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Kein dummer Kerl

, von  Martin Samse

"Der Antisemitismus ist der Sozialismus der dummen Kerls!“. Zugeschrieben wird dieses Zitat dem deutschen Politiker und Publizisten August Bebel. Das Zitat ist über einhundert Jahre alt und doch bleibt es stets aktuell, wenn in Europa über Verteilungsfragen diskutiert wird und dabei auf Minderheiten eingeprügelt wird. Im deutschen Sprachraum tut das dieser Tage kaum jemand so erfolgreich wie der AfD-Politiker Björn Höcke.

Björn Höcke hetzt die Benachteiligten der Gesellschaft auf diejenigen die alles verloren haben. – © Metropolico.org / Flickr / CC BY-SA 2.0-Lizenz

Autoren

  • studiert in Osnabrück im Masterprogramm „Europäisches Regieren: Markt-Macht-Gemeinschaft“. Seit Juli 2014 schreibt er für treffpunkteuropa.de über den europäischen Wirtschafts- und Währungsraum.

Der ehemalige Gymnasiallehrer und heutige Hardcorerechtsaußen schwingt sich auf, die soziale Frage in Deutschland neu zu definieren. Er schreckt dabei nicht davor zurück, die Kriegsflüchtlinge zum Sündenbock für die soziale Spaltung in Europa zu machen.

Von Innen nach Außen

Im bayrischen Schweinfurt steht Björn Höcke im vergangenen April auf dem Rednerpult und tönt, die Verteilungskämpfe würden in Zukunft „eine unerbittliche Härte annehmen“. Und man möchte im Recht geben: Je nachdem wie man „unerbittliche Härte“ definiert, könnte man davon aus gehen, dass dieser Fall in Griechenland längst eingetreten ist. Doch was Höcke dann sagt, muss dieser Tage wohl als übelste Form politischer Brandstiftung betrachtet werden. „Die neue soziale Frage des 21. Jahrhunderts“, so Höcke weiter, sei nicht die Frage über die Verteilung zwischen oben und unten oder jung und alt, sondern über die Verteilung „des Volksvermögens von Innen nach Außen.“. Schamlos schürt er damit die Ängste vor einer Verarmung der Bevölkerung durch den Zuzug von Flüchtlingen und hetzt somit die Schicht der Unzufriedenen auf diejenigen, die ohnehin schon alles verloren haben..

Arm und Reich

Jeden Tag liest man in den europäischen Zeitungen wie die Lebensrealität von Arm und Reich auseinanderklafft. Während Griechenland mit der Verwaltung der Flüchtlingskrise kämpft, wird das nächste Sparpaket durch das Parlament gedrückt, die Renten werden abermals gekürzt, die soziale Lage bleibt prekär. In Südeuropa grassiert die Arbeitslosigkeit: Während im Zuge der Finanzkrise zahllose Jobs vernichtet wurden, stieg das Vermögen der Reichen auf wundersame Weise an. Kurz vor der Europawahl kam dann heraus, dass der heutige Kommissionspräsident Jean Claude Juncker jahrzehntelang eine Steueroase in Luxemburg aufgebaut und betreut hat. Milliardenbeträge konnten die europäischen Unternehmen auf diese Weise einsparen. In diesem Jahr brachten die Panama Leaks ans Licht, in welchem Ausmaß sich Teile der vermögenden Klasse der Solidarität mit dem Rest der Gesellschaft entziehen.

Anstatt europäische Lösungen zu forcieren, vereinen sich in Europa die Spalter und Nationalisten, die gegen Schwache hetzen und dem Bürger weiß machen wollen, dass so etwas wie das „Volksvermögen“ tatsächlich existiert. Als seien der Reichtum und die Interessen eines Multimillionärs zu vergleichen mit denen einer alleinerziehenden Putzfrau.

Ein Feindbild für die „dummen Kerls“

Björn Höcke sprach in Schweinfurt nicht über komplexe Themen. Kein Wort über die Verbriefung von Krediten, den europäischen Steuerwettbewerb oder die Konstruktion von Scheinfirmen. Er weiß genau, dass diese Themen schwer zu vermitteln sind. Keiner der Zuhörer möchte vor Augen geführt bekommen, selber unwissend zu sein. Höcke weiß das. Er ist kein dummer Kerl; er ist Lehrer. Er lehrt denselben gefährlichen Mist, der in Zeiten von Ungerechtigkeit immer schon für Beifall gesorgt hat: Den „dummen Kerls“ wird wahlweise das Bild vom raffgierigen Juden vorgehalten; vom faulen Muslim oder dem schmarotzenden Ausländer. Einfach weil es funktioniert hat, immer schon.

Wäre August Bebel das letzte Mal aus seinem Grab emporgestiegen und hätte Björn Höcke in Schweinfurt zugehört, er müsste glauben, dass sich seit seinem letzten Besuch in Deutschland vor über 100 Jahren, gar nicht viel verändert hätte.

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