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Kosovo: Die Wunden des Krieges heilen

Reportage einer Reise durch das jüngste Land Europas

, von  Hadrien Bajolle, übersetzt von Anna Wenzel

Als letzter Schachzug der Zerstückelung des ehemaligen Jugoslawien erklärte der Kosovo im Jahr 2008 seine Unabhängigkeit von Serbien. Nur noch jeder zehnte Bewohner des Landes ist orthodoxer Serbe, die Mehrheit stellen hingegen albanische Muslime. Im Kontext interkommunaler Gewalt entstanden, ist das Land noch heute auf der Suche nach einem Weg in den Frieden. Zwischen altem Hass, diplomatischen Manövern und Versöhnungsversuchen: Eine Reise in den jüngsten Staat Europas.

Mitrova, Januar 2016. Auf der Brücke von Mitrova wird die Grenze von europäischen KFOR-Soldaten überwacht – Foto: Hadrien Bajolle.

Autoren

  • Etudiant à la London School of Economics, il est rédacteur en chef du Taurillon en Seine, l’édition parisienne du Taurillon.

  • Anna Wenzel studiert Geographie an der Humboldt-Universität zu Berlin und verbrachte einige Zeit in Frankreich und Norwegen. Sie interessiert sich besonders für internationale Beziehungen und deren Einfluss auf das Weltgeschehen.

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Im Kosovo gibt es zwei Arten von Grenzen: offizielle und inoffizielle

Auf dem Weg von Belgrad zur kosovarischen Hauptstadt Pristina ist es bereits auf der Straße möglich beide Grenztypen zu überqueren. Zwischen Serbien und seiner ehemaligen Provinz wird nichts getan, um den Übergang zu erleichtern. Die Eisenbahnverbindungen wurden 1999 während des Krieges zerstört und seit dem nie wieder in Betrieb genommen. Aus diesem Grund braucht es nun neun Stunden um per Bus von der einen Stadt in die andere zu gelangen. Zuerst überqueren wir die offizielle Grenze nicht weit von Raska. Die Erde ist gelb, gezeichnet von der winterlichen Schneeschicht, die erst vor ein paar Tagen geschmolzen sein muss. Ich hatte gelesen, dass man manchmal stundenlang wegen bürokratischer Hürden an der Grenze warten muss. Doch heute ist hier fast niemand.

Lediglich ein paar ältere Serben, gekommen um ihre im Kosovo gebliebene Familie zu besuchen, und Limousinen internationaler Beamter mit getönten Scheiben warten hier. Die wahre Grenze verläuft mehrere Dutzend Kilometer weiter südlich in Mitrovica.

Wunden des Krieges

Wie Sarajevo in Bosnien und Hebron in Palästina, ist Mitrovica eine Symbolstadt, in der die Wunden des Krieges schlecht vernäht wurden und nun eitern. Hier nimmt die Verletzung die Formen eines Flusses an, die des Flusses Ibar. Der Fluss Ibar symbolisiert diese Verletzung, teilt die Stadt und das Land in zwei Teile. Im Süden: Der Euro, das lateinische Alphabet und Moscheen. Im Norden: Serbische Fahnen an allen Straßenecken, Dinare, das kyrillische Alphabet und eine bleierne Atmosphäre. In der Mitte: Die berühmte Brücke, Symbol der Stadt, überwacht vongelassene italienische Carabinieri überwachen. Hier, auf 15% des offiziellen kosovarischen Gebiets, ist der Staat abwesend. Für die hier lebenden Serben ist die einzige Autorität jedoch die von Belgrad.

Grenze zwischen Serbien und Kosovo, Januar 2016. Die Überquerung der offiziellen serbisch-kosovarischen Grenze ist nicht immer einfach. Aber eine Grenze kann in sich eine weitere verstecken, unsichtbar und doch präsent in den Köpfen der Menschen.

Doni, der Geschäftsführer einer unerwarteten Bar mit Hipster-Allüren inmitten von öffentlichem Wohnungsbau des albanischen Teils, beschwert sich: „Atmosphere is shit here“. Wir fragen ihn, ob es hier gefährlich ist. „Nicht wirklich“, sagt er mir, “aber das kann sich jede Sekunde ändern.“ Für den Außenstehenden haben Mitrovicas Entscheidungen wenig mit Vernunft zu tun. Einige Stadtteile sind unzugänglich für Serben, andere für Albaner und wieder andere sind gemischt. Unmöglich, sich hier zurecht zu finden. Ein Detail genügt, um die Spannung zu beschreiben, welche sich über die Stadt gelegt hat: thoeretisch fährt der nördliche Teil der Stadt mit serbischen Kennzeichen. Um sich freier bewegen zu können, haben daher viele Einwohner einfach beschlossen, ohne Kennzeichen zu fahren. Das Verstecken einer Identität, die zu schwer geworden ist, um normal zu leben, ist wie ein Symbol für den heutigen Kosovo.

„Ich kenne nicht einen einzigen Serben, der sich im heutigen Kosovo wiedererkennt.“

In Pristina, der Hauptstadt des Kosovo, versucht Memli Krasniqi, ehemaliger Rapper, ehemaliger Kulturminister und derzeitiges Mitglied der Regierung zu beruhigen: „Der Kosovo hat seit dem Ende des Krieges Fortschritte gemacht. Es gibt keinen Maßstab, um das Niveau der Versöhnung zu messen, aber sicher ist, dass wir einen weiten Weg zurückgelegt haben. Auf institutioneller Ebene, zum Beispiel, sind Serben sowohl auf nationaler als auch auf kommunaler Ebene integriert. Serbisch ist eine offizielle Sprache des Staates. Die serbisch-orthodoxe Kirche erfreut sich großer Autonomie. Wir haben auch viele Bemühungen unternommen, um die Regierung zu dezentralisieren. Die Gründung der Gemeinschaft der serbischen Gemeinden, unter der Schirmherrschaft von Brüssel, geht beispielsweise in diese Richtung.“

Aber der Minister verschweigt ein Detail. Im vergangenen Sommer hat der Kosovo eine große Medienkampagne ins Leben gerufen, um der UNESCO beizutreten. Ein Projekt, das eine alte Wunde wieder geöffnet hat. Dimitris Moschopoulos, ehemaliger Leiter des griechischen Verbindungsbüros in Pristina und aktueller Berater der kosovarischen Regierung, erklärt: „ Dies war eine politische Herausforderung. Der Kosovo ist kein Vollmitglied der UNO, aufgrund des russischen Vetos. Die Zulassung zur UNESCO würde dem Land erlauben internationale Anerkennung zu gewinnen.“ Aber über die reine diplomatische Berechnung hinaus handelt es sich ebenfalls,um eine Begrenzung der Autonomie der kosovarischen Serben. „Zum Ende des Krieges hatte die internationale Gemeinschaft dem Kosovo bestimmte Privilegien für die serbisch-orthodoxe Kirche zugestanden. Sie erhielt vor allem die Kontrolle über die serbischen Klöster im Norden des Landes. Der Beitritt des Kosovo in die UNESCO würde die Aufgabe des Schutzes dieser Orte auf die Regierung von Pristina übertragen. Ein symbolisches Problem", dechiffriert Kerlindsay James, Professor der London School of Economics und Balkan-Spezialist.

„Es handelt sich zunächst um eine Frage der Sicherheit, aber auch und vor allem um ein soziales Problem.“

Eine Initiative die für den Pater Sava Janic, Archimandrit des alten Klosters Decani, nicht in Ordnung ist. Mit klarem Blick hinter einer randlosen Brille, einem zerzausten Bart und einer beruhigenden Korpulenz, erinnert Sava Janic ein bisschen an einen Balkan-Dumbledore. Unter dem Spitznamen „Cyber-Mönch“ des Kosovo, ist er sowohl Kirchendiener als auch politischer Aktivist und Twitterer der ersten Stunde. „Ich kenne nicht einen einzigen Serben, der sich im heutigen Kosovo wiedererkennt.“, erklärt er sofort. Ihm zufolge ist die UNESCO-Affäre nur ein Beispiel von vielen Aktionen einer Regierungspolitik, die das Ziel verfolgt, die Serben aus dem Kosovo zu drängen

Decani, Januar 2016. Sava Janic, der „Cyber-Mönch“ des Kosovo.

„Es handelt sich zunächst um eine Frage der Sicherheit, aber auch und vor allem um ein soziales Problem. Im unabhängigen Kosovo sind die Menschen nicht mehr zweisprachig. Alles geschieht auf Albanisch. Die Serben sind demzufolge von der Arbeitswelt ausgeschlossen.“ Wie anekdotisch sie auch erscheinen mag, die Kampagne für die UNESCO, welche übrigens missglückt ist, hat den fragilen Dialog zwischen Belgrad und Pristina ins Stocken gebracht. Für Rick Spruyt, Berater an der Botschaft der Europäischen Union in Pristina, „gibt es kein Vertrauen zwischen den Gemeinden mehr. Die Regierung des Kosovo wird von Extremisten der Partei Vetëvendosje getrieben, welche die Vereinigung mit dem benachbarten Albanien und das Vertreiben aller Serben anstreben. Der Kontext hat sich in den letzten Jahren verschlechtert.“

„Es ist an der Zeit, dass die Zivilgesellschaft übernimmt“

Muss man deshalb verzweifeln? Die Antwort könnte sich in Prizren, einer Stadt mit rund 200 000 Einwohnern im Süden des Landes finden. Hier finden wir Ares Schporta. In den Zwanzigern, Dreitagebart, langer eleganter grauer Mantel, so könnten wir ihn auch entlang des des Kanals Saint-Martin antreffen. Er leitet die NGO, die das Kino der Stadt vor dem Abriss gerettet und stattdessen zum Zentrum eines der dynamischsten Dokumentarfilmfestival s Europas gemacht hat. Er verkörpert eine Jugend diegenug hat von 17 Jahren voller ethnischen Spannungen. „Die Politiker haben großen Schaden im Kosovo angerichtet. Es ist t an der Zeit, dass die Zivilgesellschaft dir Rolle übernimmt und dass Europa uns dabei unterstützt.

Prizren, Januar 2016. Ares Shporta vor dem Kino Lumbardhi.

In diesem Punkt sind sich der Regisseur von Prizren und der Cyber-Mönch von Decani einig. Fragt man Sava Janic, ob es Hoffnung gibt, dass sich die Situation eines Tages normalisiert, setzt er einen wissenden Blick auf. „In Bezug auf die Politik würde ich sagen, dass die EU eine wichtige Rolle bei der Stabilisierung des Landes einnehmen sollte. Aber wenn es um die Religion geht, wenn Sie danach fragen, würde ich antworten, dass das letzte Buch des neuen Testaments die Apokalypse behandelt.“ Gottes Wege sind unergründlich.

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