Das Start@Europe Seminar der ESCP Europe

„Europa muss sich dringend besser vermarkten“

, von  Grischa Alexander Beißner

„Europa muss sich dringend besser vermarkten“
Abschlussveranstaltung im großen Saal des Europaparlaments. Foto: zur Verfügung gestellt von ESCP Europe

Bereits zum zehnten Mal veranstaltet die bisher einzige europäische Universität, die ESCP Europe, das Start@Europe Seminar. Zwei Tage lang treffen sich hier 900 Student*innen von sechs europäischen Campussen und erleben Seminare, Debatten und Simulationen im Herzen Europas, dem europäischen Parlament in Brüssel. Obwohl die ESCP Europe eine private Managementschule ist, hat sie es zu ihrem Ziel erklärt, ihren Studierenden die EU, ihre Institutionen und den Geist der europäischen Völkergemeinschaft zu vermitteln.

Im Foyer des Palais des Beaux-Arts de Bruxelles, kurz BOZAR, sind Check-In-Tische aufgebaut. Über jedem hängt ein Schild: Paris, Berlin, London, Turin, Madrid und Warschau. Ein Tisch für jeden der sechs Standorte der ESCP Europe (École supérieure de commerce de Paris). Es dauert nicht lang, da beginnt das Foyer sich mit Gesichtern zu füllen. Fast 900 Student*innen aus gut 40 Ländern sind für das Start@Europe Seminar nach Brüssel gekommen. Fast alle tragen Anzug oder Business-Kostüm, manche wirken müde, andere sind gespannt oder gar aufgeregt.


„Ich würde mir für die Zukunft ein solidarisches Europa wünschen und dass die Bürger Europa in ihrem Alltag als positiv und hilfreich empfinden.“ - Lisa Schawag


Start@Europe ist eine Pflichtveranstaltung für alle Studierenden an der privaten Management-Hochschule. Eine von ihnen ist Lisa Schawag, die am Berliner Campus studiert. Wie die meisten Student*innen hier hat sie gerade ihr erstes Mastersemester begonnen. Ihr Ziel nach dem Studium ist Mode- und Luxusgütermanagement, aber hier in Brüssel freut sie sich vor allem darauf, all die anderen Studierenden von den internationalen Campussen kennenzulernen. Der gesamte Jahrgang trifft sich hier zum ersten Mal.


Im großen Saal des BOZAR sitzt bereits Niccolò Coppola. Er begann sein Studium als Sozialwissenschaftler, dann wechselte er zur Ökonomie. Nun ist er wie Lisa auf dem Berliner Campus zuhause. Nächstes Jahr geht es dann nach Paris. Nicht weit von dem jungen Italiener sitzt Zenan He aus Peking. Alle sind gespannt darauf, Europa so nah zu erleben, wie es nur wenige junge Menschen erfahren können. Am meisten aber freuen sich alle drei darauf, ins Europaparlament zu kommen. Dort wird der Großteil des Seminars stattfinden.

Beim Meinungsaustausch wird es laut

Das Eröffnungspanel ist mit Expert*innen gespickt, die Jahrzehnte an Arbeit in den europäischen Institutionen vereinen. Jede*r von ihnen hält einen Einzelvortrag, der meist mindestens einen Wahlaufruf für die Europawahlen enthält. Das Kernthema aber sind Verhandlungsstrategien und die Kunst, Einigungen zu finden. Christian Maurin de Farina vom Europaparlament erinnert die Studierenden an die Definition des guten Kompromisses als “Einigung, mit der niemand glücklich ist”. Dann beginnt die Fragestunde. Verhandlungsstrategien, danach fragen die Student*innen nicht.

Bereits die erste Frage spricht das an, was alle in Europa zu beschäftigen scheint: Was kann man gegen den Populismus tun? Die Antwort fällt bei vielen Panelist*innen ähnlich aus. Populismus biete simple Antworten auf komplexe Fragen. Meist operiert er mit der Methode: Alles, was gut läuft im Land, war die Regierung, alles, was schlecht läuft, selbst wenn eine Brücke einstürzt, das war Brüssel. In Zeiten, in denen Unsicherheit grassiert, liegt es an Europa, die Menschen von sich zu überzeugen. Man müsse mehr zuhören und auch Diskussionen in den Ländern selbst nicht länger ignorieren. Wenn Menschen in Ungarn über Migration debattieren, dann ist das keine Frage von nationaler Souveränität, sondern ein europäisches Thema. Da muss Europa dann auch präsent sein.

Auch die zweite Frage ist nicht minder polarisierend. Wieso man hier überhaupt Englisch reden müsse, echauffiert sich ein französischer Student und legt nach: Welches Recht auf Gesetzgebung habe die EU-Kommission, die ja weder genau die Prozentanteile der europäischen Bevölkerungen wiedergebe, noch demokratisch gewählt sei. Die Eurokrat*innen der Kommission seien ja nur eine sich selbst erhaltende Elite. Einige Studierende klatschen, andere zögern. Die Antwort auf die Provokation aber lässt nicht lange auf sich warten. Und sie ist deutlich.

Silvio Gonzato vom European External Action Service spürt man die Leidenschaft für Europa an und einen Angriff auf die EU nimmt er sehr persönlich. “Kommt mir nicht mit so einem Blödsinn! In welchem Land ist die Regierung direkt und paritätisch gewählt? Bei der EU aber ist alles transparent. Man kann jeden Schritt nachvollziehen. Und die großen Themen wie Klimawandel kann man nicht auf nationalgesetzlicher Ebene lösen. In Paris wäre nichts erreicht worden, wenn nicht das vereinte Gewicht Europas in der Waagschale gelegen hätte.”

Und er legt nach: “Solche Thesen sind doch populistische Augenwischerei. Europa ist repräsentativ und fair und ich arbeite für Europa, weil das die Zukunft ist. Wenn ihr zurück wollt zu den kleinen Einzelnationen und zum kleinstaatlichen Denken, dann müsst ihr das halt.” Der Beifall, den er erhält, spricht Bände.

Zwei Tage im Herzen des demokratischen Europas

Nach dem Mittagessen wechselt Start@Europe ins Europäische Parlament. Endlos scheint angesichts der 900 Teilnehmer*innen die Schlange an der Sicherheitskontrolle. Spätestens hier wird klar, dass der Zugang zum Parlament ein Privileg ist, das nicht viele erleben. Auf der Hauptebene sammeln die Student*innen sich an Schildern, von denen sie von Mitarbeiter*innen des Parlaments abgeholt werden.

Danach geht es durch das unübersichtliche, fast labyrinthartige Hauptquartier der europäischen Demokratie zu den Einzelsitzungen. In kleinen Gruppen versammeln sich die Studierenden hier und debattieren in den Sitzungssälen des EU-Parlaments über aktuelle Gesetzesinitiativen im Stil der Bürgerkonsultationen. Halb Seminar, halb Europasimulation referieren Sachkundige aus den europäischen Gremien über die Thematik und die Arbeit in den europäischen Institutionen aus erster Hand.

Am Freitag übernehmen die Student*innen dann die Rolle eines EU-Parlamentariers und spielen dessen Rolle in einem der Komitees des Parlaments. Die Themen: Sustainable development, Security in Europe, Innovation in Europe, Prosperity and Employment in Europe, Europe and the World.


Start@Europe ließ mich an die Tür einer neuen Welt klopfen. Es hat mich inspiriert, Neues zu lernen und eine größere, vereintere Welt zu umfassen. - Zenan He


Lisa übernimmt die Rolle einer dänischen Abgeordneten der S&D Fraktion, Niccolò bekam die Rolle des Koordinators der euroskeptischen EFDD zugeteilt. Eigentlich das Gegenteil seinerr eigenen Überzeugungen, aber die Rolle macht ihm trotzdem Spaß. “Im Grunde ist es sogar einfacher”, erzählt er. “Es ist viel simpler, emotional zu argumentieren, als rational und tiefgründig zu debattieren.” Zenan versucht als Assistentin des Rapporteurs zu vermitteln und die verschiedenen Blöcke zu einem Kompromiss zu bewegen. Dank ihrer Erfahrung im Model United Nations fühlt sie sich in der Simulation wie zuhause.

Über die Ergebnisse wird in der Abschlussveranstaltung abgestimmt werden. Dann werden sich alle Einzelgruppen im großen Saal des europäischen Parlaments versammeln, ihre Ergebnisse im Vortrag, Feedback von dem Panel erhalten - und dann wird das Plenum über ihre Entscheidung abstimmen. Genauso wie es die echten Mitglieder*innen des EU-Parlaments tun würden.

“Ich bin zuerst Europäer und dann erst Italiener”

Im Gespräch mit Niccolò fällt ein Satz, den man hier oft hört. Er sieht sich vor allem als Europäer und dann erst als Italiener. Die Einstellung teilen viele seiner Freund*innen hier, erzählt er weiter. Egal mit wem man hier spricht, alle scheinen von Europa überzeugt zu sein. Zenan erzählt, dass sie in China nicht viel über die EU erfährt, und wenn, dann meist durch eine gesteuerte Perspektive. Erst als sie nach Europa kam, wurde ihr klar, wie umfassend und vielfältig diese Staatengemeinschaft ist und wie sie Dinge gemeinsam anpackt. Speziell was sie über den Umweltschutz und die Vermeidung an Plastik gelernt hat, würde sie gerne nach China mitnehmen.


Ich habe viele Leute von den anderen Campussen getroffen. Ich denke, auch das ist die Bedeutung der EU: alle Menschen zusammenzubringen. - Zenan He


Es ist schon etwas Besonderes, all die Student*innen hier zu erleben, die aus über vierzig Ländern kommen und in sechs verschiedenen europäischen Städten studieren. Sie sind nicht die typischen BWL-Student*innen, wie man sie aus zahlreichen Klischees kennt. Sie sind wache, mündige Bürger Europas. Und das, was ihnen die ESCP an Interkulturalität und an europäischen Werten vermittelt, das wird sie, darauf ist Frank Bournois, Direktor der ESCP Europe und Dekan des Campus Paris, sichtlich stolz, ihr ganzes Berufsleben begleiten.

Auch wenn man es nicht vermuten würde, erzählen auch viele der Management-Student*innen davon, wie wichtig ihnen Konzepte wie Solidarität, Menschenrechte und Chancengleichheit sind. Würden diese Student*innen eines Tages die Aufsichtsräte von Siemens, Bayer oder H&M ersetzen, wäre schon viel für Europa und seine Bürger gewonnen. Europa, das ist den Studierenden der ESCP Europe tatsächlich wichtig. Auch, weil die Universitäten auf ihren verschiedenen Campussen etwas tut, was die EU schmerzlich vernachlässigt hat: Sie überzeugt die Menschen, junge Menschen, von der europäischen Idee. Sie zeigt, dass Europa funktioniert. Und sie zeigt, wie sehr man Menschen für eine Sache begeistern kann, wenn man sie ordentlich kommuniziert.


Ein vereintes Europa wird sich als Global Player behaupten und weltweit für unsere Werte Freiheit, Menschenwürde und Solidarität einstehen. - Lisa Schawag



Business als Fach, Europa als Überzeugung

Frank Bournois ist der Rektor der ESCP Europe in Paris, aber auch des gesamten Universitätsverbunds. Für den Franzosen, der Englisch mit britischem Akzent spricht, ist Start@Europe ein integraler Teil des Studiums an der ESCP. Die Veranstaltung feiert in diesem Jahr ihr zehntes Jubiläum. Aber nicht nur deshalb ist dieser Tag für ihn selbst etwas Besonderes. Auch für Frank Bournois ist das europäische Parlament ein einzigartiger Ort und noch dazu wird an diesem Tag das föderale Dekanatsbüro der ESCP Europe in Brüssel eingerichtet. Nur zehn Minuten vom Parlament entfernt, ist von nun an auch das Hauptquartier der Universität.

Seiner Meinung nach ist die Integration von Europa, Politik und Interkulturalität für eine Managementschule gar nichts Besonderes. Es ist eher eine grundlegende Notwendigkeit. Wer in der globalisierten Welt Manager werden will, der "muss mehr von der Welt verstehen als bloße Ökonomie. Man muss die Gesetze, die Politik, die Kulturen kennen und die Wege, über die sie miteinander interagieren. Nur dann kann man auch erfolgreich Geschäfte machen. Kein Land ist isoliert und kein Land kann sich abschotten.“

Die Vorstellung, dass es nur einen einzigen „richtigen“ Weg gäbe, Geschäfte und Menschen zu managen, sei eine Illusion. Je nachdem, mit wem man es zu tun hat, wo man ist und wie sich die Teams zusammensetzen, gibt es sehr viele unterschiedliche, richtige Wege. „Wer international im Management erfolgreich sein will, der braucht die interkulturelle Perspektive. Ansonsten riskiert man viele Missgriffe und Fehler.“

Den Direktoren und Professoren an der ESCP Europe geht es aber um mehr als nur darum, Business zu unterrichten. Sie wollen die Kräfte schaffen, die europäische Integration voranzutreiben. „Und das ist wichtig“, erzählt Frank Bournois, „denn aktuell fühle es sich an, als sei Europa an einem Punkt angekommen, an dem viele Bewegungen darauf hinarbeiten, zu desintegrieren, die Gemeinschaft aufzulösen. Deshalb ist unser Bildungsmodell darauf ausgelegt, die Lenker*innen und Macher*innen unserer Gesellschaft wieder auf Kurs zur Integration, zur Einigkeit zu bringen. Wenn Student*innen zusammen leben, studieren, wenn sie in diesem einzigartigen, interkulturellen Umfeld gemeinsame Erfahrungen machen, dann entwickeln sie ein Bewusstsein dafür, eine europäische Einstellung. Und das wird auch unserem europäischen Ideal gerecht. Unsere Schule vertritt Werte, und zu diesen Werten gehört neben Exzellenz, Einzigartigkeit und Vielfalt vor allem die europäische Integration. Europa, das sind die Standarte, die wir vor uns her tragen.“

Die ESCP Europe will mehr als nur die beste Business-Schule Europas sein. Sie will Europa vermitteln, will, dass ihre Student*innen Europa erfahren und leben. Und wenn man am Ende von Start@Europe sieht, wie alle für die europäische Hymne aufstehen, dann spürt man, dass sie es ernst meint.

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