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Security Jam: nur der Westen kommt zu Wort

, von  Alice Robra

Wie können wir die Welt retten? Beim Security Jam tauschten sich Experten drei Tage lang online aus, wie die weltweiten Sicherheitsprobleme gelöst werden könnten. Die Idee des Jams ist eigentlich kinderleicht – die Umsetzung jedoch noch nicht ausgereift. Ausgerechnet die betroffenen Menschen diskutieren nicht mit. Die Ergebnisse des Jams sind jetzt in einem Bericht zusammengefasst worden.

Wie können die EU und andere Beteiligte die Sicherheit für Menschen weltweit verbessern? Der Security Jam sucht online nach Antworten. – Foto: Euromaidan in Kiev © Evgeny Feldman / wikimedia commons (Link) / CC BY-SA 3.0

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Stell dir vor du hast eine Idee, um die Welt retten zu können. Du kennst einen Ausweg aus den Kämpfen in Syrien, Irak oder Ukraine. Und stell dir vor, es gäbe dafür eine Plattform, auf der dir Menschen zuhören und sich für deine Ideen interessieren und mit dir diskutieren wollen. Vielleicht auch Menschen, die die Macht haben, deine Ideen umsetzen zu können.

Für jeden weltweit zugänglich

Genau das will der Security Jam erreichen. Experten, Politiker, Wissenschaftler und alle Interessierten diskutierten im vergangenen Oktober drei Tage online über die Lösung weltweiter Konflikte. Die Ergebnisse wurden jetzt im Security Jam Report veröffentlicht. Jede Person mit Internetzugang konnte sich kostenlos einklinken, mitlesen und eigene Ideen liefern. Die Foren drehten sich um aktuelle, drängende Themen wie zum Beispiel um eine neue globale Weltordnung, Netzangriffe, die Syrienkrise oder der Russland-Ukraine Konflikt. Jedes Forum wurde von Wissenschaftlern moderiert, wie Jolyon Howorth Professor für Politikwissenschaft an der Yale Universität, oder vom ungarischen Verteidigungsminister Csaba Hende.

Zu den Top 10 der besten Ideen gehören dieses Mal unter anderem eine Art OSZE für den Mittleren Osten EU und NATO. Besonders überzeugend war auch der Vorschlag, dass Regierungen zukünftig Universitäten aktiv darin bestärken sollten, im Bereich der Cyber-Sicherheit zu forschen.

Einfach zu bedienen und für jeden weltweit zugänglich soll das Forum sein, so haben sich es die Veranstalter vorgestellt. Auch damit niemand eine Ausrede hat, daran nicht teilnehmen zu können. „Sie glauben nicht wie viele Leute zu mir gesagt haben: Tolle Idee, das ist es was wir brauchen - leider kann ich dafür nicht nach Brüssel kommen“, sagt eine der Organisatoren, Pauline Massart. Sie ist stellvertretende Direktorin der Brüsseler Denkfabrik Security and Defence Agenda (SDA), die mittlerweile zu Friends of Europe gehört.

„Das ist großartiger Stoff zum Nachdenken“

Das ist aber auch ein Problem des Jams: Für viele ist es schwer zu verstehen, dass er tatsächlich nur online stattfindet. Hans-Peter Barthels ist Vorsitzender des Verteidigungsausschusses im Bundestag. Dieses Jahr hat er das erste Mal bewusst die Einladung dazu wahrgenommen, daran teilgenommen hat aber nicht. Sein Sprecher begründet das so: „Ohne das werten zu wollen ist er schon sehr aktiv auf „echten“ Konferenzen und hat deshalb über den Security Jam nicht weiter nachgedacht“. Auch im Verteidigungsministerium ist der Security Jam und die SDA scheinbar weitgehend unbekannt.

Dabei kamen schon die vergangenen beiden Jam Sessions 2010 und 2012 gut bei den Teilnehmern an. Wochen später erhielt Massart noch viele Emails von dankbaren Wissenschaftlern und Politikern: „Das ist großartiger Stoff zum Nachdenken.“

Die Idee zu jammen kam von dem US-amerikanischen IT- und Beratungsunternehmen IBM. 2001 veranstalteten sie zum ersten Mal einen internen Jam mit ihren weltweit 300.000 Mitarbeitern. Fünf Jahre später konnten sie durch ihren Innovation Jam zehn neue Geschäftsideen verwirklichen, in die sie 100 Millionen US Dollar investierten. Auch der Security Jam wurde von IBM entwickelt und mitinanziert.

Ein Blick auf die Teilnehmerzahlen lässt jedoch vermuten, dass die Jam Teilnehmer hauptsächlich aus dem Westen kommen. Rund 2.300 Menschen aus 114 Ländern beteiligten sich in diesem Jahr. Davon gaben 498 Teilnehmer an aus Belgien zu kommen, 148 aus Deutschland und 322 aus den USA. Länder wie Russland, mit 14 Teilnehmern, oder die Ukraine mit 31, waren dagegen nur dürftig vertreten – obwohl es in einem Forum hauptsächlich um sie ging. „Wir haben viele Emails geschrieben, um Werbung für den Jam zu machen - überall hin auf der Welt“, sagt Massart. Aber warum kam kaum was in Russland an?

„Wissenschaftler denken anders wie Politiker“

Die Journalistin Kseniya Smertina ist erstaunt darüber, was sie und ihre Kollegen verpasst haben. Sie arbeitet bei Russia Direct, einer Plattform auf der die Forschungsergebnisse der russischen Denkfabriken eine Stimme bekommen. „Jede Veranstaltung über Europäische Außenpolitik erregt großes Interesse bei russischen Experten. Wenn Sie Russia Direct oder zum Beispiel die Experten des Russian International Affairs Council (RIAC, eine führende Denkfabrik in Russland) einladen, würden sie sicher daran teilnehmen,“ sagt Smertina. Schließlich sei die Zusammenarbeit zwischen europäischen und russischen Wissenschaftlern allgemein sehr gut. „Wissenschaftler denken, anders wie Politiker, eher mittel-und langfristig. Daher verstehen sie, dass Krisen kommen und gehen, aber die gemeinsamen Ziele und Projekte bleiben auf der gemeinsamen Agenda.“, sagt Smertina. Die russische Forschungsgemeinschaft sei daher zu pragmatisch, um die Beziehungen wegen momentanen politischen Spannungen zu ruinieren. „Der Konflikt wird heiß diskutiert und russische Experten haben dazu eine Menge zu sagen“, sagt Smertina.

Grund für die fehlende Mitteilung war, dass die SDA die Einladung unter anderem an die russische Botschaft geschickt hatte mit der Bitte sie weiterzuleiten. Was dann mit der Email passierte, ist bis jetzt unklar. Die Mitarbeiter der russischen Botschaft in Brüssel hatten keine Erklärung dafür.

Die Ergebnisse aus den über 2.900 Posts sind in einem Report zusammengefasst worden. Sie sollen an die wichtigsten Führungspersönlichkeiten der EU und NATO verschickt werden. „Interessant werden die Ideen für viele erst, wenn sie als ausführlicher Bericht auf dem Tisch greifbar liegen“, sagt Massart überzeugt. Post bekommt auch die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini. „Bei ihrer Rede vor ihren neuen Mitarbeitern sagte sie, sie würde sich sehr über alle kreativen Lösungen und Ideen freuen.“, sagt einer ihrer Mitarbeiter. „Das macht mich sehr zuversichtlich. Allerdings kann so eine Ideensammlung immer nur die Basis für weitere Überlegungen sein.“

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