Welche Grenzen es zu schützen gilt

, von  Christoph Schlenker

Welche Grenzen es zu schützen gilt
„Wenn es etwas gibt, das absolut schützenswert ist, dann ist es der Mensch selbst.“ Illustration von © Fidelia Schlegl

Seit 2014 starben über 10.000 Menschen bei dem Versuch, das Mittelmeer zu überqueren und nach Europa zu gelangen. Die italienische Marine startete 2013 quasi im Alleingang das Projekt zur Seenotrettung Mare Nostrum. Im Oktober 2014 wurde es jedoch durch die EU-Initiative Triton ersetzt. Der Fokus dieser Operation liegt nicht mehr auf der Rettung von Menschenleben, sondern auf dem Schutz der europäischen Außengrenzen vor illegaler Einwanderung. Das bedeutet, Europa schottet sich ab und riskiert den Tod unzähliger weiterer Menschen.

Grenzschutz. Ich finde dieses Wort und die Mentalität dahinter äußerst bedenklich. Muss man eine Grenze denn schützen? Innere, gesellschaftliche oder metaphorische Grenzen sind etwas, das sich durch lange ethische Reifungsprozesse als Norm oder Wert, meinenthalben auch Gesetz, als Regel festgesetzt hat. Nichts künstlich Geschaffenes also. Eine Grenze, welche sinnlos festgelegt wird, wird früher oder später verschoben werden.

Menschen reiben sich andauernd an Grenzen. Und dazu sind Grenzen ja auch da. Sie sollen uns, als denkende und fühlende Menschen, moralisch erziehen. Wie weit kann ich gehen, bis es weh tut? Wo sind meine persönlichen Grenzen? Stimmen diese mit der allgemeinen Auffassung davon überein? Es ist nur natürlich, sich an selbigen zu messen und daraus zu lernen. Was die Geschichte uns aber lehrt: Es gibt Grenzen, die es absolut zu schützen gilt. „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Jeder der sich über diesen Grundsatz zu stellen versucht, sollte definitiv die Konsequenzen zu spüren bekommen. Auch sollte man erst gar nicht versuchen, in Konflikt mit dieser Grenze zu treten. Denn wenn es etwas gibt, das absolut schützenswert ist, dann ist es der Mensch selbst.

Und wie sehr wird die Würde des Menschen dadurch verletzt, „Grenzschutz“ im geographischen, politischen Sinne zu betreiben. Menschen sterben, doch man lässt sie nicht nach Europa einreisen, weil man dessen Grenzen schützt? Wovor? Das klingt, als würden diese Menschen gewaltsam versuchen, den Kontinent zu erobern. Dies ist nicht der Fall. Diese Menschen überwinden nicht nur innerliche Grenzen bei der Entscheidung ihre Heimat zu verlassen. Sie existiert nicht mehr. Wenn, dann liegt sie in Trümmern. Es herrscht Krieg, Freunde und Verwandte sterben. Unter diesen Umständen eine normales Leben, eine Existenz als Mensch zu führen, ist schlicht nicht mehr möglich. In Europa, so die Hoffnung vieler, gibt es Sicherheit und das, was in ihrer Heimat so sehr fehlt: Menschlichkeit. Auch kommen sie bis an das Limit ihrer körperlichen und psychischen Leistungsfähigkeit.

Europa vertritt die Werte der Freiheit und Gerechtigkeit. Ergo sollte die EU sehr wohl Grenzschutz betreiben. Nicht aber dadurch, Menschen ertrinken zu lassen, sondern sie davor zu retten. Mare Nostrum. Seenotrettung. Menschlichkeit. Das ist der Grenzschutz, den Europa braucht.

Zur Info: Mare Nostrum ist ein italienisches Seenotrettungsprogramm, welches von 2013 bis Oktober 2014 existierte. Es galt als zu teuer und wurde durch die EU-Initiative Triton ersetzt. Trition operiert in einem wesentlich kleineren Radius als der Vorgänger und konzentriert sich auf den Grenzschutz, während die Rettung von Menschenleben ein Stück weit in den Hintergrund gerückt ist.

Anmerkung: Dieser Artikel erschien zuerst in der Schülerzeitung „Blickkontakt“ des Von-Müller-Gymnasiums in Regensburg. Die gesamte Ausgabe 2016/1 mit dem Titelthema „Grenzen“ kann hier nachgelesen werden.

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