Warum wir einen europäischen Journalismus brauchen

Europäische Perspektive: Berichterstattung über die EU in nationalen Medien

, von  David Măhălean, Davide Emanuele Iannace, Jérôme Flury, Jorge Moral Vidal, Julia Bernard, Madelaine Pitt, Théo Boucart, übersetzt von Timon Satzky, Wojciech Zajączkowski

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Europäische Perspektive: Berichterstattung über die EU in nationalen Medien
Image credit: The-movement-2000

Über die EU kursieren eine Vielzahl an Stereotypen: Oftmals gilt sie als undurchsichtiges und bürokratisches Politikmonstrum. Welche Rolle spielen nationale Medien dabei? Wie gut schaffen es die Brüsseler Dependenzen nationaler Medienhäuser die komplexe Realität der EU-Politik darzustellen und Medienkonsumierenden zu erklären? Eine Europäische Perspektive aus Frankreich, Italien, Polen, Spanien, Rumänien, Großbritannien und Deutschland.

Anfang Dezember feierte die französische Ausgabe von treffpunkteuropa.de - Le Taurillon - ihren 15. Geburtstag. Ein krönender Abschluss eines ereignisreichen Jahres mit großem Einsatz für mehr europäischen Journalismus. Während der Europäischen Pressetage im vergangenen Oktober, konnten alle Sprachversionen des Magazins in einem ersten Online-Seminar zusammenkommen. Darauf aufbauend, wird sich die folgende Europäische Perspektive mit der oftmals lückenhaften Berichterstattung europäischer Themen in nationalen Medien beschäftigen. Damit soll die Wichtigkeit eines paneuropäischen Journalismus unterstrichen werden, den der Taurillon mit seinen nun sieben Sprachversionen schon seit 15 Jahren im Rahmen seiner Möglichkeiten betreibt.

Théo Boucart und Jérôme Flury, von „Le Taurillon“: Damit die französischen Medien mit Sternen in den Augen über Europa sprechen

Vor einigen Monaten erschien in der Sammlung „mes des peuples“ ein Buch mit dem Titel „Europa – die Sterne wieder zum Leuchten bringen“ (Europe – rallumer les étoiles). Das Buch wurde unter anderem von André Gattolin, Vizepräsident des Europaausschusses im französischen Senat verfasst, und soll vor allem die Französ*innen auf die größte Krise der Europäischen Union aufmerksam machen: die Tatsache, dass es den Gründervätern zwar gelungen ist einen europäischen Binnenmarkt zu schaffen, nicht aber europäische Bürger*innen. In einem Interview mit dem Taurillon ging André Gattolin sogar noch weiter: „Frankreich [war] das Land, das am stärksten von der europäischen Bewegung geprägt wurde, und dennoch haben wir nicht viel daraus ziehen können“.

Die französische Medienlandschaft ist sicherlich einer der Bereiche, in denen der Mangel an europäischer Berichterstattung am offensichtlichsten ist. So hat nicht ein einziger Fernsehsender die Rede von Ursula von der Leyen zur Lage der Union übertragen. Zudem kommen mehrere Studien zu dem Ergebnis, dass vor allem das Thema Europa von französischen Medien grundlegend vernachlässigt wird. Daraufhin veröffentlichte die Europäische Bewegung Frankreich und die Vereinigung Europäischer Journalisten e.V., unter dem Vorsitz von Véronique Auger, im vergangenen Monat einen offenen Brief, in dem sie diese Situation anprangern und Lösungen vorschlagen. Im Februar zeigte eine Umfrage, dass sich nur ein Drittel der Französ*innen als „gut“ oder „sehr gut“ über europäische Themen informiert fühlt. Zudem wies eine Studie der Jean-Jaurès-Stiftung von 2019 darauf hin, dass europäische Themen nur etwa drei Prozent der französischen Fernsehnachrichten ausmachen. Ein Problem, das die Printmedien jedoch gleichermaßen betrifft. So hat etwa die politisch links eingestellte Zeitung „Libération“ eine Beilage mit dem Titel „Cahier Europe“ (Europäisches Heft) herausgegeben, die jedoch nach wenigen Jahren wieder eingestellt wurde.

Allerding ist es nicht nur eine Frage der Quantität europäischer Berichterstattung in französischen Medien, sondern gleichermaßen eine Frage der Qualität. Als ehemaliger Journalist bedauert André Gattolin, dass seine Kolleg*innen immer weniger in der Lage seien, die vermeintlichen „Mysterien“ von Brüssel zu analysieren. Dies führe zu einer besorgniserregenden Situation, in der Journalist*innen den Falschinformationen französischer Politiker*innen über europäische Themen nichts mehr entgegensetzen können. Hinzu komme, dass die französischen Korrespondent*innen in Brüssel vor der gewaltigen Aufgabe stehen, weitgehend laienhaften Interessent*innen sehr komplexe Themen zu erklären. Um europäische Themen populärer zu machen, werden daraufhin gerne nationale bis nationalistische Blickwinkel eingenommen, anstatt eine paneuropäische Perspektive einzunehmen. Dies behindere die Entstehung einer europäischen Debatte, und sei für die Entwicklung eines gemeinsamen Demokratieverständnisses auf kontinentaler Ebene nicht förderlich.

Madelaine Pitt, von „The New Federalist“: Britische Mainstream-Medien in Brüssel gut etabliert, aber nicht in Großbritannien

Angesichts des nahenden Brexit, kann man ironischerweise feststellen, dass die in London ansässige „Financial Times“ - laut einer Umfrage von EU-Media - das einflussreichste Medium in europäischen Entscheidungssphären ist. Damit hat die „Financial Times“ das Brüsseler Online-Magazin „POLITICO“ vom ersten Platz verdrängt, während „The Economist“ und die „BBC“ auf dem dritten bzw. vierten Platz liegen. Auch wenn sich diese Umfrage, anstelle der breiten Öffentlichkeit, an die Brüsseler Blase von Abgeordneten, Funktionär*innen und anderen Mitgliedern der politischen Elite, sowie an NGOs richtet, betont sie dennoch den Einfluss anglophoner Medien auf Bürger*innen verschiedener Muttersprachen.

Im Gegensatz dazu gilt es schon fast als Binsenweisheit, dass die Berichterstattung über europäische Themen in Großbritannien stark ausbaufähig ist. Der europäische Journalismus in Großbritannien wurde nicht erst durch den Brexit ordentlich durchgeschüttelt, sondern ist schon seit längerer Zeit das Opfer der Boulevardzeitungen. In den Händen großer Holdinggesellschaften sind sie im Gegensatz zu den oben genannten britischen Medien auch auf dem heimischen Markt dominant. Mit dem verzweifelt niedrigen Anspruch an Qualitätsjournalismus schüren sie Euroskepsis und Desinformation, vor allem wenn es darum geht Fakten von Falschnachrichten zu trennen, was häufig bei konservativen Medien zu beobachten ist. In den britischen Medien war das Bild von Europa schon immer von einer sehr einseitigen und nationalen Perspektive geprägt.

Auch wenn es bereits zu spät ist: Wir brauchen in Großbritannien und anderswo eine stärkere und hochwertigere Berichterstattung über europäische Themen, die eine europäische Perspektive einnehmen. Was wäre passiert, wenn britische Wähler*innen verstanden hätten, dass wir nicht jede Woche 350 Millionen Pfund für die EU-Mitgliedschaft zahlen, und wie der europäische Haushalt tatsächlich funktioniert? Was wäre geschehen, wenn wir verstanden hätten, dass sich das Budget der EU nicht in Brüsseler Luft auflöst, sondern dass stattdessen in die Kohäsionspolitik investiert wird, und damit der Binnenmarkt gefördert und viele weitere Vorteile für europäische Bürger*innen und Regionen ermöglicht werden?

Bei einer so einflussreichen, europäischen und englischsprachigen Medienlandschaft gibt es für britische Medien keine Entschuldigung, nicht besser über europäische Themen informiert zu sein. Sie müssten deshalb vielmehr in der Lage sein, eine Berichterstattung zu gewährleisten, die es britischen Bürger*innen ermöglicht, die Sorgen, Erfolge, Lebensweisen, Realitäten und Identitäten anderer Europäer*innen zu verstehen.

Davide Emmanuele Lannace, von „Eurobull“: Die italienische Berichterstattung über europäische Themen ist in erschreckendem Zustand

Houston, wir haben ein Problem“. Dies beschreibt die harte Realität für all diejenigen, die zurzeit die italienische Medienlandschaft verfolgen. Oft müssen wir schlecht geschriebene Artikel lesen, die mit sensationslüsternen Überschriften versuchen Leser*innen in sozialen Netzwerken zu ködern. Artikel werden mit vagen und ungenauen Formulierungen versehen, die mehr persönliche Meinungen als Fakten abbilden. Und obwohl freie Journalist*innen der kleinen Print- und Online-Magazine der italienischen Öffentlichkeit weiterhin Qualitätsjournalismus bieten, ist das Gesamtbild der Medienlandschaft in einem erschreckenden Zustand.

In Italien ist die Europäische Union wohl eines der am wenigsten geschätzten Themen. In den seltenen Erwähnungen fehlen meist die Mittel, um die Funktionsweise der komplexen EU zu erklären und genaue Analysen durchzuführen. Nicht umsonst wird die Europäische Union oft als Technokratie beschrieben, die sich mit ihren Brüsseler Büros weit von den Sorgen ihrer europäischen Bürger*innen entfernt hat. Doch nichts ist so falsch wie diese Vorurteile. Das mangelnde Verständnis über die Funktionsweise der EU hat somit einen Dominoeffekt auf die Leser*innenschaft und die Zuschauer*innen der Medien. Aus diesem Grund muss sich die Art und Weise der Analysen ändern, in dem man die Schwächen der EU überprüft, aber auch alle ihre Stärken hervorhebt. Dennoch ist eine vollständige Objektivität der Medien unmöglich: Trotz aller Bemühungen, werden wir immer für eine bestimmte politische Position empfänglich sein.

Ungeachtet aller Schwierigkeiten gibt es Raum für Verbesserungen. Es ist möglich mehr und präziser über Europa zu sprechen, und die EU als die Organisation darzustellen, die sie ist. Denn es handelt sich nicht um eine Technokratie, sondern um eine Vertretung europäischer Länder und deren Bürger*innen. Derzeit wird die europäische Politik von nationalen Regierungen gemacht, und das Parlament wird direkt von europäischen Bürger*innen gewählt. Italien kann sich nicht als „Rand“ der EU verstehen, wenn es ein Teil von ihr ist. Mitglied der Europäischen Union zu sein, bedeutet anzuerkennen, wie wichtig und relevant die EU für unser Leben ist. In einer Demokratie haben die Bürger*innen das Recht und die Pflicht, über aktuelle politische Geschehnisse informiert zu sein. In Europa bedeutet dies, dass die Bürger*innen das Recht haben, über die europäische Politik, über die Arbeit der europäischen Institutionen, sowie über deren Fehler und positiven Entwicklungen informiert zu werden.

Einzig und allein eine freie und qualitativ hochwertige Presse kann die Bürger*innen informieren. Daher muss man auf reißerische Titel und auf eine unangemessene Nutzung sozialer Netzwerke verzichten. Die italienischen Massenmedien müssen mit der geschmacklosen Verbreitung von Informationen aufhören und sich wieder mit Fakten auseinandersetzen. Nur auf diese Art und Weise wird die Presse ihre Rolle als Pfeiler der Demokratie zurückgewinnen können. Das Recht auf Informationen und die Möglichkeit, fundierte Entscheidungen für die eigene politische Zukunft treffen zu können, muss gewährleistet sein.

Julia Bernard, von „treffpunkteuropa.de“: Deutsche Medien über die EU - Zwischen Fortschritt und nationaler Sichtweise

Geben Sie „Europa“ und „Krise“ in eine Suchmaschine ein, und Sie werden auf eine Internetseite gelangen, die sich mit allen Krisen Europas beschäftigt: Die Brexit Krise, die sogenannte Flüchtlingskrise, der Aufstieg des Nationalismus, und der schon fast unablässige europäische Kampf gegen den Terrorismus. Man könnte meinen, dass diese Seite von einem eher europaskeptischen Aktivisten erstellt wurde, was jedoch nicht bedeutet, dass ein Pro-Europäer nichts kritisieren sollte. Aber diese Webseite wurde tatsächlich vom ZDF erstellt, dem zweiten Fernsehsender des deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunks, der schon seit Jahren die höchsten Einschaltquoten einfährt.

Die Internetseite „europas-krisen.zdf.de“ weist einzig und allein auf die Schwierigkeiten Europas hin. Das ZDF analysiert schon seit Jahrzehnten aktuelle Ereignisse des europäischen Kontinents. Aber wenn man sich den angsteinflößenden Stil betrachtet, mit dem die schwierigen Krisen auf der Internetseite beschrieben werden, muss man sich die Frage nach deren Verhältnismäßigkeit stellen. Was tun deutsche Medien, wenn es darum geht, Fakten zu erklären, ohne politisch zu spalten? Zeichnen die deutschen Medien ein düsteres Bild von der EU?

Was die Berichterstattung über die EU betrifft, haben die meisten Mitgliedstaaten die Tendenz aus einer stark nationalen Perspektive heraus zu berichten. Besonders ausgeprägt findet man diese nationale Sichtweise in der Berichterstattung über die Europäische Schuldenkrise von 2009. Obwohl die Krise viele Staaten der Eurozone schwer getroffen hat, wurde sie als ein Konflikt zwischen Griechenland und Deutschland dargestellt. Meist wurde ihre Komplexität auf ein politisches und wirtschaftliches Duell zwischen Angela Merkel und Alexis Tsipras reduziert. Die meisten Medien trugen mit ihrer einseitigen Berichterstattung nicht nur zur Spaltung bei, sondern untergruben auch die Fähigkeit der EU, ihre Probleme zu lösen.

Heutzutage hat sich die Situation weiterentwickelt. So wurde im Laufe der Europawahlen von 2019 die Debatte der Spitzenkandidaten in der Prime Time von deutschen Medien live übertragen. Zudem haben es große Themen wie der Klimawandel oder die Gesundheitspolitik geschafft, die EU auch mit positiven Erwähnungen auf die Titelseiten deutscher Medien zu bringen. Viele Medienhäuser haben also durchaus begriffen, dass es bei der Berichterstattung ohne die EU nicht mehr geht - auch bei positiven Errungenschaften.

Nichtsdestotrotz sind strukturelle Mängel weiter vorhanden: Deutsche Korrespondent*innen in Brüssel stehen vor der großen Herausforderung einem Publikum komplexe Themen näherzubringen, die oftmals nicht zur sogenannten „Allgemeinbildung“ gehören. Dabei schaffen sie es viel zu selten zu zeigen, dass zum Beispiel Fördermittel der EU ganz alltägliche Vorteile bringen und EU-Politik eben nicht nur ein abstraktes und fernes Brüsseler Phänomen ist.

Noch viel zu oft sehen sich deutsche Medien dazu gezwungen, eine nationale Sichtweise einzunehmen, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Eine transnationale und europäische Perspektive findet deshalb oft wenig Beachtung. Dabei ist vor allem eines problematisch: Während Probleme immer etwas mit „denen in Brüssel“ zu tun haben, verbucht man europäische Errungenschaften als nationale Erfolge.

Jorge Moral Vidal, von „El Europeísta“: Spanische Medien müssen die Existenz Europas laut und deutlich beteuern

Einst sagte jemand, dass Dinge nur dann existieren, wenn sie laut und deutlich beteuert werden. In Spanien hören wir, wenn es um die Berichterstattung über europäische Themen in den Medien geht, nur zaghaftes Rauschen und wenig Nachklang. Europa wird dort als weit entfernte Stimme wahrgenommen, die uns von Zeit zu Zeit wieder daran erinnert, uns gut zu verhalten. Gerade deshalb ist es wichtig, über die EU zu sprechen, ihr den Platz zu geben, der ihr gebührt, und damit ihre Existenz zu ermöglichen. Deshalb müssen wir sicher sein, dass Europa als ein Instrument der sozialen und kulturellen Integration gesehen wird, und nicht nur als ein gemeinsamer Wirtschaftsraum.

Auf diese Weise müssen wir die Europäische Union in den Vordergrund rücken, sie im Fernsehen ausstrahlen, Artikel über sie verfassen, und sie in formellen und informellen Rahmen kommentieren. Kurz gesagt, wir müssen versuchen Europa in unser alltägliches Leben mit einzubeziehen und sie aus kritischer und konstruktiver Sicht zu analysieren. Es liegt in der Verantwortung all derer, die in diesem Bereich tätig sind, zu vermitteln, was dieses Europa wirklich ist: ein Ort der Herausforderung und gelegentlicher Enttäuschungen. Dies verhindert keineswegs über Europa zu lesen oder zu schreiben, ganz im Gegenteil, es wird dadurch noch viel relevanter. Wir dürfen nicht vergessen, dass wenn wir über das Europa von heute sprechen, wir aus der Vergangenheit lernen. Müssten wir eine Lektion aus der Geschichte unseres Kontinenten mitnehmen, dann wäre es wohl folgende: Sich bei Problemen zurückzuziehen, anstatt zusammenzuarbeiten, ist ineffektiv.

Bei El Europeísta versuchen wir Europa mehr Bedeutung zukommen zu lassen, die über den wiederkehrenden Wahltermin des Europaparlaments alle fünf Jahre hinausgeht. Dies ist zweifelsohne eine mühsame und wichtige Aufgabe. Insbesondere in einem von Desinformation, Fake-News, Post-Truth und Gleichförmigkeit geprägtem Kontext. Genau aus diesem Grund entwickeln wir in Spanien ein politisches Plädoyer hinsichtlich europäischer Fragen, um sie in öffentlichen Diskussionen alltäglicher werden zu lassen.

Wojciech Zajaczkowski, von „Kurier Europejski“: Die EU und die Pressefreiheit, zwei große Opfer der polnischen konservativen Regierung.

In der Europäischen Union ist die Pressefreiheit durch die Charta der Grundrechte der EU gewährleistet. Der Artikel 11(2) zeigt: „Die Freiheit der Medien und ihre Pluralität werden geachtet“. Dennoch haben wir in den letzten Jahren beobachten können, dass dies in einigen Mitgliedstaaten, wie beispielsweise in Polen oder Ungarn, nicht wirklich der Fall ist.

Seit die Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) 2015 an die Macht kam, ist Polen in der Rangliste, die jährlich von der Organisation Reporter ohne Grenzen erstellt wird, vom 18. auf den 59. Platz gerutscht. Für das schlechte Ranking ist vor allem die Kontrollübernahme des polnischen Fernsehens und des öffentlichen Radios (TVP und Polskie Radio) durch die Regierungspartei verantwortlich zu machen. Mit dem Vorwand den Meinungspluralismus der Medien stärken zu wollen, hat die polnische Regierung Journalist*innen entlassen, und sie mit machttreuen Journalist*innen ersetzt. Das Gesicht des „guten Austausches“ wird von Jacek Kurski verkörpert, der das polnische Fernsehen leitet, und der erst letztes Jahr 450 Millionen Euro an öffentlichen Mitteln für seine Propaganda einkassieren konnte. Wohingegen die Regierung für ihr Handeln von polnischen Staatsmedien gelobt wird, sieht sich die Opposition und nationale Minderheiten, wie Geflüchtete oder die LGBT+-Community, mit scharfer Kritik konfrontiert.

Unglücklicherweise sind die Staatsmedien oft die einzige Informationsquelle für Bürger*innen aus kleinen Gemeinden, insbesondere wenn keine privaten Fernsehsender empfangen werden können. Auch wenn die Staatspropaganda für Großstädter*innen absurd wirken kann, kann sie von manch abgeschiedenen Dorfbewohner*innen dennoch ernstgenommen werden. Durch kontinuierlich negative Berichterstattungen hat das Image der EU in Polen stark einbüßen müssen. Tatsächlich fühlt sich Polen nicht als ein Teil der europäischen Gemeinschaft. Stattdessen wird die EU als eine korrupte und blinde Macht gesehen, die höchstens als Geldgeber dienlich sein kann.

Erst kürzlich hat das größte staatliche Unternehmen im Ölsektor (Orlen) das Medienhaus PolskaPress aufgekauft, das zahlreiche regionale Medien unter sich vereint. Dieser Kauf wurde als erster Schritt in Richtung „Orbanisierung“ des polnischen Mediensektors wahrgenommen. Im Zuge dessen ist es wichtiger denn je, weiterhin Journalismus zu betreiben. Sei es in Form klassischer oder digitaler Medien.

David Măhălean, von România Europeană: Besteht Hoffnung für einen europäischen Journalismus in Rumänien?

Für Rumän*innen ist es immer noch schwierig, täglich an Informationen zu gelangen. Als gespaltenes Volk fällt es ihnen nicht leicht, die Diversität an Meinungen zu akzeptieren. Es besteht nicht einmal Interesse an der Überprüfung vermeintlicher Wahrheiten. Ein weiteres Problem liegt in der Vergangenheit der Rumän*innen. Als traumatisiertes Volk schauen sie auf 50 Jahre Diktatur und 30 Jahre „künstliche“ Demokratie zurück. Ohne jegliches Schuldgefühl tauschten die Personen an der Macht lediglich ihre politische Zugehörigkeit. Das Volk hat jegliche Hoffnung verloren und wartet nur noch darauf enttäuscht zu werden. Es ist davon überzeugt, in allen Situationen zum Opfer zu werden, was dazu führt, dass Falschinformationen leichter im Land aufgenommen werden. So gesehen kann sich selbst der harmloseste Artikel als Desaster für die Qualität des rumänischen Journalismus erweisen.

Obwohl rumänischen Medien von Subjektivität gekennzeichnet sind und die meiste Zeit lediglich die Interessen von politischen Parteien und anderen Beteiligten widerspiegeln, besteht Hoffnung. Neuartige Medien guter Qualität erscheinen und versuchen sich an Qualitätsjournalismus durch einen unvoreingenommenen und quellenbasierten Umgang mit Informationen. Andere gehen sogar noch weiter, indem sie Fragen zur Korruption und anderen Anomalien des rumänischen Verwaltungssystems stellen. Diese neue Art von Medien könnte bald zur Norm in Rumänien werden, was positive Effekte mit sich ziehen wird. Denn eine gut informierte Bevölkerung, ist eine starke Bevölkerung, und ohne sie kann eine Demokratie nicht funktionieren.

Dennoch werden europäische Themen in der rumänischen Presse gerade gut behandelt, da die EU ein relevantes Thema im alltäglichen Leben ist. Rumän*innen fühlen sich nicht nur der EU zugehörig, weil sie formell ein Teil der Union sind, sondern vor allem, weil viele rumänische Bürger*innen in anderen Mitgliedstaaten leben. Die europäischen Finanzfonds sind ebenfalls besonders wichtig für das Land. Insbesondere der Aufbaufonds in Reaktion auf die Corona-Pandemie genießt gerade große Aufmerksamkeit in der rumänischen Berichterstattung. Zusätzlich werden auch die politischen und sozialen Aspekte anderer Mitgliedstaaten behandelt. Somit schaffen es die von Frauen geführten Demonstrationen in Polen, die Wahlen in Belarus, sowie die anti-LGBT+-Strömungen in Polen und in Ungarn auf die Titelseiten rumänischer Medien.

Hier finden Sie die Aufzeichnung des Treffens der Chefredakteur*innen aller Sprachversionen von treffpunkteuropa.de. Das Online-Meeting wurde anlässlich der 3. Europäischen Pressetage am 23. und 24. Oktober 2020 organisiert.

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