Die niederländische Sehnsucht nach der Nation

, von  Can Yildiz

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Die niederländische Sehnsucht nach der Nation
Blick auf den Binnenhof, Sitz des niederländischen Parlaments, und die Skyline der de-facto Hauptstadt ’s-Gravenhage (kurz: Den Haag) https://pixabay.com/p-2036303/?no_redirect

Die Partij voor de Vrijheid (PVV) beherrscht seit Jahren den politischen Diskurs und setzt auch für die anderen Parteien Akzente. Nach der letzten Wahl der „Tweede Kamer“ (Zweiten Kammer), das direkt gewählte Haus des niederländischen Zweikammernparlaments, atmete Europa kurz auf: die PVV wurde nicht stärkste Kraft. Nun gewinnt allerdings das „Forum voor Democratie (FvD) an Zulauf. Eine Partei, die ein Referendum über den EU-Austritt der Niederlande fordert. Woher kommt dieser Drang zur Rückbesinnung auf die Nation in den sonst so offenen Niederlanden?

Eigentlich ist es paradox: Ein Land, das sich mit seiner Offenheit und Toleranz schmückt; das auf eine lange Tradition der Einwanderung zurückschaut, teilweise durch die eigene Kolonialgeschichte; ein Schmelztiegel der Kulturen und verschiedenster Menschen, der in gesellschaftspolitischen Fragen oft eine Vorreiterrolle übernimmt, weist in den letzten Jahren vermehrt einen Drang zur Rückbesinnung auf die Nation auf.

Für Außenstehende mag dies verwirrend sein: die Niederlande sind international bekannt als gut gelauntes und friedliches Land der Fahrräder und des Käses. Wo genau liegt also der Grund für den großen Erfolg der EU-Skeptiker und Rechtspopulisten in den Niederlanden?

Zwei entscheidende und wichtige Ereignisse sind mit Sicherheit die religiös motivierten Morde an den Islamkritikern Theo van Gogh und Pim Fortuyn in den 2000ern. Diese Attentate waren die ersten politisch bzw. religiös motivierten Morde in den Niederlanden seit Jahrhunderten und hinterließen große Sorge in der Bevölkerung, die traditionell wenige Tabus und Beschränkungen des Rechts auf Meinungsfreiheit kennt.

Die Morde waren der Startschuss einer Debatte über die Rolle des Islams im westeuropäischen Land: gehört diese Religion zur niederländischen Gesellschaft? Wie steht der muslimische Teil der Bevölkerung zur Meinungsfreiheit, zu grundlegenden Freiheiten in einer demokratischen Gesellschaft? Wie auch in den anderen Ländern entwickelte sich diese Debatte zu einem höchst emotionalen Diskurs um Identität, Nation und Tradition, der sich bis heute fortsetzt und mit Geert Wilders ein europaweit prominentes Gesicht bekam. Die Partei hatte zwischenzeitlich sogar die Führung in den Umfragen inne und gute Chancen, stärkste Partei zu werden. Seit der letzten Wahl verliert die PVV jedoch in den Umfragen, während das „Forum voor Democratie“, das eine ähnliche politische Ausrichtung hat und noch direkter ein „Nexit“-Referendum fordert an Boden gewinnt.

Dabei darf man die niederländische Angst nicht falsch verstehen: die Niederlande ist ein sehr aufgeschlossenes und kulturell durchmischtes Land, in dem das Zusammenleben verschiedenster Menschen zum Großteil problemlos funktioniert. Jedoch dürfen teils berechtigte Sorgen nicht ignoriert werden: es stimmt, dass beispielsweise Antisemitismus und Homophobie besonders unter Muslimen weit verbreitet sind. Letzteres kritisierte vor allem der rechtspopulistische Politiker Pim Fortuyn. Das Klima in Amsterdam, einer Stadt der Vielfalt und Freiheit, hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert, die Anzahl der Gewaltdelikte hat zugenommen.

Darauf mit Nationalismus und Rechtspopulismus zu reagieren ist allerdings nicht der richtige Weg und auch nicht wirklich „niederländisch“, was auch immer dieser Begriff genau umfasst: Probleme und Herausforderungen sind da, um bezwungen zu werden. Wenn die Niederlande es schaffen, das Meer zu bezwingen, schaffen sie es auch, die Menschen im Land wieder zusammenzubringen und sich verdient als tolerantes und aufgeschlossenes Land zu bezeichnen.

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Ihr Kommentar

  • Am 27. Januar um 16:10, von  Marijn Als Antwort Die niederländische Sehnsucht nach der Nation

    Als Niederländer (und Föderalist) verstehe ich die Islam Debatte wo ich herkomme großenteils unter diese Idee:

    ’’Keine Freiheit für den Gegner der Freiheit’’

    Es gibt natürlich auch viele andere Fragen (wie kann man eine Gesellschaft bilden wenn verschiedene Minderheiten überhaupt kein Teil ausmachen wollen von der Gesellschaft), und riesige Problemen mit Religion wie du das schon gesagt hast.

    Ich glaube nicht das Niederländer so anti-Europa sind, sondern das sie Skeptisch sind über Immigration aus Afrika und das Mittel-Osten. Und da stimme ich den ’’normalen’’ Bürger auch zu. Es gibt, wie du geschrieben hast, eine Wille zur Identität.

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