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Juden in Europa: Bleibt!

, von  Eva Weigel

Europa eine Wertgemeinschaft, ein Ort des Friedens seit nun mehr 70 Jahren. Herrschen in vielen Teilen der Welt Unruhen und Kriege, erheben sich die Europäer mahnend und mit Fingerzeig auf die eigene friedvolle, aufgeklärte Gesellschaft. Doch sind wir Europäer tatsächlich so überlegen?

Juden in Deutschland, Frankreich oder auch Belgien leben in Angst. Auswandern nach Israel steht seit Wochen wieder auf der Agenda vieler jüdischer Familien. – Foto: Waiting for the Train © Jaap Joris / flickr (Link) / CC BY 2.0-Lizenz

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Eine Antwort auf diese Frage ist vor dem Hintergrund der antisemitischen Übergriffe der vergangenen Wochen und Monate nicht eindeutig auszumachen. 70 Jahre nach dem Ende der Schrecken und Gräueltaten durch die Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg scheint eine neue Welle des Antisemitismus über die europäische Gemeinschaft einzubrechen. Juden in Deutschland, Frankreich oder auch Belgien leben in Angst. Auswandern nach Israel steht seit Wochen wieder auf der Agenda vieler jüdischer Familien. Doch nicht nur die Demonstrationen und verbalen Übergriffe in großen europäischen Städten im Sommer 2014 im Schatten des Gaza-Krieges offenbaren ein erneutes Aufkommen von Judenhass in Europa. Vorurteile und offene Kritik an „den Juden“ scheinen wieder gesellschaftsfähig zu werden. Getreu dem Motto „man wird ja mal sagen dürfen…“ werden jüdische Mitbürger in Europa immer wieder zur Zielscheibe von Ausgrenzung und Stigmatisierung.

Verschleierung von Antisemitismus durch Kritik an Israel

Kritik an der Politik Israels ist zweifelsohne legitim und gehört zum demokratisch gesellschaftlichen Diskurs. Jedoch dient diese Kritik oft nur als Vorwand, um eine Minderheit zu diskriminieren und damit Antisemitismus zu verschleiern. In einer Umfrage der EU Agentur für Grundrechte (FRA) aus dem Jahr 2013 gaben 41 Prozent der befragten Juden aus acht europäischen Ländern an, bereits seit fünf Jahren wachsenden Antisemitismus in der Bevölkerung zu spüren. Was folgte waren und sind Übergriffe, Schändungen, Pöbeleien und terroristische Angriffe wie der auf den koscheren Supermarkt in Paris. Was jedoch nicht folgte, war eine politische Reaktion weder in den Mitgliedstaaten selbst noch auf europäischer Ebene. Die Verunsicherung der jüdischen Bevölkerung wächst und die Politik schaut weg. Erst als der israelische Präsident Benjamin Netanjahu die Juden in Europa aufrief, nach Israel auszuwandern, schreckten die europäischen Politiker hoch. Francois Hollande und Angela Merkel appellierten an die Juden in ihren Ländern: Bleibt! Hier wurde sie endlich laut, die politische Stimme, die den Juden in Europa das notwendige Gefühl der Sicherheit vermitteln und den unerschütterlichen Rückhalt in einer offenen Gesellschaft bieten kann, der gerade vor dem geschichtlichen Hintergrund selbstverständlich sein muss. Das dies noch nicht der Realität entspricht ist schmerzhaft.

Es geht um die Rechte von uns allen

Synagogen, jüdische Schulen und Kindergärten in ganz Europa werden nach den Anschlägen in Kopenhagen und Paris von Sicherheitsleuten und Polizisten bewacht. Der französische Präsident und auch die dänische Ministerpräsident Thorning-Schmidt haben Europas Juden den Schutz vor antisemitischer Gewalt versprochen. Das sind Schritte in die richtige Richtung. Doch es darf nicht bei Bekenntnissen und Versprechen auf nationaler wie europäischer Ebene bleiben, es müssen Taten folgen. Nur so können der Schutz der jüdischen Gemeinden und die Glaubwürdigkeit der europäischen Wertegemeinschaft gesichert werden. Juden sollen in Europa frei leben können und nicht zu einer abgeriegelten Minderheit werden, die beschützt werden muss. So ist die Sicherung jüdischer Einrichtungen durch Sicherheitspersonal keine Dauerlösung und ganz sicher auch kein Weg, den eine Gesellschaft einschlagen sollte, die auf Werten wie gegenseitigem Respekt und Toleranz basiert. Doch nicht nur die Politik muss reagieren. Vor allem die Zivilgesellschaft sollte ihrer Verantwortung nachkommen und nicht müde die Entwicklungen beobachten, sondern: Aufstehen und für die Toleranz und Gleichberechtigung aller Menschen in Europa einstehen. Es geht um die Rechte von uns allen, unsere Freiheit und die Würde jedes Einzelnen.

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Ihr Kommentar

  • Am 26. März 2015 um 23:18, von  Ludger Wortmann Als Antwort Juden in Europa: Bleibt!

    Liebe Eva, vielen Dank für diesen sehr wichtigen Artikel. Ich habe auch den Eindruck, dass Antisemitismus auf dem Vormarsch ist, insbesondere mit diesen abstrusen „Montagsdemos“ und „Friedensmahnwachen“, auf denen sich verschwörungstheoretische Spinner treffen und von der „Deutschland-GmbH“ und irgendwelchen „Rothschild-Weltherrschern“ faseln. Die Salafisten und andere islamistische Gruppen, die meinen, sie müssten muslimische Europäer in ihren geistigen Djihad mit hineinziehen, haben zusätzlich schädlichen Einfluss. Leider weiß ich nicht, wie man diesen Typen begegnen kann. Der Dialog funktionierte in meinem Falle überhaupt nicht, weil diese Leute in einer ideologisch selbstimmunisierten Phantasiewelt leben. Hast du irgendwelche Konzepte, wie man Verschwörungsideologen dazu bringt, rationalen Argumenten überhaupt zuzuhören? Viele Grüße Ludger

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