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Ein Zeichen aus Beton

, von  Julius Leichsenring

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Sie ist unscheinbar und nur 80 Meter lang: Die Altstadtbrücke von Görlitz. Doch für viele ist sie das Zeichen für die europäische Integration, verbindet sie doch den polnischen und deutschen Teil dies- und jenseits der Neiße. Grenzkontrollen sind hier passé. Doch die Brücke ist bei weitem nicht nur ein Zeichen für die Vorzüge der EU.

Die Altstadtbrücke von Görlitz. Foto: „Görlitz“ © Chris Grabert Flickr (https://www.flickr.com/photos/chris_grabert/3436725425) / CC BY 2.0-Lizenz (https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/)

Autoren

  • studierte an der Universität Halle - Wittenberg im Master Politikwissenschaften. Journalistische Erfahrung sammelte er unter anderem bei der Süddeutschen Zeitung und stern.de. Er war bis August 2014 Chefredakteur von treffpunkteuropa.de.

Sie ist keine architektonische Meisterleistung, die Altstadtbrücke von Görlitz. Weder ist sie mit ausgefallenen Ornamenten verziert, noch ist sie aus besonderen Materialien erbaut. Kalter Beton und Stahl prägen die Bogenbrücke über der Neiße. Trotzdem: Ihre historische Bedeutung ist enorm.

Die 80 Meter lange Verbindung führt von der Görlitzer Altstadt in die polnische Stadt Zgorzelec. Keine zwei Minuten dauert es, um von einem Land in das andere zu gelangen. Täglich legen diese Strecke Touristen und Anwohner auf dem Weg zur Arbeit oder zum Einkaufen zurück – aufgehalten höchstens vom Blick auf den ruhig dahin fließenden Fluss. Grenzpolizei oder Zoll – Fehlanzeige. Dass es sich um eine Grenze handelt, merkt man nicht. Nur am anderen Ufern angelangt, stellt man fest, dass dort eine andere Sprache gesprochen und mit einer anderen Währung gezahlt wird.

Die Altstadtbrücke ist ein, wenn nicht so gar das Zeichen für ein in Frieden zusammenwachsendes Europa: 1945 von den Wehrmachtsoldaten während des Rückzugs aus Osteuropa in die Luft gesprengt, bestand in Zeiten des Kalten Krieges kein Bedarf an einem Wiederaufbau der Brücke. Der Grenzverkehr wurde an der nahe gelegenen Stadtbrücke abgewickelt. Erst im Oktober 2004 wurde die Altstadtbrücke nach etwa anderthalb Jahren Bauzeit feierlich wiedereröffnet. Mit dem Beitritt Polens zum Schengener Raum 2007 verschwanden die letzten Hürden für einen ungehinderten Austausch: die Grenzposten. Zusehends wachsen seitdem die zwei Städte, die einst eine Einheit bildeten, wieder zusammen: Auf der deutschen Seite sind viele Schilder auf polnisch übersetzt, am polnischen Ufer kann in den meisten Geschäften ungehindert mit Euro bezahlt werden. Zudem findet einmal im Jahr das Altstadtfest und gleichzeitig das Jakuby-Fest in Zgorzelec statt. Die Altstadtbrücke verbindet beide Festgelände dies- und jenseits der Neiße miteinander.

Doch der wachsende Austausch stößt nicht nur auf Gegenliebe in der Bevölkerung: Bei der letzten Europawahl konnte die eurokritische AfD knapp zwölf Prozent der Stimmen in Görlitz auf sich vereinen, über vier Prozent erhielt die NPD. Damit ist die Skepsis gegenüber der EU in der selbsternannten Europastadt überdurchschnittlich hoch. Die Altstadtbrücke von Görlitz ist somit nicht nur ein Zeichen für einen abgeschlossenen Prozess, bei dem Grenzen zwischen Nachbarstaaten verschwimmen. Vielmehr zeigt sie, dass es nicht ausreicht, die Errungenschaften der EU täglich zu erleben. Aufklärung und das Schaffen von Verständnis für andere Kulturen und Lebensweisen bleibt eine dauerhafte Aufgabe. Den ersten Schritt dazu haben die Görlitzer bereits unternommen: An vielen Schulen der Stadt können die Jugendlichen als zweite Fremdsprache Polnisch wählen.

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