Bilateral

Die deutsch-französische Freundschaft

Zusammen Europa aufbauen

, von  Übersetzt von Cédric Puisney, J. S.

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Die deutsch-französische Freundschaft

Bei der letzten Fußball-WM wurde oft über die deutsch-französische Freundschaft diskutiert, und zwar nicht nur auf der politischen Ebene...

Die Hoffnung auf ein Endspiel »Frankreich gegen Deutschand« nach der Niederlage der deutschen Nationalmannschaft gegen Italien war im Halb-Finale verschwunden.

Bei der Niederlage Deutschlands gegen Kroatien bei der WM 1998 sind die französischen Journalisten nicht sehr nett mit den Deutschen gewesen umgegangen, aber 2006 sind die französischen Medien Deutschland freundlicher gegenüber gewesen.

Dies ist sicher eine Konsequenz der politischen und sozialen Bemühungen um die Förderung der europäischen Bürgerschaft.

Welche Ursprünge hat die deutsch-französische Freundschaft?

Um über die europäische Bürgerschaft zu sprechen, sollte man sich auf den Anfang der europäischen Integration besinnen. Nach dem Zweiten Weltkrieg war sie erforderlich. Die deutsch-französische Versöhnung war damals die Voraussetzung beim Versuch ein geeinigtes und friedvolles Europa aufzubauen.

Nach den Kriegen von 1870, 1914 und 1940 wurde die deutsch-französische Dynamik durch Konrad Adenauer und Charles de Gaulle durch die Unterzeichnung des Elysée-Vertrages am 22. Januar 1963 eingeleitet. Dieser Tag wurde sogar zum »Deutsch-französischen Tag« ausgerufen. Ein Vertrag, der den Anfang einer wirklichen Kooperation zwischen den beiden Ländern begründet. Ein Vertrag mit den Schwerpunkten Außen- und Verteidigungspolitik und auch Bildungspolitik. Über das Themen Sicherheit und Verteidigung, Wirtschaft und Finanzen und auch Umwelt wurde damals jeweils ein Ministerrat gegründet.. Der von Helmut Kohl und François Mitterrand 1987 eingesetzte erste Rat ermöglichte die Gründung der deutsch-französischen Brigade, die seit 1991 tätig ist. Diese deutsch-französische Initiative gilt auch seit 1992 für alle EU-Mitglieder. Dieser neue EuroCorps hat an Einsätzen u.a. im Kosovo (2000) und in Afghanistan (2004) teilgenommen.

Außerdem wurden zahlreiche deutsch-französische Institutionen ins Leben gerufen, wie zum Beispiel das »Deutsch-Französische Jugendwerk« (DFJW, mit einem Doppelsitz in Berlin und Paris mit über 150.000 Teilnehmern jedes Jahr...), die deutsch-französische Hochschule in Saarbrücken, der europäische Kulturkanal »ARTE«, oder die Goethe - Institute und die »Institut français«, um die Dynamik des Austausches und den sozialen und kulturellen Dialog zwischen den beiden Nationen zu fördern.

Könnte der deutsch-französische Motor erlahmen?

Trotz der Vertiefung der deutsch-französischen Freundschaft auf der Ebene der Bildung, Kultur und Politik in den 1970er und 1980er Jahren wurde der deutsch-französische Motor bei der Wiedervereinigung Deutschlands 1989-1990 auf die Probe gestellt. Erneut waren die beiden Nachbarländer Konkurrenten um die wirtschaftliche Herrschaft in Europa. Diese Frage kam auch zu der der teuren gemeinsamen Agrarpolitik hinzu ebenso wie auch die entsprechenden Diskussionen.

Deswegen haben die beiden Regierungen am 31. Januar 2001 ein deutsch-französisches Arbeitsprogramm vorgestellt (fast 40 Jahre nach der Unterzeichnung des deutsch-französischen Freundschaftsvertrages..), im Rahmen einer Neudefinierung der deutsch-französischen Beziehungen, des sog. »Blaesheimer Prozesses« (Blaesheim ist die elsässische Ortschaft, wo dieses deutsch-französische Abkommen unterzeichnet wurde).

Das Ziel dieses Prozesses war es, eine engere Zusammenarbeit in den Bereichen Erweiterung und Beitrittsbedingungen, der Lebensmittelsicherheit und der gemeinsamen Agrarpolitik zu schaffen.

So haben sich die beiden Länder u.a. auf die umstrittene Finanzierungsfrage der EU geeinigt (um die Osterweiterung zu erleichtern). Dieser bilaterale Konsens blieb aber auf einem niedrigen Niveau und verhinderte eine schnellere und dauerhafte Agrarreform auf der WTO-Ebene. Dennoch hat die Unterbrechung des Stabilitätspaktes (verstärkt vom deutsch-französischen Vorstand 2003...) das Bild der beiden Länder als führende Kraft der europäischen Integration sehr geschwächt. Auch wenn die starke Zussammenarbeit bei der Irak-Krise ein positiver Schritt für die deutsch-französische Freundschaft gewesen ist, hat sie auch zu starken Meinungsverschiedenheiten innerhalb der EU geführt.

Deswegen haben der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder und Präsident Jacques Chirac ein starkes Symbol zugunsten der europäischen Integration geschaffen, indem sie die alte regionale grenzüberschreitende Kooperation durch den Begriff »Eurodistrict« 2003 ersetzt haben. Ein neuer Begriff, der als Experiment in den Regionen »Straßburg-Kehl-Offenburg«, »Mulhouse-Colmar-Freiburg«, »Lille-Courtrai« und »Saarland-Mosel« umgesetzt wird. Ein neuer Begriff, der die Idee einer regionalen grenzüberschreitenden Identität entwickelt hat.

Auf wirtschaftlicher Ebene: Wohin führt die deutsch-französische Zusammenarbeit?

Mit der Einführung ab 1990 des europäischen Binnenmarktes, dem freien Kapitalverkehr und der gemeinsamen Währung hat sich der Geist einer Zusammenarbeit auf wirtschaftlicher Ebene verstärkt, was sich u.a. an einer Erhöhung der Investitionen der jeweiligen Länder ablesen lässt.

1999 haben einige große deutsche und französische High-Tech-Unternehmen fusioniert: aus »Rhône-Poulenc« und »Hoechst« ist »Aventis« entstanden, »Framatome ANP« aus »Framatome« und der Abteilung Kernenergie von »Siemens AG«, »EADS« aus »DASA« und »Aérospatiale-Matra«. So haben sich die beiden Unternehmerkonzeptionen dem angelsächsischen Modell und dessen »shareholder values’« angenähert. Ganz konkret hat sich diese Annäherung auch im Bereich Konsens, Finanzierung und Kapitalherkunft (öffentlich oder privat) verwirklicht.

Aber die Trennung 1998-1999 zwischen der »Deutschen Telekom« und ihrem Partner »France Télécom« oder auch die zur Zeit am deutsch-französischen Vorstand der EADS geübte Kritik zeigt die Schwierigkeiten, mit denen der deutsch-französische wirtschaftliche Motor jetzt konfrontiert wird.

Welches sind die Zukunftsperspektiven für das deutsch-französische Paar ?

Zum Schluss kann man unterstreichen, dass die beiden Länder auf der politischen Ebene die informellen Treffen im Rahmen des Blaesheimer Prozesses weiter organisieren wollen. So haben Angela Merkel und Jacques Chirac beim letzten deutsch-französischen Gipfeltreffen (vom 6. Juni 2006) bestätigt, dass sie zur Realisierung der im VVE (Vertrag über eine Verfassung für Europa) dargelegten Ziele zusammenarbeiten wollen.

Über die Vorbereitungen auf den nächsten Europäischen Rat hinaus haben sie auch schon den aktuellen Konflikt im Iran bezüglich der Kernenergie erwähnt und haben ihren gemeinsamen Willen bekundet, den Verhandlungsweg weiterzuführen.

Auf wirtschaftlicher Ebene haben die beiden Regierungen auch über das Scheitern der Fusion zwischen der »Deutschen Börse« und »Euronext« dieses Jahr festgestellt, dass dies die Fortführung eines Europas der Finanzmärkte sehr wahrscheinlich verhindern würde.

Schließlich kann im kulturellen Bereich ein großer Fortschritt verzeichnet werden: Seit dem Schulanfang 2006/2007 existiert ein gemeinsames deutsch-französisches Geschichtsbuch, um eine deutsch-französische Vision der europäischen Geschichte seit der Antike zu fördern.

Außerdem müssen wir daran erinnern, dass bei den Halbfinalespielen der letzten WM nur noch europäische Teams spielten. Es lebe das geeinigte Europa! Sowohl mit den Völkern auf dem Fußballplatz als auch in der Politik!

Übersetzt aus dem Französischen von Cédric Puisney

Artikel urschprünglich veröffentlicht am 10. Juli 2006

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