Alle Europäer*innen sind gleich, aber manche sind gleicher

Der Eurovision Song Contest und die Europäische Union

, von  Kristijan Fidanovski, übersetzt von Stefanie Neufeld

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Alle Europäer*innen sind gleich, aber manche sind gleicher
© Wouter van Vliet, EuroVisionary CC BY-SA 4.0

Auf dem ersten Blick sind der Eurovision Song Contest und die Europäische Union völlig gegensätzlich. Der ESC ist cool, aber unnötig; die EU ist nicht ganz so cool, aber sehr nötig. Der ESC ist eine Verschwendung von Geld für billige Musik auf dem ganzen Kontinent (und aus irgendeinem Grund auch in Ländern wie Australien und dem diesjährigen Gewinner Israel). Im Gegensatz dazu hat die EU seit Jahrzehnten für Frieden auf unserem Kontinent gesorgt und trotzdem ist sie unterfinanziert und wenig geschätzt.

Aber abgesehen von diesen starken Kontrasten hat die EU viele zu viele Gemeinsamkeiten mit dem Eurovision Song Contest. Die Absicht hinter beiden Projekten ist es, den Kontinent zusammenzubringen. Aber die Realität bei beiden ist – trotz der noblen Prämisse – ein Europa, in dem manche Europäer*innen, um es mit den Worten von George Orwell zu sagen, „gleicher“ sind als andere.

Alle Sprachen sind gleich, aber Englisch ist gleicher als andere

In der Theorie begrüßen beide Projekte die Sprachenvielfalt. Beim Eurovision Song Contest haben die Länder die Wahl, auf Englisch oder auf der eigenen Sprache zu singen. In der EU ist standardmäßig die Sprache jedes Mitgliedsstaates auch eine offizielle Sprache der Union.

In der Praxis ist es allerdings so, dass sich die meisten Gewinner des ESC – und die meisten teilnehmenden Länder - auch dieses Jahr dazu entschieden haben, auf Englisch zu singen. Letztes Jahr hat Portugal eine 10-Jahres-Strähne von englischsprachigen Gewinnersongs gebrochen, die bis zum serbischen Sieg mit dem Lied „Molitva“ im Jahr 2007 zurückging. Israels Sieg mit dem diesjährigen englischsprachigen Beitrag bestärkt den Eindruck, dass die Siege 2007 und 2017 seltene Ausnahmen waren. In den meisten Fällen haben Länder, die in der eigenen Sprache singen, eine geringere Chance auf den Sieg, unabhängig von der Qualität des Liedes.

Beim diesjährigen ESC war Englisch nicht nur die dominante Sprache bei den Liedern, sondern auch unangefochtene Verkehrssprache bei der Stimmauszählung. Als die 43 Länder ihre Abstimmungsergebnisse präsentierten, war die Schweiz das einzige Land, das sich für Französisch entschied. Sogar Frankreich wechselte zum Englischen.

In der EU haben Englisch, Deutsch und Französisch als „Arbeitssprachen“ einen höheren Status als die restlichen offiziellen Sprachen. In Wirklichkeit gibt es sogar noch weniger Gleichheit, da Englisch die anderen beiden Arbeitssprachen in offiziellen Stellungnahmen von europäischen Beauftragten klar dominiert.

Alle Länder sind gleich, aber die Reichen sind gleich als andere

Beim Eurovision Song Contest treten 37 von 43 Länder im Halbfinale um einen Platz im Finale an. Die anderen sechs ziehen direkt ins Finale, aber nur eines von ihnen hat sich den sicheren Platz tatsächlich verdient – der Gewinner des Vorjahres. Die anderen fünf Länder, das Vereinigte Königreich Großbritannien, Deutschland, Spanien, Frankreich und Italien genießen jedes Jahr das Privileg als größte Geldgeber - unabhängig von ihrer (normalerweise schwachen) Darbietung.

In der EU ist Großbritannien für seinen gewählten Austritt aus der Eurozone und dem Visa-freien Schengenraum, zwei der größten Markenzeichen einer Mitgliedschaft in der EU, berüchtigt. Was weniger bekannt ist, das ist die Tatsache, dass es insgesamt zehn Austritte innerhalb der EU gab, drei davon von Dänemark, zwei von Irland und einer von Polen, in den Bereichen Diversität, Verteidigung, Recht und Mitgliedschaft. Großbritannien, das einzige Land, das sowohl in der EU als auch beim Eurovision Song Contest privilegiert ist, führt dies mit vier gewählten Austritten an und hätte mit dem Ende der Möglichkeit eines jeden Arbeiternehmenden, in einem beliebigen Land der EU eine Arbeit zu suchen, einen fünften erreicht, hätte es nicht 2016 für einen kompletten Ausstieg gestimmt.

Alle Länder sind gleich: Sie sind gleichermaßen kraftlos

In der EU kreiert die Größe der administrativen Organe der Union die weit verbreitete Auffassung, dass alle wichtigen Entscheidungen von einer kleinen Gruppe von Menschen in Brüssel getroffen werden. Während diese Meinung nicht wirklich genau ist und von populistischen Parteien auf dem gesamten Kontinent missbraucht und ins Unermessliche übertrieben wurden, führt die exzessive Bürokratisierung und die fehlende Transparenz der EU dazu, dass sich Europäer*innen machtlos fühlen.

Der ESC erzeugt exakt den gleichen Eindruck, der in diesem Fall aber berechtigter ist. Beim Eurovision Song Contest stammt die Hälfte der Stimmen von einer professionellen Jury aller teilnehmenden Länder und die andere Hälfte von der populären Telefonabstimmung. Die undemokratische Macht der Jurys ist damit begründet, dass eine professionelle Bewertung der Qualität der präsentierten Lieder, ohne irgendwelche hintergründigen Faktoren, notwendig ist.

Trotzdem ist dies offenkundig nicht der Fall. Dieses Jahr hat die montenegrinische Expertenjury die höchste Punktzahl an das Nachbarland Serbien vergeben, dessen Lied im Großen und Ganzen recht schlecht ausfiel. Ebenso vergab die russische Expertenjury 12 Punkte an die Ex-Sowjetische Republik Moldau. Wie die 28 europäischen Beauftragten, sind die Jurys nicht nur nicht gewählt, sondern machen auch nicht immer einen guten Job.

Was die EU vom Eurovision Song Contest lernen kann

Interessanterweise gibt es einen Bereich, bei dem der ESC gleicher ist als die EU. Die Expertenjurys – auch wenn sie nicht legitim sind – haben einen gleich großen Einfluss. Die 12 Punkte von der deutschen Jury haben die gleiche Gewichtung wie die 12 Punkte von San Marino. Während das System unverhältnismäßig zur Größe der jeweiligen Population ist, ist es komplett stimmig mit der europäischen Idee der Gleichheit.

Die Verteilung des Einflusses im Europäischen Parlament ist nicht so gleichberechtigt. In Anlehnung an das Modell der degressiven Proportionalität haben die größeren Mitgliedsstaaten mehr Sitze im Europäischen Parlament als die kleinen. Die Vergabe einer gleichen Anzahl von Sitzen an alle Mitgliedsstaaten würde einen positiven Einfluss auf das Bestärken kleinerer Staaten haben und das Langzeitproblem der türkischen Mitgliedschaft lösen (angenommen, dass das Land eines Tages die Kriterien einer Mitgliedschaft erfüllt). Mit dem jetzigen Modell könnten die großen Mitgliedsstaaten den Beitritt der Türkei selbst dann verhindern, wenn es bereit für die Mitgliedschaft wäre, da es im Anschluss daran entsprechend der Größe seiner Bevölkerung das Land mit der zweithöchsten Anzahl an Sitzen im Europäischen Parlament werden würde.

Außerdem bestärkt der ESC die Hoffnung der Optimist*innen, dass Vögel, die das Nest der EU verlassen, auch wieder zurückkommen können. Nachdem Italien nach jahrzehntelanger Beteiligung und zwei Gewinnen den Wettbewerb im Jahr 1997 verließ, kam es 2011 wieder zurück. Also, muss Brexit dann wirklich Brexit bedeuten?

Europas Prioritäten richtig rücken

Braucht Europa den Eurovision Song Contest? Vermutlich nicht, vor allem dann nicht, wenn es ein Wettbewerb ist, bei dem Israels schlechte Entschuldigung für ein Lied über Italiens anspruchsvolle Sozialkritik und meisterhaften Bühnenauftritt triumphiert.

Aber braucht Europa die Europäische Union? Ja, mehr als jemals zuvor und unabhängig von all ihren Mängeln. Der beste Weg, mitdem der ESC der Europäischen Union helfen kann, ist es, die Europäer*innen daran zu erinnern, dass Europa tatsächlich „in seiner Diversität vereinigt“ sein kann, auch wenn es nur für eine Nacht und einen kitschigen Musik-Wettbewerb ist. Wie toll wäre es denn, wenn wenigstens halb so viele Personen bei den Europäischen Wahlen abstimmen würden?

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