch innerhalb des Mediums selbst widerspiegeln. Denn das Gegenstück zu Populismus heißt Pluralismus.

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Als Reaktion auf diesen Vorwurf, insbesondere nach den Vorfällen in der Silvesternacht 2016, verfolgen viele (Qualitäts-) Medien mittlerweile eine Mischstrategie aus vorauseilendem Gehorsam und defensiver Rechtfertigung. Diese Entwicklung ist mit Sorge zu beobachten. Liegen keine gesicherten Informationen zu einem Vorfall vor, muss man sich nicht dafür entschuldigen, dass über ein Ereignis (noch) nicht in aller Ausführlichkeit berichtet wird.

Unseriöse Informationen können Angst und Panik verbreiten, Hass und Vorurteile schüren. Das Argument, dass in Zeiten des Internets wesentlich schneller auf Entwicklungen reagiert werden muss, ist ein schwaches; wer möchte, findet zu jeder Tages- und Nachtzeit vermeintliche „Breaking News“ über Tod, Terror und Tumulte, die sich oft als falsch herausstellen. Wer diesem Drängen nachgibt, verliert an Glaubwürdigkeit.

Ein weiterer Punkt betrifft den direkten Umgang mit populistischen Akteuren, insbesondere in Politainment-Formaten wie Talkshows. Schaut man sich einmal an, welche Titel die Diskussionsformate auf den ersten beiden Kanälen in den letzten Jahren trugen, entsteht der Eindruck, dass die Bundesrepublik von Rechtsextremen beherrscht, Islamisten zerbombt und Flüchtlingen ins Chaos gestürzt wird - gleichzeitig. Ein Wunder, dass dieses Land überhaupt noch funktioniert! Das betrifft aber ebenso die defensive Moderation dieser Sendeformate, den daraus resultierenden verrohten Umgangston und vor allem die Auswahl der eingeladenen Gäste. Wer laut brüllt, hat nicht automatisch Gehör verdient.


Redakteur kontrovers: Arthur Molt

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