Denkmal der Schande

, von  Tobias Gerhard Schminke

Denkmal der Schande
Fordert eine die Vergessenskultur für die Nazi-Zeit: Björn Höcke Metropolico.org Flickr

In einem leidenschaftlichen Appell kommentiert der Chefredakteur von treffpunkteuropa Tobias Gerhard Schminke die Rede des Parteivorsitzenden der AfD Thüringen vom 17. Januar, in der Höcke eine neuen Erinnerungskultur für Deutschland forderte.

Es gibt einen Satz, der knallte bei mir in den Ohren. Er hat mir das Hirn zerrissen, besetzt. Und ich kann nicht länger schweigen.

„Wir brauchen nichts Anderes als eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad.“ Björn Höcke (AfD-ENF) rief das seinem Publikum am 17. Januar zu. Und die Menge johlte.

Ich möchte dich, lieber Leser, auf eine ganz persönliche Reise mitnehmen. Sie führt ins Jahr 2015. Haifa. Israel. Ich lebte mit fünf Israelis in einer Wohnung. Studium. Wir sechs. Jungs. Immer zwei in einem Zimmer. Wir wurden Freunde. Machten Zeug zusammen. Wanderten im Nationalpark, betranken uns oder redeten Stunden lang in der Küche über Politik. Manches Mal haben wir dann gestritten. Aber so richtig. Stunden lang und dann bin ich raus und hab die Tür geknallt. Oder sie. Oder wir haben gesagt: „Keine Politik mehr“ und haben eine Pizza bestellt. Letzteres war eher die Ausnahme, meist knallten Türen. Wir waren – und sind – sehr gute Freunde.

Die Einzigen, die mich auf „diese Zeit“ ansprachen, waren meine Freunde in der deutschen Heimat. Keine der Juden, deren Großeltern in München, Hamburg oder Berlin gelebt hatten, sprach mich darauf an. Niemand erinnerte mich in Israel an meine Herkunft. Das war vollkommen wurscht. Sami war Araber, Arye Jude und ich halt Europäer. So einfach war das. Nennt mich naiv, aber das war es. Zwanglos. 14 Monate. „Das“ war doch auch schon so lang her, so weit weg.

Wenn wir Türen knallten, hatten wir zuvor über die besetzten Gebiete, die Flüchtlinge in Europa oder den Islam gesprochen. Nie über „diese Zeit“. Es kam mir gar nicht in den Sinn.

Ich hatte das Glück eher zufällig nach Israel zu kommen. Kein politischer oder religiöserer innerer Ruf, der mich ins Land zwischen Jordan und Mittelmeer zog. In Deutschland hatte ich noch nie „Free Palestine“ an Toilettentüren geschmiert, noch war ich einer derjenigen, die hinter jeder Kritik an der Politik Netanyahus Antisemitismus vermuteten. Für mich war Israel wie Samoa oder Tansania. Dementsprechend habe ich nicht darüber nachgedacht, dass „das“ mal passiert ist. Und wenn jemand meinte, dass nach 70 Jahren ja irgendwann mal Schluss sein müsste an „das“ zu denken, dann nahm ich das still zur Kenntnis. Schließlich sind die meisten Täter ja bald tot. Und 70 Jahre ist ja wirklich eine lange Zeit. Ich konnte doch nichts für das, was passiert war!

Es war beim Mittagessen in einem Vorort von Nazareth. Ich schob mir gerade frittiertes Fleisch zwischen die Kiemen. Wir waren bei Vladimirs Großmutter. Vladimir war einer meiner Mitbewohner. Seine Oma kochte mittags für Vladi und so auch an diesem Tag - für mich gleich mit. Vladi meinte, sie habe sich Wochen lang auf meinen Besuch gefreut, ständig gefragt, wann ich – der Kerl aus dem Ausland, der im Gegensatz zu Vladimir das Wort Putzlumpen nicht nur zu buchstabieren wusste – endlich käme, damit sie ordentlich für den Jungen – den armen Jungen ohne Familie fern der Heimat – ordentlich für den Jungen kochen konnte. Und das hat sie dann auch gemacht.

Irgendwie kam ich dann drauf. Nebenbei. Zwanglos. „Nun wie war das eigentlich? Damals“. Damals. Nun, das war so. Sie kamen in mein Dorf, die Nazis. Und haben alles niedergebrannt. Meinem Neffen vor mir die Kehle durchgeschnitten, weil der aufmuckte. Alle Männer, den Abraham, den Levi, aus dem Dorf, Grab schaufeln lassen, davorgestellt, abgeknallt, rein die Grube, Erde drauf. Papa, Bruder, Opa. Frauen vergewaltigt, Mama vergewaltigt. Judenschweine. Rein in den Wald als. Weglaufen nur weglaufen. Ja, so war das. Nun sitzt du hier. Einer von dem ich nicht weiß, ob dessen Uropa vielleicht meine Mama vergewaltigt hat oder ob dein Urgroßvater vielleicht meine ganze Familie wie Vieh zusammengetrieben und erschossen hat. Das hat sie nicht gesagt, aber ich dachte, das könnte man sagen. Sie hat mich dann gefragt, ob ich noch Nachschub haben will und mir die Hand auf den Rücken gelegt. Sie schien zu lächeln, doch ihr Herz weinte.

Und dann habe ich andere Freunde gefragt in Israel. Und immer das Gleiche. Freunde, die mich durchfütterten, mich an Shabbat aufnahmen und mir das Gefühl von Familie fern meiner Familie gaben. Und auf Frage sprachen sie dann. Die Mama, die in litauischen Wäldern mit den Partisanen gekämpft hat. Alle Geschwister vergast. Die Großeltern haben alle Geschwister verloren. Wie wäre das wohl für mich? Bruder verlieren? Schwester? Mutter? Vater? Oma? Vergast, totgearbeitet, erfroren. Es war nicht normal „einen Deutschen“ wie einen Sohn zu beherbergen. Das habe ich dann später, nach meiner Zeit im Nahen Osten von einem Freund, der genau das getan hatte, bei einem Bier erfahren. Es habe Überwindung gekostet. Seine Mutter habe die gesamte Familie verloren. Nicht verloren, das meinte er. Ich würde sagen, vergast. Aber man müsse das ja tun. Das mit dem Vergeben. Es müsse doch irgendwann vorangehen. Außerdem sei er und viele andere Juden von der deutschen Erinnerungskultur tief beeindruckt. Nicht zu sagen: wir sind so schlecht, sondern aus der Historie eine Verantwortung in Demut und Größe anzunehmen, so beeindruckt, dass er Schmerz und Hass nicht siegen lassen könne.

Ich habe mir geschworen, dass ich nicht mehr stillschweigend dahocke, wenn man sagt: „70 Jahre“. Es waren die Mütter, Brüder, Schwestern der Familien meiner Freunde, die in den Öfen der Nazis brannten. Und Nazis, das waren die, die meine, unsere Familien akzeptiert, gewählt oder unterstützt haben. Mit denen man dann experimentierte. Die in den Lagern erfroren. Es waren die Familien, die mich aufnahmen und mir in Israel ein Zuhause gaben. Ich kann nicht mehr stillschweigend dahocken, wenn man sagt: 70 Jahre. Es ist unsere historische Verantwortung an die Opfer des Holocaust zu erinnern. Dass er sich nie wieder wiederhole. Und dann kommt er: „Wir brauchen nichts Anderes als eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad.“

Björn Höcke (AfD-ENF) rief das seinem Publikum am 17. Januar zu. Und die Menge johlte.

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