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Sie sind ja keine Rassisten, aber...

, von  Marco Bitschnau

...sie fischen eifrig im Teich dieser Bevölkerungsgruppe. Die Rede ist von den Vertretern der Alternative für Deutschland (AfD), die - wie zuletzt im Fall Gauland zu sehen - von einem Fettnäpfchen ins andere stolpern. Allein: Ein Gutteil der blauen Wählerschaft scheint das nicht zu stören. Sie goutiert selbst offene Hetze, während sich die Partei weiter radikalisiert. Ein Kommentar.

OTFW © wikimedia/wikimedia/ CC BY-SA 3.0-Lizenz 

Autoren

  • studiert Soziologie, Politikwissenschaft und Ökonomie an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen und der Sciences Po Paris. Seine Interessen liegen in der Außen-, Religions- und Gesellschaftspolitik.

Im Endeffekt war absehbar, dass Alexander Gauland nicht dazu lernen würde. Der Mann, der in seiner eigenen Nachbarschaft nur als ’Gauleiter’ bekannt ist, hatte gerade erst mit völkisch angehauchten Bemerkungen zur Deutschen Fußballnationalmannschaft im Allgemeinen und Jerome Boateng im Besonderen auf sich aufmerksam gemacht und die Republik damit in einen Zustand emotionaler Erregung gestürzt - und schon folgte der nächste Streich. Bei einer Rede im brandenburgischen Elsterwerda proklamierte der 75-Jährige „Heute sind wir tolerant, morgen fremd im eigenen Land“, ein Satz, dessen Ursprung bei einer zwielichtigen Neonazi-Band zu finden ist und mit dem auch schon die rechtsradikale NPD auf sich aufmerksam gemacht hat. Doch wie im Fall Boateng fühlte sich Gauland auch hier als Opfer einer Kampagne. Er habe den Satz doch lediglich von einem Plakat abgelesen, das er ganz spontan für „sehr einleuchtend und klug befunden“ habe. Von etwaigen braunen Hintergründen sei ihm nichts bekannt. Und überhaupt: Was sei so ein kleines Sätzlein schon im Vergleich zu all den jungen ungebildeten Muslimen, die dieses Land „wie wir es ererbt von unsern Vätern haben“ tagtäglich bedrohen?

Hinter Sätzen wie diesen steckt System. Denn nicht nur Gauland allein, sondern die gesamte AfD gefällt sich schon seit geraumer Zeit in einer Pose, die gezielte Provokation und konsterniertes Sich-Missverstanden-Fühlen aufs Trefflichste vereint. So fabulierte der Thüringer Landesvorsitzende Björn Höcke von einem tausendjährigen Deutschland und größer werdenden „Angsträumen für blonde Frauen“, die Europa-Abgeordnete Beatrix von Storch wollte an der Grenze auf Flüchtlingskinder schießen lassen und der Vorsitzende des baden-württembergischen AfD-Schiedsgerichts Dubravko Mandic titulierte US-Präsident Barack Obama als Quotenneger.

Für alle drei blieben ihre Verbalinjurien nicht nur folgenlos, vielmehr fühlten sie sich in einer seltsam wirren Verdrehung der Ereignisse selbst als Opfer der garstigen ’Lügenpresse’. Einzig der jüngste Skandal um den AfD-Landtagsabgeordneten Wolfgang Gedeon dürfte selbst für die hartgesottene AfD-Führunsgriege zu viel des Guten sein - schließlich hatte der Arzt offen für die Authentizität der Protokolle der Weisen von Zion geworben und damit für einen Höhepunkt des politischen Antisemitismus gesorgt, wie ihn die Bundesrepublik seit der Hohmannaffäre 2003 nicht mehr erlebt hat. Doch auch wenn die Partei sich nun ob des medialen Drucks von Gedeon distanziert: Die Verantwortung, einem Mann, der in seinen Machwerken knapp an der Relativierung des Holocausts vorbeischlittert, wissentlich zu einem Landtagsmandat verholfen zu haben, wird sie damit kaum los werden. Nicht dass es sie vermutlich allzu sehr stören würde.

Angst, Hass, Selbstüberschätzung

Denn viele ihrer Wähler stört es ja auch nicht. Die Umfragewerte der AfD bewegen sich seit Monaten im Bund bei konstant zehn bis fünfzehn Prozent, Höcke hin, Gauland her. Ein Indiz dafür, wie abgestumpft die deutsche Sinneswahrnehmung für Tabubrüche und radikale Äußerungen inzwischen ist, könnte man meinen; zugleich aber auch ein Zeichen, dass man es bei der AfD-Wählerschaft eben nicht nur mit einem ’bürgerlichen’ Kern enttäuschter Konservativer zu tun hat, sondern bisweilen eben auch mit Menschen, die für alle moderaten Kräfte als verloren angesehen werden können. Die in einer seltsamen Parallelwelt aus Kanzlerdiktatorinnen, Volksverrätern, EU-Bonzen, Asylschmarotzern und einer drohenden Schariaeinführung leben. Die sich nicht daran stören, wenn in Deutschland der Alltagsrassismus rasant an Fahrt gewinnt sondern die stattdessen weiter munter Ressentiments schüren. Und die bei all dem von einem wilden Oszilieren zwischen Angst, Hass und Selbstüberschätzung geplagt sind. Es sind die gleichen Menschen, die sich in den Vereinigten Staaten auf Donald-Trump-Ralleys im Parolenschreien überbieten oder sich in der Schweiz in grotesken Volksbegehren gegen Minarette aussprechen. Nur hierzulande tragen sie blau.

Die alte Idee eines spezifisch deutschen Verlangens nach einem „starken Mann, der (die Bevölkerung) in Zucht und Ordnung hält“ (Norbert Elias) ist zudem insofern nicht ganz zutreffend, als dass sich vergleichbare Muster überall auf der Welt ausmachen lassen. Bei unseren EU-Nachbarn in Österreich sehnten sich 2014 etwa mehr als 29 Prozent nach einer schneidigen Führerfigur; im vom Nationalsozialismus nicht vorbelasteten Frankreich waren es bei leicht abweichender Fragestellung schon einmal schockierende 87 Prozent. Tendenz steigend. Noch beunruhigender als diese nackten Zahlen ist aber, dass die Parteien von Rechtsaußen die Radikalisierung ihrer Anhänger nicht nur mitgehen sondern immer wieder neu befeuern. Unzufriedene ’Volksdeutsche’ und politische Emporkömmlinge spielen sich gegenseitig die Bälle eines anti-modernen Ungeistes zu, verschieben damit das Koordinatensystem unserer Demokratie und gefährden letztlich auch den sozialen Frieden, von dem unsere Gesellschaft zehrt.

Europa hat Besseres verdient

Es ist anzunehmen, dass man sich in Brüssel und viel mehr noch in Straßburg (wo sich ja etliche Rechtsaußen bereits im parlamentarischen Betrieb eingenistet haben) dieser Gefahren seit Längerem bewusst ist. Nur gibt es bis heute kein Patentrezept dagegen. Europas Politiker sind vielmehr Getriebene in einem Kampf, den sie am Ende nicht gewinnen können: Nämlich dem Wunsch vieler Zeitgenossen angesichts einer immer rasanter ablaufender Globalisierung die heimelige Kitschwelt der 1950er-Jahre wieder auferstehen zu lassen; einer für viele offene und heimliche Rassisten goldenen Zeit, in der die Familien intakt waren, die Frauen treu, die Grenzen geschlossen und die ’Ausländer’ ja auch noch nicht so zahlreich.

Dieser Wunsch ist auf der einen Seite beunruhigend, ja, beinahe bedrohlich. Und auf der anderen Seite eben doch in seiner Absurdität und Willkür lächerlich. Denn europäische (wie auch deutsche) Identitäten waren nie fixe Objekte sondern immer dem fluiden Spiel von Bewahrung und Umwälzung, Erinnerung und Vergessen, Selbstfindung und Selbstzweifel unterworfen. Eine unbedingte Konstante gibt es nicht und hat es nie gegeben, weder im Bereich der Kultur oder der Ethnizität, noch in der gerne erzählten Mär vom christlichen Abendland. Im Gegenteil: Europa hat sich in den letzten fünftausend Jahren mehr als einmal substanziell verändert und immer wieder neu erfunden. Man kann getrost davon ausgehen, dass das in Zukunft nicht viel anders sein wird und dass Europa den Weg der Pluralität und des Miteinanders letztendlich weiter gehen wird. Rechte Sirenengesänge konsequent beim Namen zu nennen und Parteien wie die AfD eins ums andere Mal mit ihren menschenfeindlichen Äußerungen zu demaskieren ist der erste Schritt auf diesem Weg. Es mag nicht unbedingt ein einfacher Schritt sein, aber er ist notwendig, um die Verhältnisse gerade zurücken und einem dauerhaften Rechtsruck der Gesellschaft zuvorzukommen. Ist das einmal erreicht, dann haben auch zehn oder zwanzig Prozent offene und mit ihrem eigenen Leben unzufriedene Fremdenfeinde viel von ihrem Schrecken verloren.

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