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Referendum im Griechenland: Ausgang völlig offen

, von  Tobias Gerhard Schminke

Die Griechen stehen weiter hinter ihrem Regierungschef Alexis Tsipras. Ob er ein Nein beim Referendum über das Hilfspaket durchsetzen kann, ist jedoch ungewiss. Besonders Jungwähler scheinen auf der Seite des Ministerpräsidenten zu stehen. Die Rentner dagegen dürften klar mit Ja votieren. Ihre Stimmung hat sich insbesondere mit der Schließung der Banken am Montag verändert. Insgesamt zeigen die Umfragen, dass die deutschsprachige Berichterstattung nicht immer der Stimmung in Griechenland entspricht.

Die Umfrageinstitute sind sich einig: Eine Voraussage des Ergebnisses ist nicht möglich

Autoren

  • ist stellvertretender Chefredakteur von treffpunkteuropa. Zudem ist er Initiator des europeanmeter und @EuropeElects. Er studiert Publizistik und Politikwissenschaft an der Universität Haifa in Israel. Aktuell arbeitet er als freier Mitarbeiter für die Rhein-Zeitung. Zuvor war Schminke für MdB Gabi Weber, beim Meinungsforschungsinstitut TeleMatrix und beim ZDF tätig.

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Der Ausgang des Referendums ist auch nach Abschluss der Wahlkampfveranstaltungen absolut offen. Zwischen 49 und 51 Prozent der Griechen wollen laut jüngsten Meinungsumfragen mit Ja stimmen, ebenso viele mit Nein. Rund 15 Prozent wissen noch nicht, wie sie abstimmen sollen.

Parteipolitisch stehen sich die Lager klar gegenüber. Die Wähler folgen weitestgehend den Wahlempfehlungen ihrer Parteien.

Die beiden sozialdemokratischen Parteien PASOK und To Potami sowie die christdemokratische Nea Dimokratia (ND) sind klar für ein Ja. Die Wähler dieser Parteien betrachten die Abstimmung auch als eine Abstimmung über den Austritts Griechenlands aus dem Euro. Sie argumentieren, dass im Falle eines Neins Griechenland den Euroraum verlassen müsse. Damit sehen sie rund 50% der entschlossenen Wähler auf ihrer Seite. Die Anhänger der linken SYRIZA, der euroskeptisch-konservativen ANEL, der rechtsextremen Goldene Morgenröte (XA) sowie der linksextreme KKE werden mit Nein votieren und betrachten die Abstimmung auch nicht als eine Abstimmung über den Verbleib beim Euro. Der größte Anteil der KKE-Wähler wird möglicherweise ungültig wählen oder der Abstimmung fern bleiben. Die kommunistische Partei hat das Referendum selbst scharf kritisiert und deshalb zum Boykott aufgerufen.

Das Referendum: Jungwähler sind klar auf Tsipras-Kurs

Eine Mehrheit hat das Ja-Lager in den Altersgruppen nur bei den über 60-jährigen Wählern. 63 bis 68 Prozent werden hier mit Ja stimmen. Bei allen anderen Altersgruppen liegt ein Nein aktuell vorne. Gar 67 Prozent der Jungwähler dürften mit Nein stimmen. Je jünger die Wähler sind, desto eher werden sie mit Nein stimmen. Besonders Rentner wollen mit Ja votieren. Sie sind von der Bankenschließung besonders betroffen, weil Renten gewöhnlich in den nun geschlossenen Banken in bar ausgezahlt werden. Die Umfrageinstitute weisen hier einen Wert von 64 Prozent für Ja aus. Auch Selbstständige und Manager werden wohl eher mit Ja als mit Nein stimmen. Universitätsstudenten würden zu 86 Prozent mit Nein votieren. Damit stehen sie dem Sparprogramm der EU besonders kritisch gegenüber. Alle übrigen Gruppen tendieren eher zu einem Nein als zu einem Ja.

Das Referendum: Griechen fühlen sich trotz kurzem Wahlkampf gut infomiert

80 Prozent der Griechen fühlen sich gut über das anstehende Bailout-Referendum informiert; und das trotz des komplizierten Abstimmungstextes. Obwohl die nicht unbedeutende linksextreme KKE zum Boykott des Referendums aufgerufen hat, wollen 95 Prozent der Griechen morgen zur Wahl gehen. 89 Prozent sind am Referendum interessiert. Vor der Ankündigung der Abstimmung hätte eine breite Mehrheit für Weiterverhandlungen mit den Kreditgebern gestimmt. Mit der Ankündigung des Referendums verkehrte sich der Anteil ins Gegenteil. Dies hielt so lange an, bis die Schließung der Banken bekannt gegeben wurde. Seitdem liegen das Nein und das Ja lager bei geringer Schwankungsbreite etwa gleich auf. Das Referendum ist umstritten. 53 bis 56 Prozent halten es für unangebracht, 43 bis 47 Prozent sehen es positiv. Negativ betrachten es vor allem die Wähler sozialdemokratischer und christdemokratischer Parteien. 34 Prozent glauben, dass die Abstimmung eine Gefahr für den Verbleib Griechenlands in der Eurozone darstellt. Die breite Mehrheit sieht das anders.

Das Referendum: Sorge um die Zeit danach

Egal ob das Ergebnis des Referendums bei Ja oder Nein liegt: Die Griechen machen sich Sorgen um die Konsequenzen des Greferendums. 82 Prozent teilen diese Meinung im Falle eines Ja-Votums, 67 Prozent im Falle eines Nein-Votums. Obwohl hier ein Ja negativer betrachtet wird, rechnet eine breite Mehrheit damit, dass die Wahlgruppierung um ein Ja gewinnt. Uneins sind sich die Umfrageinstitute bei der Frage, ob die Griechen ein Nein beim Referendum als Stärkung der Verhandlungsposition der griechischen Regierung sieht.

Haltung zur Eurozone und zur EU: Griechen bleiben überzeugte Europäer

Das Volk von der Ägäis ist nach wie vor eines von überzeugten Europäern. 80 bis 90 Prozent wollen Teil des Währungsverbundes bleiben, nur 10 bis 20 Prozent wollen die Drachme oder eine andere Währung. Sogar die Wähler der Links- und Rechtsextremisten wollen den Euro mehrheitlich behalten. 77 Prozent der Griechen wollen Teil der Europäischen Union bleiben.

Zufriedenheit mit Regierung: Griechen stehen hinter Tsipras

Die Zustimmungsraten für den linksgerichteten Regierungschef Alexis Tsipras sind nach wie vor auf hohem Niveau. 56 Prozent unterstützen seine Arbeit, 44 Prozent sehen die Arbeit kritisch. Seine linksgerichtete Partei liegt in Umfragen bei 39 Prozent und damit über dem Ergebnis von der Wahl im Januar. Die ehemalige Regierungspartei ND, die den Sparkurs mitgetragen hat, liegt bei nur noch 25 Prozent. Die ND ist Partnerpartei von CDU/CSU und ÖVP. Die rechtsextreme XA liegt mit 6 Prozent auf gleichem Niveau wie die linksextreme KKE. Drei kleine sozialdemokratische Parteien erreichen insgesamt 13 Prozent der gültigen Stimmen. Der Koalitionspartner von Tsipras, die Schwesterpartei der AfD ANEL erhielte aktuell vier Prozent. Die liberale EK würde von 2 Prozent gewählt werden.

Die Griechen machen die Kreditgeber und die griechische Regierung gleichermaßen dafür verantwortlich, dass die Verhandlungen in Brüssel gescheitert sind.

Wirtschaftliche Situation: Glaube an Sparpolitik verloren

Die Griechen sind nach wie vor sehr unzufrieden mit ihrer eigenen wirtschaftlichen Situation. Nur 24 Prozent empfinden ihre jetzige wirtschaftliche Situation als zufriedenstellend. 76 Prozent finden das nicht. Eine klare Mehrheit von 63 Prozent glaubt, dass die Krise mit weiterer Austeritätspolitik nicht bezwungen werden kann.

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