Deutsche Verkehrspolitik

Der Widerstand von Morgen – Kampf um den Dannenröder Wald

, von  Luisa Joa

Der Widerstand von Morgen – Kampf um den Dannenröder Wald
Umwelt- und Klimaaktivist*innen machen auf die Rodung des Dannenröder Waldes in Hessen zugunsten der Ausbau der A49 aufmerksam. Foto: zur Verfügung gestellt von Luisa Joa.

Politischer Protest und gelebte Utopie: Mit der Besetzung des Dannenröder Waldes leisteten Aktivist*innen ein Jahr Widerstand gegen den Ausbau einer Autobahn. treffpunkteuropa.de hat den Protest in den letzten Tagen vor Ende der Rodung begleitet. Eine Reportage.

Der Himmel über dem Wald ist hell erleuchtet. Gegen das Licht heben sich die Umrisse der Zeltdächer ab. An den Zelten vorbei führt ein Weg in den Wald, im Zickzack geht es vorbei an aus Ästen aufgetürmten Barrikaden. Plötzlich endet der Weg. Wo vorher Bäume standen, ragen Baumstümpfe aus dem Boden. Grell strahlen Flutlichter entlang der Schneise in den Dannenröder Wald. Eingezäunt mit Stacheldraht stehen Wasserwerfer, Polizeiwägen, Räumfahrzeuge bewacht von Polizist*innen auf der gerodeten Fläche. Es ist schon spät. Aktivist*innen und Anwohner*innen laufen am Zaun die Schneise entlang auf die Rodungskante zu. Über gestapelte Baumstämme, Baumstümpfe, Tannzweige und Gestrüpp erreichen sie den Teil des Waldes, der vom Baumhausdorf „Morgen“ besetzt wird. Dunkel ragen die Tannen in den Himmel, zwischen den Zweigen schimmert Licht. Tiefer im Wald tauchen die ersten Baumhäuser auf, es wird gehämmert und gesungen. Menschen sitzen am Lagerfeuer unter einem bunten Zeltdach, das zwischen den Ästen aufgespannt wurde. Anwohner*innen gehen mit Laternen zwischen den aus Wellblech und Holzplattformen gebauten Baumhäusern spazieren. Zwei Aktivist*innen klettern an einem Seil auf einen Baum. Trotz der gemütlichen Atmosphäre ist die Anspannung zu spüren, denn „Morgen“ soll am nächsten Tag für die geplante Autobahn A49 geräumt und die Bäume, auf denen das „Dorf“ errichtet wurde, gerodet werden.

Ausbau der A49 seit Jahrzehnten umstritten

Seit dem Beginn der Räumung vor einem Monat ist der Kampf um den Dannenröder Wald in vollem Gange. Die Vorbereitungen der Klimaaktivist*innen laufen hingegen schon länger. Bereits vor einem Jahr zogen Menschen in den Wald. Dort errichteten und besetzten sie insgesamt fast 100 Baumhäuser entlang der für die A49 geplanten Trasse. Bürger*inneninitiativen, sowie Natur- und Umweltschutzorganisationen protestieren schon seit 40 Jahren gegen die geplante Autobahn. Im Juli hatte die hessische Landesregierung, bestehend aus der CDU und den Grünen, den Bau endgültig beschlossen und seitdem vorangetrieben. Die darauffolgenden Proteste verschafften der Besetzung zum ersten Mal bundesweit Aufmerksamkeit. Die Autobahn soll die beiden Städte Kassel und Gießen miteinander verbinden. Dabei ist die Rodung des Dannenröder Waldes umstritten. Mit seinen vielen Buchen und bis zu 300 Jahre alten Eichen ist der „Danni“ einer der letzten gesunden Mischwälder in Deutschland. Außerdem ist er Teil eines Wasserschutzgebietes, das eine halbe Millionen Menschen aus der Region mit Trinkwasser versorgt.


Aktivist*innen haben eine Gedenkstätte für Rodungen im Maulbacher Wald errichtet. Foto: zur Verfügung gestellt von Luisa Joa.

Die Stille von gestern ist dem Piepen der Räumfahrzeuge gewichen. Äste knacken, Motorsägen heulen, ein Polizeihubschrauber dröhnt über dem Wald. Auch an diesem Montag besetzen Aktivist*innen das Baumhausdorf „Morgen“. Einige von ihnen sind bereits um 05:00 Uhr aufgestanden, um vor der Polizei im Wald zu sein, andere haben hoch oben in den Baumhäusern übernachtet. Am Boden hinter dem weiß-roten Absperrband haben sich einige Menschen versammelt, klatschen und rufen, um den Besetzer*innen in den Bäumen Mut zu machen. Ein paar Meter entfernt macht sich ein Team von Kletterpolizisten bereit, eine Aktivistin von einem Baum runter zu holen. Um die Räumung zu erschweren, sind die Aktivist*innen frei in die Bäume geklettert, hängen in Schaukeln an dreibeinigen Holzkonstruktionen, sogenannten Tripods, oder klettern Traversen entlang, die zwischen die Stämme gespannt wurden.

Solidarität im Protestcamp: „Beeindruckend. was komplett fremde Menschen hier für einen tun“

„Für alle Menschen, die an dem Aktionstraining teilnehmen wollen: Das findet um 12:00 Uhr auf dem Sportplatz statt“, schallt es durch das Megafon. Auch im Protestcamp außerhalb des Waldes ist einiges los. Auf dem „Sportplatz“, einer großen Wiese direkt neben dem Wald, haben sich in kleinen Grüppchen Menschen versammelt. Später wird hier besprochen und geübt, wie man sich während der Besetzung verhalten soll, also von der Polizei wegtragen lässt und die Identität bei einer Festnahme schützt. Auch wenn sich der Protest vor Allem gegen eine zerstörerische Umwelt- und Verkehrspolitik richtet, betonen Aktivist*innen, dass es ihnen auch um eine andere Form des Zusammenlebens geht. „Ich finde es beeindruckend, was komplett fremde Menschen hier für einen tun“, sagt Müslie. Um anonym zu bleiben, hat sich die junge Aktivistin einen Aktionsnamen gegeben. Es ist kalt und windig. Eingepackt in eine blaue Winterjacke, den schwarzen Schal um Mund und Nase gebunden, sitzt sie hinter einem Infotisch. Vor ihr liegen bunte Sticker und Flyer. Hinter ihr reihen sich Menschen in die Schlange vor der Essensausgabe ein. In den letzten Monaten war sie immer mal wieder für ein paar Tage hier. Dann hat sie in der „Küche für Alle“, die die Besetzung mit warmem Essen versorgt, beim Kochen und Spülen geholfen und die Menschen im Wald unterstützt. Dabei sind es nicht nur junge Menschen, die gegen die Rodung des Dannenröder Waldes protestieren.

Auch ältere Bürger*innen der Initiative „keine A49“, sowie Anwohner*innen unterstützen die Besetzung. Sie organisieren Kundgebungen und Demonstrationen, spenden Essen, oder Klamotten und holen junge Aktivist*innen vom nächsten Bahnhof ab. Landwirt*innen fahren mit Holzspänen vor, damit der Boden nicht so matschig wird, oder verteilen Heu, um die Zelte von unten gegen die Kälte zu isolieren. „Je mehr man sich mit der Besetzung beschäftigt, desto mehr gewinnt man sie lieb“, stellt Michael fest. Auch er gehört zu den älteren Unterstützern des Protests. Der 53-jährige, kommt aus der Nähe von Frankfurt und bringt Bekannten, die im Wald leben, ab und zu Baumaterial oder Essen vorbei. Doch die Besetzung des „Dannis“ bekommt auch Gegenwind. Fährt man in Richtung des Dorfes Dannenrod, sind in manchen Dörfern auch Schilder mit der Aufschrift „Ja zur A49“ zu lesen. Autobahnbefürworter*innen der Initiative „Ja49“ erhoffen sich durch den Ausbau eine Entlastung ihrer Dörfer vom Durchgangsverkehr. Die ansässige Industrie, darunter auch der Süßwarenhersteller Ferrero, versprechen sich vom Ausbau der A49 eine bessere Anbindung.

Protest für eine nachhaltige Verkehrswende

Dass der Ausbau einer Autobahn zu weniger Verkehr führen soll, ist laut Michael Wunschdenken. „Neue Autobahnen ziehen in der Regel nur mehr Verkehr nach sich. Außerdem erwarte ich im 21. Jahrhundert intelligente Verkehrskonzepte“. Für Müslie ist der Protest „ein großes Symbol für ein noch größeres Problem“. Letztendlich ginge es den Klimaaktivist*innen nicht nur um den Erhalt des Dannenröder Waldes, sondern auch um eine nachhaltige Verkehrswende. Diese sei mit der sich zuspitzenden Klimakrise dringender denn je. Dazu gehöre auch, dass der öffentliche Nahverkehr auf dem Land, sowie in den Städten massiv ausgebaut wird. „Dieser muss dann auch für alle bezahlbar sein“, fordert die Aktivistin. Dass der nächste Bahnhof von Dannenrod 20 Minuten entfernt und mit öffentlichen Verkehrsmitteln schwer zu erreichen ist, zeige, wo die Prioritäten der deutschen Verkehrspolitik liegen.

Für Michael bedeutet intelligente Verkehrspolitik auch, dass „der Güterverkehr wieder auf die Schiene gebracht werden muss“. Momentan macht der Schienengüterverkehr in Deutschland gerade einmal 19% des gesamten Güterverkehrs aus. Und das, obwohl Güterzüge im Durchschnitt 80% weniger CO2 verursachen als LKWs. Mit dem Wiederaufleben der Schiene könnte auch Ferrero seine Waren schnell transportieren. Das Unternehmen hatte seinen direkten Schienenanschluss stillgelegt. Seitdem setzt es beim Transport auf Lastwägen. Weder von Seiten der Initiative „JA49“ noch von Ferrero gibt es offizielle Stellungnahmen zum Thema Verkehrswende.

Protest auf gefährlichem Terrain

Seit Beginn der Besetzung wurde das Thema jedoch zunehmend von der Auseinandersetzung zwischen den Aktivist*innen und der Polizei überschattet. Im Camp hat sich die Stimmung angesichts der fortschreitenden Rodung verändert. Das spürt auch Müslie: „Natürlich sind viele jetzt angespannter. Vor ein paar Monaten war es noch so ruhig und es haben einfach ein paar Menschen zusammen im Wald gelebt.“ Das sei jetzt anders. Bei den Räumungsarbeiten gehe die Polizei zunehmend rücksichtslos vor. Aktivist*innen werfen der Polizei vor, Schlagstöcke, Pfefferspray und Wasserwerfer unverhältnismäßig einzusetzen. Mittlerweile sind drei Menschen gestürzt und wurden schwer verletzt. In einem der Fälle hatte ein Polizist trotz Warnungen ein Seil durchtrennt an dem sich eine Aktivistin gesichert hatte. Gegen ihn wird nun ermittelt. „Viele Leute haben deshalb Angst um sich selbst und um ihre Freunde“, sagt Müslie. In vereinzelten Fällen wurden auch Polizist*innen angegriffen. Klar gebe es in der Besetzung vereinzelt Menschen, die Gewalt gegenüber der Polizei befürworten. Diese seien jedoch einzelne Personen, die nicht für den weitgehend friedvollen Protest stehen, so Müslie.


Polizist*innen an der Rodungsschneise vor dem Baumhaus „Morgen“. Foto: zur Verfügung gestellt von Luisa Joa.

Neues Gutachten: Grünen können die Rodung doch verhindern

Der Fokus auf die beiden „Lager“ hat die öffentliche Aufmerksamkeit auch von der politischen Verantwortung abgelenkt. Der grüne Verkehrsminister in Hessen, Tarek Al-Wazir, hatte diese stets von sich gewiesen und argumentiert, dass er den Bau der Autobahn rechtlich nicht verhindern könne. Ein Gutachten des BUND, das am 23. November veröffentlicht wurde, räumt ihm jedoch weitaus mehr Handlungsspielraum ein, als er sich selber zugesteht. Demnach erklärte das Bundesverwaltungsgericht die Baugenehmigung der A49 für rechtswidrig, da davor nicht geprüft wurde, welche Konsequenzen der Bau auf das Grundwasser hat. Al-Wazir hätte also durchaus die Möglichkeit die Rodung zu stoppen. Solange das nicht passiert, wird die Besetzung weiter gehen.

Auch an diesem Wochenende sind die Zeltplätze voll besetzt. Menschen in dunklen Winterklamotten kommen mit schlammigen Stiefeln aus dem Wald oder machen sich auf den Weg zu einem der noch stehenden Baumhausdörfer. Über dem Waldeingang hängt in großen Buchstaben: „Planet B?“. Am 8. Dezember, zwei Wochen später, ist auch das letzte Baumhaus geräumt. Für die Aktivist*innen ist der Protest damit nicht beendet. Nach dem Rodungsschluss wurden bereits weitere Aktionen angekündigt. Auch Charlie Linde, eine Sprecherin der Aktivist*innen, hat noch nicht aufgegeben: „Wir hören erst auf, wenn die letzte Autobahn verhindert ist und kein Wald mehr von der Abholzung bedroht ist“. Das Protestcamp soll bis zum Schluss der Rodungssaison, Ende Februar, bestehen. Und auch wenn die Baumhäuser nicht mehr stehen: Das nächste Klimacamp im Wald ist schon geplant.

Ihr Kommentar

  • Am 7. Februar um 14:05, von  Gerd Nierenköther Als Antwort Der Widerstand von Morgen – Kampf um den Dannenröder Wald

    Ein sehr lesenswerter, mit viel Hintergrundwissen geschriebener Beitrag zur umstrittenen Bau der A 49 - den ich um einige Apekte mit Bezug zu Europa ergänzen möchte: Gegen Deutschland laufen z.Zt. 14 EU-Verfahren – wegen nicht eingehaltener Umweltrichtlinien in den Bereichen Feinstaub, Stickoxide, Schutzgebiete etc. (lt.Spiegel vom 31.12.2020) In dieser Situation ein ökologisch wichtiges und noch intaktes Waldgebiet für eine Autobahn zu zerstören ist verantwortungslos. „Wir“ sind nicht Musterschüler im Umweltschutz sondern Klassenletzte geworden. Die Schweizer haben Ihr Tunnelprojekt „Güterverkehr auf die Bahntrassen“ durch die Alpen fast punktgenau fertig gestellt, die Italiener wollen mit dem Anschluß in 2 Jahren fertig sein, Deutschland möchte sich bis 2042 Zeit lassen (NZZ).Unglaublich. Da sind die Ur- Enkel der „jungen Europäer“ auf der Welt, und meine Enkel laufen schon durch Tot- und Käferholzwälder um Kassel herum. Wir sollten den jungen Aktivisten in Europa dankbar sein, sich für den Schutz der Umwelt und unserer Lebensgrundlagen zu engagieren!

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