Startseite > Europäische Politik > Standpunkt > Für mehr Europa im Alltag

Für mehr Europa im Alltag

, von  Beat Seemann

Wir alle sind in Frieden aufgewachsen und schätzen ihn nicht mehr. Viele junge Europäer glauben nicht mehr an Europa. Das muss sich bald ändern, sonst drohen geschlossene Grenzen und der Rückfall in ein Europa der Nationalstaaten.

Eine Interrail-Zugfahrt durch Italien. – © mrWerner / Flickr / CC BY 2.0-Lizenz

Autoren

  • studiert Geschichte und Englisch an der Humboldt Universität zu Berlin. Journalismus und Politik begeistern ihn schon seit seiner Jugend. Ein Jahr lang lebte er als Freiwilliger in Belarus, seitdem schwärmt er für Osteuropa.

Zusammen können wir etwas bewegen. Das war das Motto des diesjährigen European Youth Event am vergangenen Wochenende in Straßburg. 7500 junge Menschen aus 39 europäischen Ländern kamen zusammen um über die Zukunft Europas zu diskutieren, diesem Gebilde auf dem über 500 Millionen Menschen friedlich zusammenleben. Die meisten der Teilnehmer wirkten sehr besorgt, wenn sie sich über den Zusammenhalt unseres Kontinents äußerten. Denn es kommt auf unsere Generation an, was wir aus Europa machen.

Es ist Zeit, aus der Geschichte zu lernen

Vor 100 Jahren kämpfte die Generation der 15-25 Jährigen im Ersten Weltkrieg. Viele überlebten ihn nicht oder kamen schwer traumatisiert aus dem Krieg zurück. Grausame Erinnerungen und Traumata blieben oft ein Leben lang. Nun gab es 70 Jahre Frieden in Europa, solange wie nie zuvor in der Geschichte des Kontinents. Doch der Frieden bröckelt im Jahre 2016: Ein Mangel an Solidarität bei der Aufnahme von Geflüchteten, der nicht enden wollende Krieg in der Ukraine, ein sich weiter ausbreitendender Islamischer Staat, ein möglicher Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union. Dieser würde den Wiederaufbau massiver Grenzanlagen beschleunigen und das Risiko bestünde, in ein Europa des Nationalismus zurückzufallen. Die größte Gefahr für Europa sind jedoch Rechtsextremisten: In Polen und Ungarn sind sie bereits an der Macht und in Frankreich, Österreich, den Niederlanden, und vielen anderen Staaten drohen sie in wenigen Monaten die Macht zu übernehmen. Was dann passiert zeigt sich bereits in den oben erwähnten Staaten: Die Pressefreiheit wird mit Füßen getreten, die Politik mischt massiv in der Justiz mit und die europäische Solidarität wird aufgekündigt. Auch die Alternative für Deutschland plant all diese Maßnahmen und bezeichnet den Nationalsozialismus unverhohlen als „zwölf Unglücksjahre“. Doch unsere Generation kennt nichts außer Frieden und hat es nie gelernt, diesen zu schätzen. Massive Jugendarbeitslosigkeit von durchschnittlich zwanzig Prozent treibt viele von uns in die Hände von Extremisten. Warum? Wir fühlen uns ausgegrenzt. Dabei sind wir es, die dieses Europa gestalten müssen. Was kann also getan werden, um den Frieden zu wahren und Konflikte zu minimieren?

Erasmus ausbauen

Viele unter uns waren bereits mit dem Erasmus Programm im europäischen Ausland unterwegs.Wer ehrenamtlich arbeiten möchte, kann im Rahmen des Europäischen Freiwilligendienst monatelang in vielen verschiedenen gemeinnützigen Projekten mitarbeiten. Wer studiert kann ein bis zwei Semester an einer Universität im Ausland verbringen. Doch wer geht damit ins Ausland? Es ist die Elite unter uns, all jene die auch die finanziellen Mittel besitzen und auf Unterstützung von Freunden und Familie zählen können. Es muss versucht werden, diese Möglichkeiten für jeden erschwinglich zu machen und dennoch: Es braucht mehr und nicht weniger Erasmus um ein Gemeinschaftsgefühl unter der Jugend Europas zu schaffen.

Europa als Schulfach

Doch es bringt nichts, erst nach der Schule mit dem Thema Europa zu beginnen. In europäischen Schulen wird das Thema meist noch immer stiefmütterlich behandelt. In einer solch globalisierten, hochmobilen und immer stärker vernetzten Welt braucht es endlich ein Schulfach Europa. Darin müssen Schülerinnen und Schüler durch interkulturelles Lernen andere Kulturen und Nationen kennenlernen können. Es benötigt mehr Schüleraustausche, gemeinsame Projekte und auch eine Fahrt zu den Europäischen Institutionen nach Straßburg oder Paris sollte obligatorisch werden.

Ein Interrail-Pass für alle

Ein Bahnticket quer durch Europa gibt es schon seit Jahrzehnten: Den Interrail-Pass. Schon meine Eltern sind mit ihm quer durch Europa gereist. Immer wieder erzählt unsere Elterngeneration von Nächten in Nachtzügen, drumherum viele Rucksäcke anderer Interrailer. Doch Interrail ist teuer geworden, wer kann sich schon 400 Euro für einen Monatspass leisten. Dazu kommt, dass die Jugend Europas oft lieber mit Billigairlines fliegt, anstatt Nächte in Zügen zu verbringen. Doch wieso sollte die Europäische Union nicht jedem Volljährigen einen Monatspass zum 18. Geburtstag schenken? Das würde es jedem Europäer ermöglichen, die Vorteile des Kontinents selbst zu entdecken und eine eigene europäische Identität zu bilden. Zusätzlich würden ökologische Bahnreisen gefördert. Natürlich benötigt es noch einen kleinen Zuschuss, um sich ein wenig mit Essen einzudecken. Für solch ein Programm müsste die Europäische Union viel Geld in die Hand nehmen. Doch dieses Geld wäre gut investiert. Wenn wir nichts ändern, droht Europa schon bald auseinander zu brechen.

Onlineansicht : Treffpunkteuropa auf Facebook - Daumen hoch!

Diesen Artikel weiterempfehlen

Auf diesen Artikel antworten

Wer sind Sie?

Um Ihren Avatar hier anzeigen zu lassen, registrieren Sie sich erst hier gravatar.com (kostenlos und einfach). Vergessen Sie nicht, hier Ihre E-Mail-Adresse einzutragen.

Hinterlassen Sie Ihren Kommentar hier.
  • Dieses Feld akzeptiert SPIP-Abkürzungen [->urls] {{bold}} {italics} <quotes> <code> und HTML-Codes <q> <del> <ins>.

Kommentare verfolgen: RSS 2.0 | Atom