Wird das Rating europäisch?

Von den Anfängen zu den aktuellen Entwicklung bei Ratings

, von  Dr. Christine Ott

Wird das Rating europäisch?
Die drei größten Ratingagenturen sind US-amerikanisch und nicht europäisch. Bestimmte Rechte vorbehalten von quinn.anya

Die ersten Ratingagenturen entstanden im Zuge der Erschließung der USA durch die Eisenbahn im ausgehenden 19. Jahrhundert, um Investoren Informationen über die Vielzahl Kapital suchender Gesellschaften an die Hand zu geben. Indem Ratingagenturen Schuldner hinsichtlich ihrer Bonität, also ihrer Fähigkeit und Willigkeit, Zins und Tilgung vollständig und fristgerecht zu leisten, beurteilen und ihre Meinung darüber veröffentlichen, kommen sie auch heute noch dem Informationsbedürfnis vieler Kapitalmarktteilnehmer nach. Durch die komprimierte Form der Darstellung des Ratingurteils in Gestalt eines prägnanten Buchstabenkürzels, z.B. AAA oder Aaa, sind Ratings intuitiv eingängig und ermöglichen es, unterschiedliche Schuldner hinsichtlich ihrer Bonität unmittelbar zu vergleichen. In dieser Griffigkeit dürfte einer der wesentlichen Gründe für die Bedeutung von Ratings für die Märkte liegen. Schließlich erhalten Ratings ihre Relevanz nicht zuletzt dadurch, dass sie vielfältig als Bezugspunkt herangezogen werden: Institutionelle Investoren beschränken sich in ihrer Anlage häufig auf Anleihen mit gewissen Mindest-Ratings und auch die Höhe der Eigenkapitalhinterlegung ist seit Basel II vom Rating abhängig.

Ratingagenturen unter Aufsicht

Es ist daher kaum verwunderlich, dass Ratingagenturen und ihre Bewertungen im Fokus der Aufsichtsbehörden stehen. Dies gilt umso mehr als im Zuge der durch einen Preisverfall am amerikanischen Immobilienmarkt ausgelösten Finanzkrise gerade strukturierte Finanzprodukte betroffen waren, bei denen Ratingagenturen nicht nur als beurteilende, sondern auch als beratende Finanzintermediäre aufgetreten waren und die Emittenten bei der Gestaltung des Produktes und der Erreichung bestimmter Ziel-Ratings unterstützt hatten. Die Vermeidung derartiger Interessenkonflikte war ein wichtiges Ziel der in der Folge eingeleiteten regulatorischen Bestrebungen. In der EU wurde im Herbst 2009 eine Verordnung erlassen, die einen EU-weit einheitlichen regulatorischen Rahmen für Ratingagenturen schafft und eine Aufsicht über diese spezialisierten Finanzintermediäre implementiert. Im Einklang mit der von Politikern immer wieder geäußerten Kritik an der US-amerikanischen Prägung des Marktes für kapitalmarktorientierte Ratings, wird angestrebt, diese zu mildern. Ratingagenturen müssen fortan physisch in der EU präsent sein und hier der Aufsicht unterliegen, damit in der EU ansässige Finanzinstitutionen ihre Ratings für aufsichtsrechtliche Zwecke heranziehen dürfen. Für Ratings außereuropäischer Ratingagenturen gelten strenge Äquivalenzanforderungen, die die europäische Aufsichtsbehörde ESMA bei den US-Agenturen derzeit noch nicht als nachweislich erfüllt ansieht.

Die großen drei und Alternativen

Dabei sind es gerade die drei großen US-amerikanischen Ratingagenturen Standard&Poor’s, Moody’s und Fitch, deren Ratings am internationalen – auch am deutschen – Kapitalmarkt anerkannt sind und von den Investoren bei ihrer Anlageentscheidung berücksichtigt werden. Jenseits aller regulatorischen Nutzung ist es die Akzeptanz von und Nachfrage nach Ratings durch ihre Adressaten, die konstitutiv für das Konzept des Rating sind. Dieser Aspekt sollte nicht vernachlässigt werden, wenn in diesen Tagen die Errichtung einer europäischen Ratingagentur gefordert wird. Nun ist es keineswegs so, dass es keine europäischen Ratingagenturen gibt und gab. Inzwischen haben sich in der EU eine ganze Reihe vorwiegend deutscher Institutionen als Ratingagenturen registrieren lassen, die Gründung weiterer Ratingagenturen wurde angekündigt. Damit erlebt Deutschland gerade eine zweite Gründungswelle. Schon einmal waren in Deutschland ab 1998 zahlreiche kleinere Anbieter einer externen Bonitätsanalyse entstanden und konnten sich häufig nicht etablieren, geschweige denn in das Segment der kapitalmarktorientierten Ratings vorstoßen. Ohnehin steht nicht zu erwarten, dass eine neu gegründete europäische Ratingagentur in kurzer Zeit zu den Marktführern aufschließen kann, benötigt der Aufbau von Reputation doch Zeit und einen langen Atem. Erst durch die Fusion mit der amerikanischen Agentur Fitch im Jahr 1997 und die Übernahmen von Duff&Phelps sowie Thompsons BankWatch im Jahr 2000 konnte die 1978 in London entstandene Ratingagentur IBCA, die sich auf die Beurteilung europäischer Banken spezialisiert hatte, an die Seite der bis dahin unangefochtenen Marktführer Standard&Poor’s und Moody’s treten – mit dem Preis nicht mehr als europäische Agentur wahrgenommen zu werden. Gleichwohl zeigt ein Blick nach Japan, dass sich auch nationale Ratingagenturen mit einem dezidiert regionalen Fokus erfolgreich am Markt für kapitalmarktorientierte Ratings behaupten können.

Fazit

Trotz aller Kritik scheint sich der Grundgedanke einer externen Bonitätsbeurteilung durch spezialisierte Finanzintermediäre inzwischen weltweit durchgesetzt zu haben. Nicht nur in Deutschland und Europa sondern auch in China wurden und werden neue Ratingagenturen gegründet. Auch in den USA erhielten zuletzt weitere Anbieter die staatliche Anerkennung. Der weltweite Ratingmarkt ist in Bewegung. Welche Agenturen werden Emittenten zukünftig beauftragen? An den Ratings welcher Agenturen werden sich die Investoren künftig orientieren? – Warten wir es ab.

Dieser Artikel erschien im neuen gedruckten Treffpunkt Europa, Mitgliedermagazin der JEF-Deutschland. Die aktuelle Ausgabe widmet sich der Krise und Zukunft Europas und ist auf der JEF-Webseite kostenlos erhältlich. Das Videovorwort zur Ausgabe findet sich hier.

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