100 Jahre Friedensvertrag von Brest-Litowsk: Ein Überblick

, von  Hannah Illing

100 Jahre Friedensvertrag von Brest-Litowsk: Ein Überblick
Die Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens zwischen Deutschland und seinen Verbündeten und Russland am 15.12.1917 in Brest-Litowsk. Copyright: Bundesarchiv, Bild 183-R92623 / CC-BY-SA 3.0

Der Friedensvertrag von Brest-Litowsk wird oft als der „vergessene Friede“ des 1. Weltkriegs bezeichnet. Die Unterzeichnung des Vertrags zwischen den sogenannten Mittelmächten und Russland jährt sich heute am 3. März zum 100. Mal. Obwohl der Vertrag mit der Kapitulation Deutschlands im November 1918 annulliert wurde, hatte er wichtige Folgen für Europa.

Als die Bolschewiki unter der Führung Lenins im Oktober 1917 in St. Petersburg den Winterpalast stürmten, die Provisorische Regierung stürzten und die Macht ergriffen, kämpften Russlands Soldaten bereits seit mehr als drei Jahren im 1. Weltkrieg gegen die Mittelmächte (welchen das Deutsche Reich, Österreich-Ungarn, das Osmanische Reich und Bulgarien angehörten). Lenin zeigte sich als Gegner des Krieges, den er bereits vor der Oktoberrevolution in seinem Aufsatz „Die Aufgaben der revolutionären Sozialdemokratie im europäischen Krieg“ als „bürgerlich, imperialistisch und dynastisch“ bezeichnete.

Dass die Bolschewiki kurz nach der Machtübernahme die Verhandlung eines Waffenstillstands mit den Mittelmächten initiierten, hatte jedoch nicht nur ideologische, sondern auch pragmatische Gründe: Die Revolutionäre wollten im kriegsmüden Russland ihre Herrschaft konsolidieren. Auch den Mittelmächten kam der Vorstoß Russlands nicht ungelegen: Ihr Ziel war es, sich nach Friedensschluss verstärkt auf die Westfront zu konzentrieren und so ihre Kräfte zu sammeln. Im Januar 1918 begannen die Friedensverhandlungen in der weißrussischen Stadt Brest-Litowsk, auf russischer Seite war Leo Trotzki Verhandlungsführer. Er spielte auf Zeit, hoffte, dass es auch in Deutschland zur Revolution kommen würde. Die deutsche Delegation schloss in der Zwischenzeit aus taktischen Gründen einen Friedensvertrag mit der Ukraine, der auch als „Brotfrieden“ bezeichnet wird, weil er die Anerkennung der ukrainischen Unabhängigkeit mit Getreidelieferungen an das Deutsche Reich verband. Die Bolschewiki ließen sich davon jedoch zunächst nicht beeindrucken. Erst als die Deutschen wenig später einen weiteren Feldzug auf russische Gebiete begannen und ein großes Territorium besetzten, lenkte die neue russische Führung ein. Am 3. März wurde der Friedensvertrag in Brest-Litowsk unterzeichnet.

Das Ergebnis war für Russland verheerend: Polen und das Baltikum wurden zu deutschen Satellitenstaaten, Finnland und die Ukraine unabhängig. Georgien, Armenien und Aserbaidschan fielen an das Osmanische Reich. Damit verlor Russland ein Viertel seines Territoriums, auf dem 50 Millionen Menschen lebten. Zusätzlich wurden sechs Milliarden Reichsmark Reparationen vereinbart. Es ist ein Friedensvertrag, der an den ein Jahr später abgeschlossenen Vertrag von Versailles erinnert, weil er die unterlegene Partei stark demütigte.

Am Ende fiel der scheinbare Sieg jedoch auf die Deutschen zurück (vgl. hierzu diesen Radiobeitrag im NDR). Eine Million deutsche Soldaten blieben in den neuen unabhängigen osteuropäischen Staaten zurück, um sie zu unterstützen. In der Zwischenzeit verloren die Mittelmächte an der Westfront den Krieg. Den Bolschewiki hatte der Vertrag von Brest-Litowsk dagegen wertvolle Zeit gegeben, um ihr Regime in Russland zu etablieren. Ohne den Friedensvertrag hätte sich Europas Geschichte sicher anders entwickelt.

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