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Tag der Befreiung - Europa ist unsere Pflicht

, von  Marina Lessig

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Vor 70 Jahren kapitulierte Deutschland, die alliierten Truppen befreiten Europa vom Faschismus und beendeten einen weltweiten Krieg. Eine neue, humane und friedliche Welt sollte sich von da an gründen. Heute, am Jahrestag des Kriegsendes sind wir umgeben von weltweiten Konflikten. Was bedeutet dieses Datum heute noch?

Eingangstor der KZ-Gedenkstätte Dachau. – Foto: © Ondablv / Flickr (Link) / CC BY-NC 2.0-Lizenz (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/)

Autoren

  • Marina Lessig hat 2015 in Philosophie an der Hochschule für Philosophie München SJ magistriert. Sie ist seit über 10 Jahren bildungs- sozial- und migrationspolitisch aktiv. Bisher war sie für NGOs, Vereine, Stiftungen, Marketingagenturen, den Bayerischen Rundfunk und Bayerische Ministerien beruflich tätig. Derzeit ist Marina ehrenamtlich bei der JEF München aktiv und Vorstand des Kreisjugendring München-Stadt, der demokratischen Arbeitsgemeinschaft der Münchner Jugendverbände.

Wir sollten sensibel dafür sein, dass Geschichte schneller zu Geschichte wird, als wir es erleben. Und dass je nach dem wo wir in Europa aufwachsen, Krieg, Unfrieden und Terror mehr oder weniger Geschichte sind. Seit ich 16 Jahre alt bin, mache ich politische Bildungsarbeit in Klassenzimmern. Vier Jahre lang bin ich mit Martin Löwenberg und Michael Finkenstaedt in Schulen gegangen und habe NS-Zeitzeugengespräche mit ihnen moderiert. Damals habe ich mir angewöhnt, die gemeinsamen Stunden damit zu beginnen, indem ich Fragen zum Kennenlernen stellte und die SchülerInnen bat, aufzustehen, falls sie die Frage mit Ja beantworten können. Inzwischen ist Michi verstorben, Martin lebt im Altenheim. Meine Generation war die letzte, die mit diesen Zeitzeugen sprechen konnte. Ich gehe aktuell in Schulklassen, um SchülerInnen über „Flucht, Vertreibung und Migrationspolitik“ zu informieren und mit ihnen zu diskutieren. Ich beginne immer noch mit dem selben Kennenlernspiel: Kennst Du jemanden der im Krieg war? Auch noch wenn man Deine Großeltern ausnimmt? Ist in Deiner Familie ein naher Angehöriger im Krieg verstorben?

Die meisten anwesenden LehrerInnen sind überrumpelt, wie viele Jugendliche bei diesen Fragen noch stehen. Doch 50 Prozent der jetzigen Jugendlichen in Deutschland haben einen Migrationshintergrund in der Familie. Und ihre Familiengeschichten sind nicht nur vom friedlichen Europa geprägt. Wer in Deutschland aufgewachsen ist, übersieht leicht, dass der Frieden in Europa so selbstverständlich wie zerbrechlich ist. „Nie wieder Krieg, nie wieder Gewalt“, das wiederholten auch die Ehrengäste bei der Befreiungsfeier der KZ-Gedenkstätte Dachau vergangenen Sonntag. Das ist unser Auftrag, unsere Pflicht, die der Bayerische Ministerpräsident Seehofer sogar mit der Präambel des Bayerischen Grundgesetzes belegte. Angela Merkel sagte, dass wir das Erinnern brauchen, um Unmenschliches nie mehr geschehen zu lassen und wir Deutschen hier in einer besonderen Verpflichtung für Europa und die Welt stehen. Wir Jugendorganisationen sind in der strengen Abfolge in der Kranzniederlegung am Appellplatz eine der letzten. „Nie wieder“ und „Gegen das Vergessen“ steht auf unseren Kränzen.

Erinnern bedeutet, dass wir uns vergegenwärtigen müssen: Auch nach dem Zweiten Weltkrieg, sind Krieg, aber auch Terror und Unfrieden historisch nicht lang genug vergangen, um Geschichte für einen Großteil unserer europäischen Bevölkerung zu sein, aber sind doch zugleich auch für viele abstrakte Geschichte, die sie nicht mehr erlebt haben. Der Jahrestag verpflichtet uns nicht nur des Leids der Opfer der NS-Zeit zu gedenken, sondern vielmehr sich an den beschwerlichen Weg zu europäischem Frieden und Einheit zu erinnern.

In der Randspalte der Süddeutschen Zeitung las ich, dass ein ehemaliger IRA-Führer diese Woche auf offener Straße in Belfast erschossen wurde. 2015 ist für meine Familie auch 20 Jahre Ende des Kroatienkrieges, der meinen Onkel das Leben kostete. Die Zahl der Asylanträge überschritt 2014 erstmalig die von 2000, als der Kosovokrieg zu Ende ging. Der Mauerfall ist mein Geburtsjahr, die Ereignisse von Rostock-Lichtenhagen sind älter als meine Schwester oder die diesjährigen AbiturientInnen. Die BürgerInnen Europas haben verdient den Friedensnobelpreis erhalten. Es war ein langer, beschwerlicher und mehrgenerationeller Weg hierher. Aber diese Errungenschaft stellt sich nun, zum 70. Jahrestag des Ende des Krieges, immer mehr auf den Prüfstand.

Europa und Deutschland sind heute geprägt vom Wiedererstarken rechtsradikaler Kräfte, die immer öfter souverän und gewalttätig auftreten. Islamhass, Antiziganismus, Sozialdarwinismus und andere Formen der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit machen sich breit; zum Antisemitismus ist es nur noch ein Katzensprung. Trotz Genfer Flüchtlingskonvention, die auf Basis der Ereignisse des Zweiten Weltkriegs 1951 unterzeichnet wurde, ertrinken zuhauf Menschen im Mittelmeer. „Wenn ich darauf blicke, wie heute einige Bürger gegen Flüchtlinge hetzen (…) - dann frage ich mich: Wie sehr ist das hohe Gut der Menschenwürde eigentlich noch in den Köpfen verankert?“, sagt der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland Josef Schuster bei der Feier in der KZ-Gedenkstätte.

Eine Gruppe namens ISIS erstarkt und ist dabei ein unmenschliches System der Unterdrückung und systematischen Ermordung ganzer Volksgruppen aufzubauen, das sich vielleicht schon bald mit den Nationalsozialisten vergleichen lässt. Der Ukrainekonflikt verbreitet Unsicherheit vor allem bei den neuen Mitgliedsstaaten und weckt immer mehr die Erinnerungen an den vergangenen Kalten Krieg.

Bei der Befreiungsfeier erinnerte der Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, Karl Freller, auch daran, dass das KZ Dachau kein typisches Vernichtungslager war. Zwar waren hier auch Juden, Sinti, Roma und Polen inhaftiert, vor allem aber die politisch Unerwünschten und Widerstandskämpfer: Kommunisten, Pfarrer und Menschen, die sich mutig aufgelehnt haben. Mehr als 20.000 sind dafür in Dachau gestorben. Der 91-Jährige Alan Lukens, der einer der GIs war, die das Konzentrationslager befreiten, sagte deshalb: „Wir wollen erinnern, dass das Gute das Böse überwinden kann.“

Vor ein paar Wochen, es war der erste sonnige und warme Tag, saß ich bei Kaffee und Kuchen mit meiner Oma auf der Terrasse. Meine Großeltern haben nie viel vom Krieg erzählt. Nur ganz selten vereinzelte Erinnerungen. Diesmal sagte meine Oma: „Das wühlt mich sehr auf mit 70 Jahre Kriegsende. Jetzt kommen die Erinnerungen wieder. Heute vor 70 Jahren, da war ich 10 Jahre alt und gerade in der Schule. Da gab es einen großen Bombenangriff auf Kempten. Den hab ich oberirdisch miterlebt. Wir liefen als Kinder von der Schule gerade heim. Ein Mann hat uns in ein Haus in den Keller geholt. Irgendwann kam ein junger Mann, der uns trotz Angriff gesucht hatte, weil unsere Mutter nicht wusste wo wir waren. Er lief noch im Bombenhagel zurück um meiner Mutter zu sagen, dass es uns gut ginge. Der Anblick danach war schlimm. So viele Tote. Und so viele kannte man.“

Sie erzählte, wie ihre Mutter den jüngeren Bruder und den Säugling auf ein Fahrrad nahm und sie ihr eigenes nehmen musste und erst 130 Kilometer nach München, dann weitere 50 Kilometer nach Moosach bei Ebersberg radelten. „Den ganzen Weg durch München hab ich geweint. Was ich da gesehen habe… mit meinen 10 Jahren… das war alles schlimm. So viel zerstört.“ Eigentlich hätte sie gerne mehr erzählt und ich gerne mehr zugehört. Doch tatsächlich wurden wir in diesem Moment von maschinengewehrartigem Geballer vom Nachbargrundstück gestört. Die Nachbarsjungs hatten Freunde zu Gast und liefen mit Helmen, Masken und liefen mit Attrappen von Maschinen- und Sturmgewehren über das Grundstück. Verschanzten sich hinter dem Sanspielhaus und der Rutsche. „Spielen die da mit Waffen?“, fragte meine Oma. „Ja, Oma, ich glaube die spielen Krieg.“ „Das werd ich nie verstehen: wie jemand seinem Kind nur eine Waffe kaufen kann.“

Frieden ist kein Zertifikat, das man einmal akkreditiert behalten kann. Frieden bleibt ein langer und beschwerlicher Weg. Europa ist dieser Weg. Vor 70 Jahren war es Auftrag der Jugend, also unserer Großeltern, ein neues Deutschland und ein neues Europa aufzubauen. Das ist ihnen gelungen. Ein Tag wie heute erinnert daran, dass wir jetzt die Jungen sind, die in der Pflicht stehen, dieses Friedenswerk zu erhalten.

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Ihr Kommentar

  • Am 13. Mai 2015 um 00:09, von  duodecim stellae Als Antwort Tag der Befreiung - Europa ist unsere Pflicht

    Ich finde es sehr wichtig, dass derartige Artikel geschrieben werden und dass an die Gräuel der Vergangenheit erinnert wird. Auch finde ich es gut wie der Artikel betont wie die Geschichte und Politik das Leben der Menschen beeinflusst und prägt.

    Die Leute werden mit der Zeit Geschichts-vergessen und reagieren reflexartig mit mit Attitüden à la: „Irgendwann muß doch mal gut sein“, oder „da war ich noch gar nicht geboren“. Dabei wird nur übersehen, dass es nicht darum geht sich einmal im Jahr kollektiv schuldig zu fühlen oder irgendsowas. Es geht darum die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen und den zivilisatorischen Fortschritt nicht zu einem Rückschritt werden zu lassen. Und man muss ein offenes Gespür bewahren für neue Fehler, die sich gar nicht so sehr von den alten unterscheiden. Zum Beispiel haben heutzutage manche die Attitüde man dürfe islamfeindlich sein, weil manche Moslems judenfeindlich sind und Antisemitismus ist ja schlimmer als Islamophobie. So kocht man sich ein Mischmasch aus bösen und guten Vorurteilen und ehe man sich versieht wandert man auf Pfaden, die dem „aufgeklärten“ Antisemitismus im neunzehnten Jahrhundert gar nicht so unähnlich sind, selbst wenn es diesmal nicht gegen Juden sondern Moslems geht.

    Ein anderes Beispiel ist ein Phänomen, dass ich nur als neuen innereuropäischen Rassismus seit Ausbruch der Eurokrise bezeichnen kann. Wenn ich lese wie manche Zeitungen Wörter wie „Pleitegriechen“ in Schlagzeilen verwenden. Wenn z.B. Israel im Euroraum wäre und ähnliche Probleme hätte, würde man dann auch „Pleitejuden“ übertiteln? Das ist doch schon eine Art nationalistischer Chauvinismus, wie ich ihn mir vor 5 Jahren in Deutschland nicht hätte vorstellen können. Und es ist Ausdruck von einer Art Überlegenheitsgefühl, das manche Leute gegenüber Menschen im Süden (auch Italien, Spanien, Portugal...) Europas zu empfinden scheinen. So nach dem Motto wir können denen nicht vertrauen, die sind faul und unzuverlässig, können nicht mit Geld umgehen. Umgekehrt heißt es dann immer Deutsche sind fleißig, pünktlich, ehrliche Steuerzahler... Die Frage mag zwar starker Tobak sein, aber: Ist so ein Weltbild wirklich so weit weg vom Ariergedanken?

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