Europa auf der Suche nach seinem eigenen Glück

Zweite Konferenz der Groupe d’Études Géopolitiques – Europe der Pariser École Normale Supérieure zum Thema „Eine gewisse Idee von Europa“

, von  Théo Boucart, übersetzt von Bastian De Monte

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Europa auf der Suche nach seinem eigenen Glück
Elisabeth Roudinesco in der l’Ecole normale supérieure am 22. März 2018. Fotoquelle: Private Aufnahme von Lola Salem – Groupe d’études géopolitiques, Le Taurillon

In Zeiten, in denen die Beständigkeit des europäischen Projekts mehr und mehr in Frage gestellt wird und in denen sich die öffentliche Debatte auf den wiederaufkeimenden Nationalismus konzentriert, ist es mehr denn je notwendig, die Analyse der europäischen Idee breiter zu gestalten, Europa an seinen Fundamente zu erfassen, Widersprüche anzusprechen sowie damit letztlich vielleicht Antworten für sein Überleben zu finden. Der nachstehende Artikel behandelt Élisabeth Roudinescos Vortrag an der Pariser École Normale Supérieure vom 22. März 2018.

Europa zu denken, das heißt nicht nur, Europa politisch und ökonomisch zu denken, also sich auf jene konkreten Manifestationen des Projektes seit 1950 zu versteifen. Nein, Europa ist auch (und vielleicht vor allem) eine Analyse des Unterbewussten, der Interkation zwischen dem „Ich“, dem „Über-Ich“ und dem „Es“ in den europäischen Gesellschaften von heute und wie die diese grundlegenden Konzepte der Psychoanalyse einander im Laufe der letzten Jahrhunderte der Geschichte unseres Kontinents gegenübertraten.

Um über die psychoanalytische Dimension der Konstruktion Europas zu sprechen, drängt sich fast natürlich Élisabeth Roudinesco auf, Gastrednerin der Veranstaltung. Die Nichte Louisse Weiss‘ zählt zu den illustresten Historiker*innen der Psychoanalyse, lernte bei Tzvetan Todorov, Gilles Deleuze und Michel Foucault. Sie verfasste über zwanzig Werke, darunter Biografien Sigmund Freuds und Jacques Lacans, ihre Strahlkraft reicht über die Grenzen Frankreichs und Europas hinaus. „Die Geschichtsschreibung der Psychoanalyse durch Élisabeth Roudinesco ist bei weitem die umfassendste und feinsinnigste zutage,“ wie es Cambridge-Professor John Forrester formulierte (Vgl. Dispatches from Freud’s War, Harvard Uni. Press 1998). Wer, wenn nicht sie?

Europa, die Geschichte einer ständigen Wandlung

Trotz Ruhms und Prestiges hat Roudinesco das Gespür für im Gebiet weniger bewanderte Leute wie mich nicht vergessen. Der Text, den sie während dieser Stunde vorträgt, ist von einer beruhigenden Klarheit (für mich, der ich Angst hatte nichts zu verstehen) und skizziert eine originelle Reflexion über Europa... oder eher die Europas. Denn, wie die Historikerin fragt, „über welches Europa sprechen wir eigentlich?“ Das Europa der Aufklärung des 18. Jahrhunderts? Das Europa der Französischen Revolution? Das Europa Kants, ewig vom Frieden träumend? Das Europa der 1848er-Revolutionen und der Herausbildung der großen zeitgenössischen Ideologien? Das gestrige Europa Stefan Zweigs und des bürgerlichen Intellektuellen? Das neoliberale Europa „Brüssels“?

„Zur Konstruktion Europas bedurfte es stets der Zerstörung eines anderen Europas.“ Für die Psychoanalyse-Historikerin ist die Geschichte Europas die einer Metamorphose, deren tragischster Ausdruck das 20. Jahrhundert ist, zwischen Kriegen und Völkermorden. Aus diesem Blickwinkel scheint mit der heutigen EU der Wunsch Emmanuel Kants erhört worden zu sein: ein beständiger Friede in Europa – trotz der Schrecken der französischen und britischen Kolonialkriege. Dieser Punkt markiert aber wiederum einen der großen europäischen Widersprüche: die Infragestellung dessen, was wir selbst kreiert haben; man denke an den Kolonialismus Jules Ferrys in erbitterter Opposition zum Antikolonialmus Georges Clemenceaus. „Europa hat auch die schönsten Revolten gegen seine selbst verursachten Versklavungen hervorgebracht.“ Gesellschaft im Wandel und Selbstinfragestellung = glückliche Gesellschaft also? 

Die Idee des „Glücks durch Europa“ verschwindet  

Die Geschichte der Psychoanalyse spielt sich in der Stadt ab. Europa, auch das ist die Stadt. Somit ergibt sich, warum die psychoanalytische Dimension essentiell ist, um Europa zu verstehen. So ist das Städtische etwa in den 5 Axiomen der europäischen Identität nach dem Schriftsteller George Steiner gegenwärtig: Europa – das sind seine Cafés, seine vom Menschen vereinnahmten und ihm gefügten Landschaften, die nach Politiker*innen und Intellektuellen benannten Straßen, Plätze und Orte der Erinnerung, die Ideale Athens und Jerusalems sowie schließlich auch das Bewusstsein über die Willkür der eigenen Existenz und deren Vergänglichkeit.

Zudem ist die Stadt auch der Ort der Freud’schen Revolution des Intimen (der Konflikt in und mit sich selbst), des Individualismus, des Kapitalismus, der seelischen Misere und des Ultraliberalismus. So viele Dinge in totalem Gegensatz zum von den Philosophen der Aufklärung herbeigesehnten kollektiven Glück. Dennoch seien wir, so Élisabeth Roudinesco, besessen von der Suche nach dem Glück; Beweis sei die verblüffende Anzahl an Magazinen, die den richtigen Weg dorthin versprechen. Diese Art von Glück sei allerdings synonym mit Isolation, „innerer Ruhe“ und Hass für den Austausch von Worten – fern des kollektiven Ideals und des europäischen „miteinander leben Wollens“. Das Band zwischen Glück und Populismus kommt mir da in den Sinn: Einer Studie zweier Ökonomen der Paris School of Economics nach war Marine Le Pen nicht nur Kandidatin der Globalisierungsverlierer*innen, sondern generell der Unglücklichen. Ein Link zwischen Glück und Demokratie also.

Das Europa des Brüsseler Albtraums

In der aktuellen Debatte zu Europa zeigt sich eine Polarisierung zwischen jenen, die auf Souveränität pochen, und Föderalisten (sofern diese überhaupt noch zahlreich sind). Eine wiederkehrende Kritik gegenüber jenen, die die „Vereinigten Staaten von Europa“ wünschen, ist der Vorwurf einer erzwungenen Homogenisierung der Kulturen und Sprachen. Diesbezüglich ist Élisabeth Roudinesco sehr klar: die Grenzen können geöffnet werden (wie Schengen täglich zeigt), aber sie können nicht komplett ausradiert werden. Die Sprachen, die Kulturen und die verschiebenden Identitäten stellen für Europa einen ungeheuren Reichtum dar. Im Kampf gegen Populisten und Nationalisten, die eine „Ersetzung“ durch den Islam propagieren, kann und muss dem Rechnung getragen werden – ohne jedoch in „identitäre Hysterie“ zu verfallen. Es nicht zu tun, führe letztlich zu Autoritarismus, dazu, dem „Imperativ der Sicherheit“ alles unterzuordnen und somit zum Abfall von unserem europäischen demokratischen Erbe.

Europa sei sich seiner willkürlichen Existenz bewusst; es existiere auch, weil die Europäer es wollten. Dennoch agiere die Europäische Union fernab ihrer Bürger; die Staats- und Regierungschefs sprächen über Wirtschaft, wie viel diese Maßnahme oder jene Politik in den Mitgliedsstaaten koste. Diese Anmerkung erregt meine Aufmerksamkeit und ist sodann Gegenstand meiner ersten Frage, ob denn die europäischen Institutionen, dieses Symbol eines „erschreckenden, entmenschlichten Über-Ichs“, unabänderlich seien, selbst wenn sie den Europäer*innen kein Gefühl eines lebendigen und fassbaren Europas geben. „Sie haben die Frage schon selbst beantwortet,“ antwortet Roudinesco lachend. Es brauche natürlich ein lebhaftes Europa, um nicht diktatorischem Charme zu verfallen. Das ökonomische Europa solle einem philosophischen weichen. Die europäische Idee solle nicht länger Gegenstand von Spott, sondern Verlangen sein. Diese Wiederbelebung des europäischen Ideals sei umso wichtiger, zumal dieses erlaubt, jenen Populisten etwas entgegenzuhalten, die nicht davor zurückscheuen, selbst mit Krieg als Methode zur „Verteidigung des Abendlandes“ zu liebäugeln. 

Im Saal häufen sich die Fragen. Ist ein politisches Europa wünschenswert? Selbstverständlich, so Roudinesco, unter der Bedingung, dass die europäischen Grenzen und Sprachen nicht ausgelöscht würden. Charakterisiert sich Europa in seinem Landschaftsbild nicht durch seine Kirchen und Kathedralen und folglich durch seine christlichen Wurzeln? Gemurmel im Auditorium. Die Religion sei keine exklusive Identität, antwortet die Historikerin. Die christlichen Wurzeln des Kontinents seien ein historischer Fakt, aber sie sollten nicht zu (modernen) Identitätsdiskursen herhalten. Fragen zu Feminismus und Antisemitismus heizen die ohnehin lebhafte Debatte weiter an. Doch schlussendlich findet auch diese zweite Konferenz der Groupe d’Études Géopolitiques – Europe der Pariser École Normale Supérieure ein Ende.

Elisabeth Roudinesco setzte die Konferenzreihe zum Thema „Eine gewisse Idee von Europa“ fort, ein Projekt der Groupe d’Études Géopolitiques – Europe der Pariser École Normale Supérieure, deren Konferenzen live in mehreren europäischen Städten übertragen werden. Die Diversität der dargelegten, angefochtenen und verteidigten Ideen soll eine Reflexion über die Wurzeln des europäischen Projektes und die Voraussetzungen seines Überlebens anregen. Sämtliche Informationen zur Veranstaltungsreihe können hier eingesehen werden.

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