Kennedy benannte auch gleich ihre wirtschaftliche Bedeutung. In der Europäischen Union derweil existiert ein Paradoxon. Zwar nimmt hier die Angleichung der wirtschaftlichen Bedingungen zwischen den EU-Staaten immer mehr zu – etwa durch Freihandel. Mit positiven Folgen gerade für Osteuropa. In der Ausgestaltung der beruflichen Bildung existieren aber noch immer große nationale Unterschiede. In Deutschland wird das etwa durch das duale Studium deutlich. Diese kommt in dieser Form in keinem anderen EU-Staat vor. Wie also sieht Berufsausbildung in Finnland, Spanien oder Ungarn aus? Und kann eine Angleichung der Systeme gelingen?
Deutschland: frühe Trennung, hohe Durchlässigkeit
Werfen wir für einen Vergleich zunächst einen Blick auf das deutsche Bildungssystem. Dieses ist auf den ersten Blick streng zwischen praktischer und universitärer Schulbildung getrennt. So gibt es bis zu drei klassische Schulzweige , von denen einer in die universitäre Bildung führt und zwei auf die praktische Ausbildung ausgerichtet sind. Dabei wird bereits mit zehn Jahren, in Berlin und Brandenburg mit zwölf Jahren, in die Zweige getrennt und damit im europäischen Vergleich sehr früh. Alle drei Schulzweige unterscheiden sich dabei sowohl in der Anzahl der Schuljahre als auch in den Fächern. Beispielsweise gibt es in der hessischen Haupt- und Realschule das Fach „Werken“, im Gymnasium fällt das weg. Stattdessen können dort ab der Oberstufe Fächer wie Philosophie oder Wirtschaftswissenschaften angeboten werden. Auf den zweiten Blick fällt jedoch eine Vernetzung zwischen den Schulzweigen auf, als Nachfolge des früheren „zweiten Bildungswegs“. So funktioniert die praktische Berufsausbildung immer dual, bestehend aus Arbeitstagen im Betrieb und den Besuch einer Berufsschule . Auch ein Übergang in die universitäre Bildung ist durch die praktische Berufsausbildung möglich. Wer nach seiner betrieblichen Ausbildung einen Meister anhängt, erwirbt sogar die Hochschulreife. Aber auch andersherum kann es gehen – in Hessen reicht ein praktisches Arbeitsjahr nach der 12. Klasse für das Fachabitur.
Diese Verzahnung hat sich in den letzten Jahrzehnten immer mehr weiterentwickelt. Sie mündete in den 70er-Jahren in der Einführung des dualen Studiums. Hierbei wird eine betriebliche Ausbildung nicht etwa mit dem Besuch der Universität bzw. Hochschule verbunden. Dabei winkt nicht nur das Ausbildungsgehalt als finanzielle Sicherung neben dem Studium, sondern auch der doppelte Abschluss, der neben theoretischem Wissen auch praktische Fertigkeiten aufzeigt. Das duale Studium ist beliebt – 2024 erreicht es einen Höchststand mit 138.000 Studierenden , die in 1824 dualen Studiengängen eingeschrieben waren. Auch wenn sich bisweilen viele – gerade junge – Menschen in Deutschland über das starre Bildungssystem beschweren das an föderalen Unterschieden kranke , kann zumindest das duale Studium als erfolgreiche politische Idee aufgefasst werden. Doch wie sehen die Ausbildungsmöglichkeiten in anderen europäischen Ländern aus?
Finnland: Berufliche Bildung geht auch individuell
In Finnland gehen alle Schulkinder für die ersten neun Schuljahre in dieselbe Schule. Dabei kommen die Kinder erst mit sieben Jahren in die Schule. Erst mit 15 oder 16 Jahren entscheidet sich dann der weitere Bildungsweg. Eine grundsätzliche Schulpflicht bleibt aber auch in der Sekundarstufe II bestehen, die mehrere Möglichkeiten bietet. Ähnlich wie in Deutschland gibt es auch hier eine „Oberstufe“. Diese heißt in Finnland Ylioppilastutkinto und geht drei Jahre lang. Danach hat man die Hochschulreife erlangt und kann entlang des internationalen Studiensystems – drei Jahre Bachelor und zwei Jahre Master – studieren. Wer kein Interesse am Studium hat, dem stehen drei weitere Möglichkeiten der beruflichen Bildung offen. Da wäre zum einen die dreijährige berufliche Grundqualifizierung, genannt Ammatillinen perustutkinto mit einer Grundprüfung. Außerdem gibt es die berufliche Weiterqualifizierung Ammattitutkinto, die man auch direkt nach der 9. Klasse besuchen kann. Beide Ausbildungswege durchläuft man – je nach Fach und Eignung – in drei bis sechs Jahren. Eine Besonderheit bildet in Finnland die so genannte Spezialistenausbildung. Dabei handelt es sich um verschiedene Programme der Erwachsenenbildung, beispielsweise in Berufsinstituten oder Ausbildungszentren. Wer nach den verpflichtenden neun Schuljahren noch nicht weiß, wie seine berufliche Bildung weitergehen soll, kann eine „TUVA-Ausbildung“ machen. Erst 2022 eingeführt, bieten diese Ausbildungen die Möglichkeit, in bis zu einem Jahr allgemeinbildende oder berufsvorbereitende Inhalte zu erlernen. Die TUVA-Lehrkräfte erstellen gemeinsam mit jedem Lernenden einen individuellen Studienplan, basierend auf bereits erlangten Kompetenzen und persönlichen Zielen. Darüber hinaus wählt der Lernende mindestens zwei weitere Module, in denen berufsrelevante Kompetenzen vermittelt werden. Eine weitere Chance der TUVA: die Schüler*innen haben die Möglichkeit, die Noten ihres letzten Abschlusses zu verbessern. Die TUVA-Ausbildung ist auch für Erwachsene möglich, die sich beruflich umorientieren wollen.
Ungarn: „Technikum“ als dritte Bildungsform
In Ungarn beginnt die verpflichtende Bildung bereits mit sechs Jahren. Denn mit diesem Alter müssen alle Kinder den Kindergarten, „Óvoda“ genannt, besuchen. Die Grundschule beginnt dann mit sechs Jahren. Hier verbringen alle Kinder acht Schuljahre, unterteilt in Unter- und Oberstufe. Danach geht es mit dem Gymnasium oder einer beruflichen Bildung weiter. Das Bildungssystem dazu wurde 2020 reformiert. Seitdem gibt es nur noch drei Möglichkeiten der Schulwahl nach der achten Klasse, wobei die Schulpflicht den Besuch einer der drei Schulformen für mindestens zwei Jahre vorsieht. Das Gymnasium geht vier Jahre und bereitet klar auf den Besuch einer Universität vor. Die berufliche Sekundarschule szakképzőiskola dauert drei Jahre und vereint Schulwissen mit zahlreichen Praktika und praktischer Arbeitserfahrung. Im ersten Jahr werden grundsätzliche Kompetenzen gelernt. Am Ende der 9. Klasse wählen die Schüler*innen ihren spezifischen Beruf. Die dafür nötigen Kenntnisse werden anschließend dual vermittelt. Anschließend hat man die Möglichkeit, in so genannten Höheren Berufsbildungsgängen die Allgemeine Hochschulreife zu erlangen. Eine Besonderheit im ungarischen Bildungssystem ist das „Technikum“. Dieses verbindet – ähnlich wie das deutsche duale Studium – praktische Fertigkeiten und Theorie. Nach der fünfjährigen weiterführenden Schulzeit hat man dann neben der Hochschulreife bereits eine berufliche Ausbildung erlangt. Im Studium selbst gibt es seit 2015 auch duale Studienformen.
Spanien: viel Theorie, kaum Praxis
In Spanien geht der gemeinsame Unterricht bis zur 10. Klasse. Neben dem zweijährigen Gymnasium mit anschließender Hochschulreife gibt es eine zweijährige Ausbildung mittleren Grades und eine anschließende Ausbildung höheren Grades, die ebenfalls zwei Jahre geht. Wer von einer Lehrkraft vorgeschlagen wird und es für nötig hält, kann nach der gemeinsamen Grundschule mit 15 bis 17 Jahren eine berufliche Basisausbildung machen. Alle beruflichen Bildungsstätten zeichnet ein hoher Theorieanteil aus. So erfolgt in der mittleren und höheren Berufsausbildung nur 25 Prozent der Unterrichtszeit in betrieblicher Praxis. Regional verschieden gibt es zudem eine duale Ausbildung mit höherem praktischen Lernanteil. So gibt es in der Region Madrid eine 21-monatige Ausbildung auf dem höheren Berufsbildungsgrad, wovon die Schüler*innen 12 Monate vollständig im Betrieb absolvieren. Generell wird die berufliche Bildung zwischen Nationalregierung und den autonomen Regionen aufgeteilt. In Spanien spielen Privatschulen eine große Rolle. Im Land und seinen Regionen gibt es einige Bildungsträger, die zum Teil eigene, anerkannte Formen der beruflichen Bildung anbieten.
Berufliche Bildung in der EU – weiterhin viele Unterschiede
Um als Europäische Union wettbewerbsfähig zu sein, wäre es sinnvoll, gemeinsame hohe Standards für die berufliche Bildung zu definieren. Im Jahr 2002 trafen die Mitgliedsstaaten mit der „Kopenhagener Erklärung“ einen ersten Schritt zu einer vergleichbareren Berufsbildung. Diese sieht Maßnahmen zur Qualitätssicherung der Ausbildungen vor, bessere Transparenz, sowie einheitliche Instrumente zur Anerkennung von Kompetenzen. Grundsätzlich arbeiten die Mitgliedsländer also zusammen. Eine Vereinheitlichung der Bildungssysteme scheitert derzeit aber insbesondere an regionalen Kompetenzen. Derweil läuft der Vereinheitlichungsprozess schleppend. So wurde 2009 das einheitliche „Credit“-System ENVEC für die Bewertung eingeführt. Im Jahr 2020 wurde das System jedoch mangels einer realen Etablierung eines europäischen Leistungssystems wieder eingestellt. Es bleibt abzuwarten, welche Initiativen in der Zukunft entstehen, um die berufliche Bildung in einem Kontinent weiter zu stärken, dessen Wohlstand hauptsächlich auf den Kompetenzen seiner Köpfe, als auf Rohstoffen aufbaut.

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