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Spekulationsgegenstand Brexit

, von  Laura Mercier, übersetzt von Gesine Weber

Wenige Tage vor dem Brexit-Referendum ist die Zukunft von Londons City - dem größten Finanzplatz Europas - ungewiss. Der mögliche Austritt Großbritanniens aus der EU hätte beachtliche Auswirkungen auf die Wirtschaft und Finanzen des Landes. Die Unsicherheit über die Zukunft des Vereinigten Königreichs regt zur Suche nach Alternativen an, falls die EU ihr wichtigstes Finanzzentrum verliert.

Im Zentrum Londons sind zahlreiche national und international bedeutende Banken und die größte Börse Europas angesidelt. – © John Keogh / Flickr / CC BY-NC 2.0-Lizenz

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Was sind die Konsequenzen im Falle des Brexit?

Die Hauptstadt Großbritanniens ist das zweitwichtigste Finanzzentrum weltweit. Ihr Wachstum verdankt die Londoner City allerdings hauptsächlich ihrem Zugang zum europäischen Markt: So werden mehr als 40 Prozents des Handels der City mit Ländern der Europäischen Union abgewickelt.

Während die Umfragen ein knappes und unsicheres Ergebnis vorhersagen, halten die gut 350.000 im Geschäftsbezirk beschäftigten Personen den Atem an. Die Mehrheit von ihnen ist gegen den Austritt Großbritanniens aus der EU. Wenn die Briten für den Brexit stimmen, wären die kurzfristigen Folgen ein Kursfall des Pfunds und Preisanstiege. Beunruhigt sind die Finanzdienstleister aber vor allem von der Tatsache, dass die langfristigen Auswirkungen eines möglichen Brexits noch unklar sind. Mark Boleat, Präsident der politischen Abteilung der City of London Cooperation, konstatiert: „Um die größtmöglichen Vorteile zu erhalten, muss Großbritannien in der EU bleiben.“

Eine der Hauptsogen bezüglich des Finanzplatzes London ist seine Ausgrenzung im Falle eines EU-Austritts. Großbritannien würde auf viele Vorteile verzichten müssen, darunter den „Europa-Pass“. Dieses System erlaubt es, dass ein Finanzprodukt in allen Mitgliedsstaaten der EU verkauft werden kann, wenn es vorab von einer einzigen Regulierungsbehörde genehmigt worden ist. Der Verlust dieses Vorteils birgt das Risiko, dass wichtige Finanzdienstleister und Banken mit Sitz in London in andere europäische Staaten abwandern, um dort ihren Zugang zum europäischen Markt zu sichern. Insgesamt sind mehr als 250 ausländische Banken in London niedergelassen; mehrere von ihnen haben bereits im Angesicht des drohenden Brexits Studien in Auftrag gegeben, um ihre Möglichkeiten für neue Standorte auszuloten.

Spekulationen über den Brexit

Der mehrheitlich gegen den Austritt Großbritanniens aus der EU gesinnten City stehen Spekulationsfonds gegenüber, die nun für den Austritt Partei ergriffen haben. Tatsächlich wird der Wahlkampf für und gegen den Brexit nicht nur von Parteien oder Wählern getragen; Akteure der Finanzbranche investieren ebenfalls in die Kampagnen. Für diese sogenannten Hedgefonds ist die Unsicherheit über das Ergebnis des Referendums ein gefundenes Fressen, denn die Börsenschwankungen und die Instabilität der Indizes bieten viele Möglichkeiten für Spekulationen. Insbesondere wetten diese Fonds auf den zukünftigen Zinssatz der Bank of England nach dem Referendum, aber auch auf den Wechselkurs Pfund/Euro und die Aktienkurse großer britischer Unternehmen. Falls das Brexit-Lager gewinnen sollte, werden die Schwankungen noch zunehmen; aus diesem Grund finanzieren wichtige Hedgefonds die Leave-Kampage, etwa John Armitage von Egerton Capital. Dies ist umso paradoxer, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass ein Brexit das Gewicht und den Einfluss der City wesentlich schwächen würde. Die Kampagne „Stronger In“ („Stärker in der EU“) hat ebenfalls Unterstützung von Hedgefonds bekommen, wie etwa von Winton Capital. Dessen Direktor David Harding geht davon aus, dass es vor allem langfristig im britischen Interesse liegt, EU-Mitglied zu bleiben.

Alternativen für London in der EU?

In Folge des möglichen Verlustes ihres wichtigsten Finanzzentrums bereiten sich die anderen Staaten der EU bereits darauf vor, Banken und Finanzdienstleister von jenseits des Ärmelkanals aufzunehmen. Dazu zählen gleich mehrere Kandidaten: Frankfurt, Paris, Dublin, Luxemburg und Amsterdam haben bereits Überlegungen zur Steigerung ihrer Attraktivität angestellt. Wie das Referendum auch ausgehen mag: Diese Städte wollen London seinen Status als europäische und weltweite Führungsmacht im Finanzsektor abringen.

Unter dem Gesichtspunkt Steuergesetzgebung und Technisierung des Finanzsektors heben sich Luxemburg und Dublin klar von ihren Konkurrenten ab: Seit einigen Jahren ist Dublin überaus anziehend für wichtige Unternehmen wie Apple, Amazon oder auch AirBnB. Es sind vor allem die Steuervorteile Irlands, die für Unternehmen attraktiv sind; dementsprechend könnten sie denselben Effekt auf Banken und Finanzdienstleister haben. Jedoch hat die EU sich bereits mehrfach gegen diese Steuervorteile ausgesprochen, was ein Hindernis für die Attraktivität der irischen Hauptstadt sein könnte.

Auf deutscher Seite ist Frankfurt Sitz der Europäischen Zentralbank (EZB). Für die EU wäre es ideal, sein Finanzzentrum und seine Zentralbank in derselben Stadt anzusiedeln. Darüber hinaus bietet Deutschland aktuell ein wirtschaftlich und finanziell stabiles Umfeld. Frankreich dagegen kämpft mit sozialen Problem und hat Mühe, ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum zu erzielen. Allerdings ist die französische Hauptstadt Paris eine globale Metropole und in geographischer Nähe zum bisherigen Finanzzentrum London gelegen.

Die Zukunft Großbritanniens und der EU ist jedenfalls unsicher. Die Konsequenzen eines Brexits für das Finanzzentrum, wie es die City heute ist, wären beträchtlich und würden sicherlich zum Einflussverlust Großbritanniens auf europäischer und internationaler Ebene beitragen. Die EU scheint sich auf einen möglichen Austritt Großbritanniens und den Verlust seines wichtigsten Finanzplatzes vorzubereiten. Dennoch ist klar, dass die „Wahl“ einer Alternative zu London nicht in der Hand der EU liegt, sondern sehr viel eher bei den Banken und Finanzdienstleistern.

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