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Lieder für Europa – der Eurovision Song Contests

, von  Heike Hoffzimmer

Anfang Mai war es wieder so weit: In Kopenhagen wurde der Sieger des 59. Eurovision Song Contests (ESC) gekürt. Mit großem Vorsprung gewann Conchita Wurst aus Österreich, die ein modernes und tolerantes Europa repräsentiert. Weltweit verfolgten mehr als 120 Millionen Zuschauer den Auftritt der Dragqueen, in Deutschland hatte das diesjährige Finale einen Marktanteil von knapp 35 Prozent. Damit ist der ESC die populärste TV-Show, die sich Europa und seiner Kultur widmet. Fördert der ESC damit eine gemeinsame europäische Identität?

Conchita Wurst aus Österreich gewinnt den Eurovision Song Contest 2014. Foto: © Albin Olsson, Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Der Eurovision Song Contest – ein europäisches Fernsehformat?

Der ESC hat sich als transnationales Event etabliert, das jedes Jahr in dem Land stattfindet, aus dem der Sieger des Vorjahres stammt. Schon allein deswegen wird der ESC wie selbstverständlich auf verschiedenen Sprachen moderiert. Auf der anderen Seite betont er aber die nationale Identität und lässt die Interpreten stellvertretend für die jeweiligen Nationen gegeneinander antreten. In diesem Punkt ist er vergleichbar mit den Olympischen Spielen und der Fußball-Weltmeisterschaft. Beim ESC 2014 ging dies soweit, dass die Interpreten auf kreative Art ihre Länderflaggen darstellten. Leider erfuhren die Zuschauer darüber hinaus nicht viel mehr über die Heimatländer der Künstler. Auch wird immer wieder der Vorwurf laut, dass sich bestimmte Länder in ihrem Abstimmungsverhalten aus politischen Gründen gegen andere verbündeten. Untersuchungen zeigen jedoch, dass die meisten Zuschauer für die Interpreten aus Ländern abstimmen, die ihnen sprachlich, geschichtlich oder geographisch nahe stehen.

Gleichzeitig ist die Bedeutung des ESC von Land zu Land unterschiedlich. So hat sich in vielen westeuropäischen Ländern die Begeisterung für den ESC gelegt, da der Prozess der politischen und wirtschaftlichen Integration weitgehend vollzogen wurde. Am stärksten zeigt sich das bei den Gründungsstaaten der EU. Länder, die später in die EU eingetreten sind oder ihre politische Rolle in Europa noch suchen, zeigen hingegen eine größere Begeisterung für den ESC. Für sie ist die Teilnahme eine Möglichkeit, ihre Kultur darzustellen. Kein Wunder also, dass die osteuropäischen Beiträge oft von traditionellen Musikelementen geprägt sind. Die Westeuropäer orientieren sich hingegen eher am Mainstream. Auf der anderen Seite bietet der ESC den Staaten, die geographisch am Rande Europas liegen, die Gelegenheit, sich als gleichrangige Nationen auf europäischer Bühne zu präsentieren. Die Einschaltquoten beim ESC sind daher in den skandinavischen Ländern traditionell sehr hoch. So schauten in den nördlichen Ländern 60 bis 80 Prozent der Zuschauer das Finale 2013. Das liegt deutlich über der durchschnittlichen Quote von 38 Prozent.

Der Eurovision Songcontest, Europa und die Politik

Beim ESC dürfen nicht nur europäische Staaten teilnehmen, sondern all jene, die dem erweiterten europäischen Kulturraum angehören. Dies liegt daran, dass der Songcontest von der Europäischen Rundfunkunion (EBU – European Broadcasting Union) produziert wird, in der 74 Rundfunkanstalten aus 56 Ländern in Europa, Nordafrika und Vorderasien vertreten sind. Zwischen den Staaten bestehen teils erhebliche Spannungen. Dies wirkt sich auch auf die Zusammenarbeit im Rahmen des ESC aus. Außerdem weisen die Länder große Unterschiede bezüglich Medienfreiheit und Bürgerrechte auf. Dies zeigte sich beim ESC in Moskau 2010 und in Aserbaidschan 2012, bei denen Grund- und Versammlungsrechte verletzt sowie Korruptionsvorwürde laut wurden. Die beteiligten öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten nehmen dies weitgehend hin. Das wirft wichtige Fragen auf: Ist es vertretbar, mit Ländern zu kooperieren, die mit ihrem Auftreten beim ESC westliche Werte untergraben? Dürfen die Öffentlich-Rechtlichen ihre Augen vor Bürgerrechtsverletzungen verschließen? Die offizielle Antwort der EBU lautet, dass der ESC eine unpolitische Veranstaltung sei und sich die Teilnehmer nicht politisch äußern dürften. Interpreten bringen jedoch immer wieder politische Ideen in ihren Liedern zum Ausdruck . Beispielhaft dafür ist das Lied „Ein bisschen Frieden“, mit dem Nicole den ESC 1982 erstmalig nach Deutschland holte.

Einen unpolitischen ESC kann und wird es nie geben. So ist es grade für antidemokratische Regierungen sehr attraktiv, den ESC für politische Zwecke zu nutzen. Auch lässt sich durch eine scheinbar unpolitische Teilnahme die Wahrnehmung ihres Landes in der europäischen Öffentlichkeit steuern. Die Fernsehanstalten müssen also Grundsätze festlegen, wie sie sich in den verschiedenen Fällen verhalten, um eine Instrumentalisierung des ESC für politische Interessen zu verhindern. Dies stellt sicher, dass Musik, Kultur und Unterhaltung die bestimmenden Themen des ESC sind. So begründet sich die große Beliebtheit des ESC darauf, dass er für einen Abend die politischen Differenzen in Europa vergessen lässt und stattdessen die europäische Gemeinschaft erlebbar macht.

Möglichkeiten und Grenzen des Eurovision Songcontest

Neben dem ESC gibt es vereinzelt weitere gemeinsame europäische Fernsehproduktionen. Auch sind mit ARTE, Euronews und Eurosport erste europaweite Sender entstanden. Neben nationalen Eigenheiten und unterschiedlichen Gewohnheiten steht ein einheitliches Programm insbesondere vor dem Problem der europäischen Mehrsprachigkeit. Der ESC beweist jedoch, dass es trotzdem möglich ist, ein erfolgreiches europäisches Fernsehformat zu realisieren. So fiebern jedes Jahr Millionen Fernsehzuschauer mit und bekommen Einblicke in die unterschiedlichste Kulturen. Damit besitzt der ESC ein großes Potenzial, die Bürger für ein gemeinsames Europa zu begeistern. Inwieweit dies gelingt, hängt jedoch immer von der austragenden Fernsehanstalt ab. So betonte der ESC in Kopenhagen stark die Nation und ließ die Interpreten auf kreative Art ihre Flaggen darstellen. Vielleicht schafft es ja der ORF bei der Austragung des ESC 2015, die europäische Komponente in den Mittelpunkt zu stellen.

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