8 Mai oder 9 Mai ? – Frankreich oder Europa ?

Plädoyer für die Abschaffung des 8. Mai als Feiertag

, par Traduit par Beate Brockmann, Cédric Puisney

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8 Mai oder 9 Mai ? – Frankreich oder Europa ?

Seit 1951 wird der 8. Mai , der Tag, an dem der Zweite Weltkrieg zu Ende ging, in Frankreich als Feiertag begangen. Welche Bedeutung hat dieses Datum heute, zu Zeiten eines vereinigten Europa ? Was genau feiert man, und bis wann ?

In diesem Jahr, wie in jedem Jahr seit 1951, werden die Franzosen den 8. Mai als den Tag feiern, an dem der Waffenstillstand geschlossen wurde, der 1945 das Ende des Zweiten Weltkriegs bedeutete.

Egal, ob der Ursprung eines Feiertags in der Religion oder in der Geschichte zu finden ist - meist freut man sich nur über einen freien Tag, ohne sich um die Symbolkraft, die hinter einem solchen Feiertag steckt, den Kopf zu zerbrechen. Was ist die tiefere Bedeutung des 8. Mai 1945 ? Handelt es sich um eine Gedenkfeier für den Frieden, der auf die größte Barbarei folgte, die Europa je kannte ? Oder vielleicht eher um den Sieg der „guten“ Franzosen über die „bösen“ Deutschen ? Die erste Erklärung scheint zunächst zutreffender. Und dennoch drängt sich die zweite Interpretation auf, wenn man den Blick auf das Land jenseits des Rheins richtet – dort ist dieses Datum nämlich für den Normalbürger vollkommen bedeutungslos. Bedeutung hat stattdessen seit mehr als 60 Jahren ein tiefverankertes, fast schon ins nationale Unterbewusstsein eingenistetes Schuldeingeständnis. In Frankreich dagegen entschied man sich, damals sicherlich zu Recht, dafür, diese dunkle Zeit möglichst zu vergessen, und nur ein jährliches Post-it in Form des 8. Mai in seinen Kalender zu kleben.

Das Fest ist vorbei

Was bleibt 60 Jahre später noch zu feiern ? Etwa ein Frankreich, das gewonnen hat – wobei sich die Frage stellt, was Frankreich denn nun überhaupt gewonnen hat ? Ein Frankreich, das „weder einen Völkermord begangen noch die Endlösung erfunden“ hat, wie es der neue Präsident Sarkozy während seines Wahlkampfes laut und deutlich verkündet hat ?

Man kann seine Zukunft nur auf seiner Vergangenheit errichten, und dazu gehören auch die dunklen Kapitel der eigenen Geschichte. Aber sollten wir uns nicht an den Deutschen ein Beispiel nehmen, die ihre Wiedervereinigung feiern, und unsere Feiertage zu Symbolen des Aufbaus und der Einheit machen, statt zu Symbolen des Krieges, die ohnehin in unser kollektives Gedächtnis eingemeißelt bleiben, und heute doch nur noch einen offenen oder versteckten Groll – natürlich gegenüber Deutschland – widerspiegeln ?

Man sollte sich diese Frage also stellen : Sollen wir den 8. Mai als Feiertag abschaffen ? Valéry Giscard d’Estaing, französischer Staatspräsident von 1974 bis 1981, hat ihn im Jahr 1975 kurzerhand abgeschafft, und zwar aus dem Gedanken heraus, dadurch zur Versöhnung der beiden ehemals verfeindeten Länder beizutragen. Als François Mitterrand 1981 Präsident wurde, ist der 8. Mai allerdings wieder ein Feiertag geworden...

Einen Tag mehr arbeiten ?

„Einen Feiertag abschaffen – das steht außer Frage !“ Bei einem solchen Vorschlag sind sicherlich nicht wenige Franzosen – darunter auch der Autor dieser Zeilen – entsetzt. Wie wäre es also, den Feiertag einfach zu ersetzen ? An Kandidaten-Tagen mangelt es nämlich keineswegs. Wer weiß zum Beispiel, dass der 9. Mai der Europatag, der Feiertag Europas ist ?

Seit der Debatte um den Europäischen Verfassungsvertrag steht es fest : die Franzosen interessieren sich für Europa. Wenn doch nur ihre Politiker es wagen würden, das Thema pädagogisch statt demagogisch anzugehe. Wer hat denn mitbekommen, dass in diesem Jahr der 50. Geburtstag der Römischen Verträge gefeiert wird ? Dabei zeichnet Europa schon längst für die meisten Gesetze verantwortlich, die unseren Alltag bestimmen. Europa – diese Idee, von der ein Robert Schuman laut träumte, als er am 9. Mai 1950 die Völker Europas dazu aufrief, den Hass der Vergangenheit zu überwinden, und das, was zu jener Zeit den größten Reichtum darstellte, nämlich die Kohle, zu einem gemeinsamen Gut zu erklären. Was in der Folge zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) führte.

Eine logische Entwicklung

Wie wäre es, wenn ... nach 50 Jahren Römischen Verträgen, im Jahr 2007, nach einem 60. Jahrestag der Landung der Alliierten an der französischen Küste, den man 2004 noch gemeinsam mit dem deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder gefeiert hat, sich der neue Präsident Sarkozy, der selbsternannte große Europäer, aufs höflichste und schönste für die verbalen Entgleisungen seiner Wahlkampfreden in Bezug auf Deutschland entschuldigen würde, wenn er – nur wenige Monate vor der Übernahme der Ratspräsidentschaft durch Frankreich – ein europäisches Signal aussenden würde, indem er den traurigen 8. Mai durch einen 9. Mai ersetzte, der ein Zeichen der Hoffnung für unsere Großeltern, ein Zeichen der Zukunft für unsere Kinder sein könnte ?

62 Jahre nach diesem zweiten Weltkriegsende sind Rachegelüste und Schuldzuweisungen fehl am Platz. Gemeinsam haben Frankreich und Deutschland sich während vieler Jahre gegenseitig zerstört. Gemeinsam haben sie sich in den vergangenen 50 Jahren wieder aufgebaut. Gemeinsam erfinden sie sich jeden Tag neu, wie sie auch Europa jeden Tag neu erfinden, und auch Europa sich selbst immer wieder neu erfindet. Wer aber wird den französischen Kalender neu erfinden ?

Illustration : Symbole aus der Homepage Fête L’Europe

Vos commentaires

  • Le 9 mai 2007 à 08:55, par Ulli En réponse à : 8 Mai oder 9 Mai ? – Frankreich oder Europa ?

    den vorschlag, den 9. mai als feiertag zu machen, finde ich bedenkenswert - dann allerdings möglichst euroapweit (oder in vielen mitgliedsstaaten)

    mir (als deutschem) fällt zum 8.mai immer zunächst ein, dass traurigerweise deutschland diesen tag immer noch nicht feiert, immer noch viele nicht wahrnehmen, dass wir selbst am meisten grund zum feiern hätten, denn auch deutschland selbst wurde vom faschismus befreit ... eine streichung hätte bei mir deswegen einen bitteren beigeschmack ...

    ulli http://ondamaris.blogspot.com/search/label/Frankreich

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