Das Echo einer Hoffnung - versagt?
Die Straßen sind leer. Entsetzte Rufe hallen noch wie ein Echo in der Ferne. Wo sind die Menschen? Sie müssen noch irgendwo in der Nähe sein. Der Weg durch die verlassenen Gassen weist Spuren von vom Regen verschwommener Straßenkreide auf. Slogans, wie „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr unsere Zukunft klaut“, sind vereinzelt erkennbar. Doch mittlerweile sind sechs Jahre vergangen. Was ist, wenn man sich nicht mehr erinnert? An das Gefühl, in einem so jungen Alter etwas bewirken zu können. An die große Gemeinschaft, die jeden Freitag zusammenkam. An die Hoffnung, die Klimakrise wäre wirklich zu stoppen.
2019 erreichten die Klimaproteste der Fridays-for-Future-Bewegung ihren Höhepunkt: Weltweit demonstrierten am 20. September 2019 laut Veranstaltenden 1,4 Millionen Menschen in über 70 Städten für konsequenten Klimaschutz – ein Signal, das Politik und Gesellschaft nicht ignorieren konnte. Doch hat es Spuren hinterlassen?
Wieso ist es so leise?
Genau sechs Jahre später, am 20. September 2025, sind es nur noch 50.000, die aus Protest gegen die Abkehr vom Ausbau erneuerbarer Energien unter Katherina Reiche (CDU) auf die Straße gehen. Jonas, ein nachhallendes Echo der Fridays for Future (FfF)-Bewegung, sowie Georg Bronn aus Extinction Rebellion (XR), glauben aber, dass eine soziale Bewegung wellenartig verläuft. Natürlich gehen Menschen nicht sechs Jahre jeden Freitag auf die Straße.
Beide betonen außerdem, dass die Menschen ihre Meinung über Klimaschutz nicht geändert haben. Georgs eigentlich politischer Freundeskreis habe beispielsweise einfach keine Zeit und Kraft, sich damit auseinanderzusetzen, gar aktiv zu werden. Beide glauben jedoch daran, dass es eine neue Welle geben wird, in der Menschen sich gegen die Klimakrise organisieren.
Nachdem Corona-Pandemie, Russischer Angriffskrieg, Inflation, und Migrationsthematik die Diskurse der letzten fünf Jahre bestimmten, hat die Gesellschaft wenig Kapazität für die Bekämpfung einer weiteren Krise. Sahen 2019 noch 63 Prozent der Deutschen den Klimaschutz als dringlicher als das Wirtschaftswachstum an, sind es 2025 nur noch 14 Prozent. Dabei zeigen Studien, dass sich Emissionen mit bereits verfügbaren Technologien deutlich senken lassen – ohne der Wirtschaft zu schaden. Prioritäten zu setzen, müsste dabei kein Widerspruch sein. Unternehmen, die nachhaltig wirtschaften und effizient mit Ressourcen umgehen, seien flexibel, wettbewerbsfähig und stabil - selbst in Krisenzeiten.
Kein Klimaschutz im Kapitalismus?
Doch kann die aktuelle Polykrise - das gleichzeitige Wirken mehrerer Krisen - den Fokus so sehr vom Klima ablenken, dass in keinem der 24 Beschlüsse der 30. Weltklimakonferenz (COP30) von “fossilen Brennstoffen” die Rede ist? Währenddessen bittet Bundeskanzler Friedrich Merz EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen um eine Abkehr vom Verbrenner-Aus 2035. Wie kann es sein, dass sechs Jahre nach den großen Klimaprotesten, der Zusammenhang zwischen fossiler Energie und Klimakrise, gerade für die Politiker*innen der Uno-Klimakonferenz, immer noch ein Tabu ist? Und wie sollen Klimabewegungen die Lücke füllen, die eine mangelhafte Klimapolitik hinterlässt? Jonas aus FfF, glaubt nicht, dass Deutschland effektiven Klimaschutz bieten wird. Doch für den 18-Jährigen, wie auch für Greta Thunberg, dem Gesicht der FfF-Bewegung, liegt der Grund dafür in einem System, das die Profite der Automobilbranche über das Wohl von Menschen setzt. „Wir müssen weg von einem profitorientierten System", sagt Jonas. Sein Ansatz: Mehr Konfrontation und Schädigung von Konzernen.
Als Mitglied der Frankfurter Ortsgruppe erzählt Jonas als Beispiel von der Aktion „Banny Bleibt“, einer Waldbesetzung am Rande seiner Stadt. Seit Juli 2024 wachen Aktivist*innen dort über den Langener Bannwald, der für die Erweiterung der Sehring-Kiesgruben zerstört werden soll. Jonas spricht von einem Kampf um mehr als nur Bäume. „Wir müssen der Öffentlichkeit klarmachen, wer der Gegner ist: Die fossile Lobby und andere Milliardäre.“
Keine Last, sondern eine Chance?
Nicht nur Deutschland, auch andere EU-Länder wie Polen, Tschechien oder Frankreich bremsen Klimapolitik mit der Begründung, sie würde die Industrie belasten. Während viele Debatten sich also um vermeintliche Kosten drehen, sieht Jonas klimaschützende Maßnahmen nicht als zusätzliche ökonomische Last, sondern als soziale Chance „Die Klimaschutzbewegung ist für alle da, sie will eine gute Zukunft für alle haben. Wir wollen nicht, dass sie zu lasten armer Menschen geht. Wir wollen sozialen Ausgleich währenddessen.“
Georg Bronn aus XR ergänzt diesen Blick: Es gebe eine große Schnittmenge von Menschen, die sich für diejenigen einsetzen, die selbst nicht gehört werden, z.B. Tiere und die Natur, die nicht sprechen können würden, oder Menschen, deren Worte ignoriert werden. Für den 28-Jährigen ist klar: Klimaschutz und Gerechtigkeit lassen sich nur gemeinsam denken. Der wachsende Rechtsruck geht einher mit den schwindenden Chancen, wirksame Klimamaßnahmen umzusetzen. „Wenn die AfD bei uns an der Macht ist, dann ist mit Klimaschutzmaßnahmen sowieso nicht mehr so weit her“, sagt er.
Auch politisch wird der Klimawandel als Frage globaler Gerechtigkeit verstanden. Er hat seine Wurzeln in einer Geschichte, in der reiche Länder auf Kosten anderer gewachsen sind. Bis heute spiegeln Emissionen diese enormen Ungleichheiten wider. Die Folgen: Dürren, steigende Meeresspiegel, Ernteausfälle und Wassermangel - treffen vor allem diejenigen, die am wenigsten dafür können. Laut dem aktuellen Klima-Risiko-Index wurden über die vergangenen 30 Jahre vor allem die Länder Dominica, Myanmar und Honduras am stärksten von Extremwetterereignissen getroffen. Die Verursacher:innen für drei Viertel der Erderwärmung sitzen woanders. Solche, die den Handel fossiler Brennstoffe antreiben, sind die Feinde „und nicht die Menschen in Schlauchbooten oder die Menschen, die Bürgergeld beziehen“, wie Jonas sagt.
Demos als ausgestorbene Protestform?
„Es werden viele Menschen sterben und es sterben schon jetzt viele Menschen”, sagt Jonas aus FfF, „aber da gehe ich stoisch mit um, weil wir es uns nicht leisten können, aufzuhören. Wir müssen weiterkämpfen.” Doch wie sieht dieser Kampf aus? Die Meinung, dass Demonstrationen sowieso nichts bringen, sei weit verbreitet, bezeugt Jonas. Die Politik habe nicht wirklich gehandelt, weshalb die Massendemonstrationen stark geschrumpft seien.
„Wir wissen, dass wir selber nicht viel ändern können. Wir wollen, dass die Politik etwas ändert,“ sagt Georg aus XR. Wie kann also für genug Aufmerksamkeit gesorgt werden, um den nötigen politischen Druck aufzubauen? Und wenn Demonstrationen tatsächlich an Wirksamkeit verlieren: Wieso solidarisiert sich FfF mit „radikaleren“ Gruppen, wie etwa Extinction Rebellion, hält aber weiterhin so konsequent an Demonstrationen fest?
FfF behält dadurch mehr Verständnis in der allgemeinen Bevölkerung, als etwa die Letzte Generation - doch klickt der Durchschnittsbürger auf einen Artikel, wenn es nicht gerade um grün gefärbte venezianische Kanäle geht? „Wir machen aufmerksam,“ sagt Georg aus XR, „müssen es aber auf eine Weise machen, dass andere Leute das mitbekommen.“ Georg betont: Das Verständnis der breiten Öffentlichkeit heißt nicht gleich Zustimmung, vor allem wenn sie nicht von sich aus in diese Richtung gehen.
Kreidezeichnung bei Extinction Rebellion Straßenfest Straßenblockade Bild: WikiCommons / Stefan Müller / CC BY 2.0
Was ist überhaupt „radikal“?
Die Richtung, in die sich die Gesellschaft bewegt, sei bereits “radikal”, meint Georg. „Und dann passen wir uns dem an sozusagen, aber nicht unbedingt in den Aktionsformen, sondern eher in den Forderungen.“ Denn auch wenn Blockade erstmal sogenannten „Ökoterroristen“ zugeschrieben wird, „sitzen innerhalb dieses Blockaderaums oft Personen, die Musik spielen oder mit Straßenkreide malen.“
Verkehrsblockaden, wie wir sie heute von “radikal” betitelten Klimaaktivist*innen kennen, sind Formen zivilen Ungehorsams: bewusste, öffentliche Regelbrüche, um auf Missstände aufmerksam zu machen. Diese Protestform hat eine lange Geschichte - im Widerstand gegen die britische Kolonialherrschaft in Indien, gegen die Apartheid in Südafrika oder in der US-Bürgerrechtsbewegung. Ziviler Ungehorsam gilt in der politischen Theorie, aber auch rechtsstaatlich sowie demokratisch gesehen, als legitimer Gesetzesverstoß, weil er auf klaren politischen Überzeugungen basiert, offen kommuniziert wird und auf Veränderung abzielt. Gewaltfreiheit bleibt dabei zentral.
Und jetzt?
Anstatt sie zu dämonisieren, sollte gefragt werden, warum Klimaaktivist*innen überhaupt solche Risiken ertragen müssen: Stigmatisierung, Aggressionen, körperliche Angriffe, finanzielle sowie strafrechtliche Konsequenzen. Wieso werden diese Menschen von der Gesellschaft nicht als diejenigen gesehen, die für ein Ziel einstehen, das größer ist als sie selbst?
Die Klimabewegung hat es weiterhin nicht leicht. Moderater Protest sorgt zwar für Akzeptanz von Aktivist*innen, übt aber nicht ausreichend Druck auf Politiker*innen aus. Radikale Aktionen und Proteste ziehen Aufmerksamkeit auf sich, welche allerdings tendenziell negativ ist. Zeigt dieses Spannungsfeld zwischen moderatem und radikalem Protest, warum es der Klimabewegung bislang nicht gelungen ist, echten politischen Wandel herbeizuführen?Trotz steigender Hoffnungslosigkeit, ist die Klimabewegung weiterhin voller Engagement und entschiedener Kritik an Politik und Wirtschaft.. Junge Menschen und Gruppen wie XR oder FFF machen weiter - auf ihre eigene Art und Weise. Ob es gelingt, die Erfahrungen der letzten Jahre zu integrieren und Wege zu finden, politischen Druck und öffentliche Unterstützung zu vereinen?
Bis eine neue Welle die Straßen und Hoffnungen der Menschen wieder füllt.


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