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Flüchtlings-Doku „Fuocoammare“ - eine Lektion für Europa

, von  Cristina Bettati

Die italienisch-französische Dokumentation „Fuocoammare“ handelt von Parallelwelten auf der Mittelmeer Insel Lampedusa. Einerseits zeigt sie den Alltag der Inselbewohner, andererseits das Leben der Flüchtlinge, die sich über das Meer gerettet haben. Das Aufeinandertreffen dieser zwei Welten spiegelt den Zustand Europas wider. Und daraus kann man vieles lernen.

Szene aus der Dokumentation „Fuocoammare“. – © eLENA tUBARO / Link/ CC-BY-NC-ND 2.0 Lizenz

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Nach dem Erfolg seines Films “Das andere Rom”, der bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig 2013 als erster Dokumentarfilm den Goldenen Löwen gewann, verbrachte der 52-jährige italienische Regisseur Gianfranco Rosi ein Jahr auf der Mittelmeerinsel Lampedusa. In diesem Jahr begleitete Rosi sowohl den Alltag des zwölfjährigen Samuele als auch die Arbeit der Helfer, die sich mit den Ausschiffungen und dem Tod tausender Flüchtlinge täglich beschäftigen.

Aus dieser Erfahrung stammt der Dokumentarfilm Fuocoammare (sizilianisch für „Feuer auf See“), welcher bei der Berlinale 2016 mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde. Der Film zeigt das geteilte Leben der Einwohner von Lampedusa und der Flüchtlinge. Als einzige Verbindung zwischen den zwei Welten steht im Film der Doktor Pietro Bartolo, welcher Inselbewohner und Geflüchtete auf gleiche Art und Weise behandelt.

Und ausgerechnet Bartolo wurde von Regisseur Rosi darum gebeten, den Goldenen Bären auf die Insel zu bringen. Den Preis habe Rosi nämlich den Menschen auf Lampedusa gewidmet, die seit mehr als zwanzig Jahren ihre Herzen gegenüber den ankommenden Flüchtlingen öffnen. „Ich hoffe, dass dieser Film dazu beitragen wird, ein wenig Bewusstsein zu schaffen“, sagte Rosi auf der Bühne der Berlinale. „Das ist nicht akzeptabel, dass Menschen sterben, während sie versuchen, der Tragödie zu entkommen und über das Meer zu uns zu kommen."

Fuocoammare sei aber kein politischer Film, wie Rosi in einem Interview für die italienische Tageszeitung „la Repubblica“ berichtet: „Ich wollte weder jemanden beurteilen noch eine Lösung anbieten. Der Film ist eher ein Schmerzensschrei, welcher ein unbestrittenes politisches Gewicht hat.“ Und genau dieses unbestrittene politische Gewicht lässt den Zuschauern keine Möglichkeit, als über die bisher unternommenen Maßnahmen der Europäischen Union und des Westens in Allgemeinen nachzudenken.

Interessant sind die Analogien, die man im Alltag des zwölfjährigen Samuele gegenüber dem europäischen Handeln finden kann. Samuele - der zum heimlichen Hauptdarstellers des Films wird - wohnt auf einer Insel und kommt aus einer Fischerfamilie, aber beim Bootsfahren wird ihm übel. So ähnlich verhält es sich auch mit der Europäischen Union, die laut dem Vertrag von Lissabon auf der Achtung und Wahrung der Menschenwürde gegründet ist und sich durch Pluralismus, Nichtdiskriminierung, Toleranz, Gerechtigkeit und Solidarität auszeichnet. In der Praxis der Flüchtlingskrise wurden aber bisher solche Werte nur sehr geringschätzig behandelt und von einer begrenzten Anzahl von Ländern bewiesen. Das jüngste Beispiel dafür ist der Bau einer Barriere am Brennerpass und der diesbezüglich ungehörte Appell Italiens.

Im weiteren Verlauf attackieren Samuele und ein Freund eine Reihe von Kakteen mit selbst gebauten Steinschleudern, um sie dann im nächsten Schritt sorgsam mit Klebeband zu reparieren. Einfache Trostpflaster sind auch die von der EU unternommenen Versuche, um die Flüchtlingskrise zu bewältigen. So zu verstehen sind nicht nur alle Marineoperationen (Mare Nostrum und Triton), sondern zuletzt auch das Abkommen mit der Türkei, welches das Problem nur eindämmt, aber nicht löst.

Darüber hat sich auch Bartolo als Gast einer Veranstaltung rund um den Film Fuocoammare am Freitag, den 22. April, in Rom geäußert. Wie er berichtet, haben paradoxerweise die Schlepper von den Marineoperationen profitiert, welche die Flüchtlinge in immer kleineren, klapprigeren Kähnen einschiffen können. Seiner Meinung nach sollte man in Tunesien ein Basiscamp einrichten, um die Flüchtlinge direkt von dort aus einschiffen beziehungsweise verteilen zu können. „Die Wahrheit ist aber, dass man es einfach nicht will. Und der neue Türkei-Plan ist die letzte Schande Europas”, so Bartolo.

Eine weitere Parallele zwischen Samuele und der EU zieht die Spezialbrille, welche der Junge von Doktor Bartolo bekommt, um sein träges linkes Auge zu trainieren. „Eine zufällige aber perfekte Metapher“ - berichtet der Regisseur in einem Interview für die italienische Zeitschrift „Panorama“. Rosi weiter: „Ein träges Auge hat auch Europa, das überhaupt keine Lust hat, diesen epochalen Notstand weder einzusehen noch zu bewältigen.“

Der gleichen Meinung soll der italienische Ministerpräsident Matteo Renzi gewesen sein, der jedem Regierungschef beim EU-Gipfel am 7. März eine DVD von „Fuocoammare“ zusammen mit einer persönlich adressierten Karte geschenkt hat.

Das Geschenk des Premierministers hat die Augen der EU-Chefs offensichtlich nicht geöffnet. Aber so wie Samuele schließlich lernt, selbst ein Ruderboot zu lenken, was ihm anfangs nicht recht gelingt, gibt es auch für Europa noch Hoffnung. Auf der Bühne der Berlinale erzählte Rosi eine kleine Anektode: „Ich habe Doktor Bartolo einmal gefragt, was es ist, das Lampedusa zu einem so großzügigen Ort macht, und er sagte mir, dass Lampedusa ein Ort der Fischer ist. Und Fischer akzeptieren immer alles, was über das Meer kommt.“ Und das sei vielleicht eine Lektion, die wir alle lernen sollten: Das anzunehmen, was uns das Meer schenke.

Fuocoammare wird unter dem Namen „Seefeuer“ vom 28. Juli an auch in den deutschen Kinos gezeigt.

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