„In Schweden ist Mittsommer wichtiger als der Nationalfeiertag“

Europas Feste: Mittsommer in Schweden

, von  Paul Helm

 „In Schweden ist Mittsommer wichtiger als der Nationalfeiertag“
Midsommarfest in Schweden Foto: Metro Centric/ Flickr / CC BY 2.0-Lizenz

Am 24. Juni wird in ganz Schweden das ausgelassenste Fest des Jahres gefeiert. Es ist Mittsommer. Mit dem Schweden Niklas Olausson, der 1991 in Mölndal, Schweden, geboren ist und an der Universität Konstanz den Master Politics and Public Administration studiert, begibt sich unser Autor Paul Helm auf eine Reise in das Schweden der Gegenwart und erkundet gemeinsam mit ihm die schwedische Identität.

treffpunkteuropa: Heute, am 24. Juni, feiert ganz Schweden das Mittsommer-Fest. Was ist das eigentlich und wo kommt es her? Ist es ein schwedisches Fest, oder wird es auch in anderen Ländern gefeiert?

Das Mittsommernachtsfest hat eine wirklich lange, vorchristliche Tradition. Was man feiert, ist der längste Tag des Jahres. In Schweden ist Mittsommer ein wirklich magischer Moment. Es ist hell bis weit nach Mitternacht. Mittsommer ist auch in vielen anderen skandinavischen und baltischen Ländern verbreitet, mit teils sehr lustigen Bräuchen. Aber in Schweden hat Mittsommer einen ganz besonderen Stellenwert. Die Schweden sehen Mittsommer als noch ein bisschen schwedischer und noch ein bisschen wichtiger an, als unseren eigentlichen Nationalfeiertag.

Traditionell feiert man mit Mittsommer auch den Sommer und die Natur. Und wo könnte man das besser als auf dem Land? Wer einmal eine ausgestorbene Stadt erleben will, der muss an Mittsommer nach Schweden. Das Bild von Mittsommer, was mir immer in den Kopf kommt, ist natürlich der Mast mit den zwei Kränzen. Bereits das Mastaufstellen am Tag selber, was man oft mit den Nachbarn macht, mit denen man zusammen feiert, ist gemeinschaftsstiftend. Das gleiche gilt auch für das Blumenkränze binden, was meist die Frauen übernehmen, aber auch die Männer gerne tun dürfen.

Wenn es dann abends so richtig losgeht, dann wird getanzt und gesungen. Bei mir zu Hause ist es der Großvater, der mit seinem Akkordeon die Lieder vorgibt. Teilweise sind unsere Lieder wirklich ein bisschen blödsinnig , aber sie machen einfach Spaß. Für die Kinder gibt es immer viel Programm: Sackhüpfen zum Beispiel. Und wenn man sich ausgetanzt hat, dann wird gegessen . Es gibt eingelegten Hering, frische Kartoffeln, und Schnaps. OP Anderson ist sehr wichtig – er schmeckt ein bisschen wie Wodka und Grappa – und Aquavit, ein norwegischer.

Wie hat sich das Mittsommer-Fest im Laufe der Zeit gewandelt? Wird es heute anders gefeiert als noch vor hundert Jahren?

Im Prinzip hat sich nicht viel verändert. Die Traditionen werden über Generationen weitergegeben. Sogar die Lieder sind noch dieselben, wie sie mein Großvater einmal als Kind gelernt hat. Meine Generation ist natürlich nicht mehr so textsicher wie die ältere, nur weiß ich nicht, ob das Liedgut tatsächlich zurückgeht, oder ob das Interesse daran mit dem Älterwerden nicht wieder steigen wird. Aber die Begeisterung für das Mittsommer Fest, die hat auch in meiner Generation nicht abgenommen.

Mittsommer ist auch in anderen Ländern ein Begriff. Hierzulande hat das Fest nicht zuletzt durch die Werbeaktion des schwedischen Möbelgiganten IKEA Bekanntheit erlangt. Hast du das Gefühl, das Mittsommer dadurch instrumentalisiert wird, oder begrüßt du es, wenn schwedische Bräuche in anderen Ländern bekannt werden?

IKEA hat tatsächlich das Bild von Schweden in einigen Ländern der Welt geprägt. Natürlich greift der Konzern da zu Werbezwecken auch gerne auf das Mittsommer-Fest zurück. Ich finde das nicht schlimm, und es wird in Schweden auch nicht viel diskutiert. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass die deutschen Autokonzerne das so ähnlich machen. Bestimmt wird im Ausland auch mal mit dem Oktoberfest geworben, obwohl es mit Autos im engeren Sinne jetzt erstmal nichts zu tun hat.

Stichwort Schweden in der Welt: In welchen Ländern hast du bereits schon gelebt und wie hast du das Bild Schwedens dort empfunden?

Ich muss zugeben, dass ich in dieser Hinsicht wirklich privilegiert bin. Für einen längeren Zeitraum habe ich bereits in Australien, Kanada, Peru, und auch in Frankreich und Deutschland leben dürfen.

In Deutschland ist das Bild von Schweden auf jeden Fall sehr verklärt. Das hängt natürlich stark mit Astrid Lindgren und ihren Büchern über Bullerbü zusammen. Für mich schwingt in dieser romantischen Vorstellung von Schweden auch immer die Sehnsucht vieler Deutscher mit, die sich im Grunde lieber ein kleines Deutschland wünschen.

Andersherum ist übrigens diese Verklärung nicht sehr ausgeprägt: Wir mögen Deutschland, aber wir unterschätzen auch sehr den Reichtum an Kultur, Geschichte und Kunst, den es hier gibt. Zum Urlaub – und wir Schweden machen wirklich gerne Urlaub – fahren wir lieber in den Süden, nach Frankreich oder Spanien zum Beispiel. Die Franzosen, die ich kennengelernt habe, haben übrigens ebenfalls ein sehr positives Bild von Schweden; aber da weiß ich ehrlich gesagt nicht, woran das liegt („lacht“). Das werde ich dann wohl nächstes Jahr in meinem Erasmus-Aufenthalt herausfinden müssen.

Und dann gilt natürlich: Je weiter man sich von Europa entfernt, desto eher wird alles in einen Topf geschmissen. In Peru zum Beispiel ist alles aus Europa einfach „gut“. Es gab da diese tollen, deutschen Schulen, die natürlich nichts mit mir als Schweden zu tun hatten, aber die haben dann auch auf mein eigenes Image abgefärbt. Da habe ich dann auch noch einmal für mich selbst festgestellt, wie privilegiert ich bin, aus einem Land, beziehungsweise Kontinent zu kommen, der so positiv wahrgenommen wird. Als Syrer wäre mir das vermutlich nicht passiert.

Von Bullerbü nach Brüssel: Wie sieht sich Schweden denn selbst in der Welt? Ist es deinem Empfinden nach eine europäische Nation oder pflegt Schweden andere, wichtigere Bindungen zu anderen Teilen der Welt?

Ich finde, dass man Schwedens Rolle in der Welt sehr gut mit einem englischen Sprichwort umreißen kann: Im Grunde genommen boxt Schweden eine Gewichtsklasse zu hoch („to punch above one’s weight“). Schweden bildet sich einiges darauf ein, eine Nation mit Einfluss zu sein, die es sich leistet, stark in den internationalen Organisationen weltweit engagiert zu sein, trotz gerade einmal zehn Millionen Einwohner. Darauf sind wir stolz.

Um nur eine einige prominente Beispiele aus dem 20. und 21. Jahrhundert zu nennen, die für mich diese Tradition der Diplomatie verkörpern, denke ich etwa an Raoul Wallenberg, der im 2. Weltkrieg viele Juden vor dem sicheren Tod bewahrt hat. Ich denke aber auch an Dag Hammerskjöld, den zweiten Generalsekretär der UNO, oder an Jan Eliasson, Stellvertreter von Ban Ki-moon. Es gibt aber auch Personen, die in Deutschland weniger Prominenz genießen und die trotzdem einigen Einfluss auf das Weltgeschehen hatten, wie etwa unser ehemalige Premier Olof Palme, der besonders in linken Kreise sehr beliebt war, da er zu den pointiertesten Kritikern des amerikanischen Vietnam-Krieges zählte. Daran anschließend muss ich vielleicht erwähnen, dass Schweden kein Mitglied der NATO ist. Im Ernstfall müsste Schweden sehr darauf vertrauen, dass Europa uns schon irgendwie aus der Klemme hilft.

Von Europa hätte sich Schweden insbesondere in der Flüchtlingskrise mehr Hilfe erhofft. Insbesondere Osteuropas Vorbehalte, Flüchtlinge aufzunehmen, verstehen wir nicht. Schweden übernimmt gerne Verantwortung, aber wir wollen diese Verantwortung auch teilen. Die osteuropäischen Staaten dazu zu bringen, ihre Verantwortung ernst zu nehmen, dazu wäre unserer Meinung nach die EU dagewesen. Insgesamt ist das Verhältnis der meisten Schweden aber immer noch von einer diffusen Unterstützung der EU gekennzeichnet. Obwohl sich der politische Diskurs in den letzten Jahren nach rechts verschoben hat – 2006 galt es noch als Skandal, als die Liberalen öffentlich darüber nachdachten, ob denn jeder, der in Schweden lebe, auch wirklich schwedisch lernen müsse – dominieren euroskeptische Stimmen wie die von den Schwedendemokraten den politischen Diskurs über Europa nicht. Das hängt auch damit zusammen, dass Schweden wirklich gerne reisen und in dieser Hinsicht wahre Europäer sind. Trotzdem hat sich in Schweden seit der Flüchtlingskrise eine gewisse Opposition zum freien Personenverkehr etabliert.

Wenn du selbst in andere Länder reist, siehst du dich dann als Schwede? Was ist dir wichtig, wenn du über deine eigene Identität nachdenkst?

Was ich für mich in Deutschland gelernt habe, ist, dass es nicht Stolz sein muss, den man gegenüber dem eigenen Land empfindet. Insofern ist auch meine Beziehung zu Schweden nicht primär durch Stolz gekennzeichnet, sondern durch die tiefe Dankbarkeit, dass dieses Land es geschafft hat, zu Beginn des 21. Jahrhunderts Rahmenbedingungen zu schaffen, die mir in dieser Welt viele Möglichkeiten geschenkt haben. Der nordische Egalitarismus, der sich etwa in einer freien Ausbildung, einer kostenlosen Krankenversicherung und einem progressivem Steuersystem zeigt, ist Teil meiner Identität.

Dann gibt es aber auch immer noch diesen Weltbürger in mir, der sich durch Reisen und das Erlernen fremder Sprachen gebildet hat und der den Mensch unabhängig von seiner Staatsangehörigkeit wahrnehmen will. Da stößt es mir manchmal sauer auf, dass der nordische Wohlfahrtsstaat immer auch von seiner Unterscheidung von Insidern und Outsidern, das heißt von Staatsangehörigen, lebt – was dem Gedanken vom Weltbürgertum schlicht und einfach widerspricht. Hier kommt dann für mich doch noch so etwas wie eine europäische Identität zum Tragen: Obwohl ich für mich selbst eigentlich nicht groß zwischen einer europäischen Identität und einer weltbürgerlichen Identität unterscheide, weiß ich, dass es innerhalb der EU natürlich leichter ist, universelle Werte, wie sie der nordische Wohlfahrtsstaat für mich verkörpert, anzugehen, als etwa mit China.

Nach diesem Ausflug in die Politik will ich mit dir nun wieder zum Anfang des Gespräches zurückkehren: Wie wirst du dieses Jahr Mittsommer feiern?

Es wäre wirklich schön, wenn ich all die Leute, die ich hier in Konstanz bereits kennen gelernt habe, einladen könnte (lacht). Aber ich habe leider nicht unbegrenzt Platz zur Verfügung. Trotzdem wird es dieses Jahr ein ganz besonderes Mittsommer werden. Mit meinen schwedischen Freuden habe ich eine Feier organisiert, und es werden so viele Gäste kommen, wie möglich. Und dann werden wir einfach machen, was man an Mittsommer eben so macht. Wir werden draußen sein und tanzen, essen, spielen, trinken und Spaß haben.

Niklas, ich danke dir für das Gespräch.

Niklas Olausson ist 1991 in Mölndal, Schweden, geboren und studiert den Master of Politics and Public Administration an der Universität Konstanz. Sein Steckenpferd ist die Vergleichende Politikwissenschaft. Gegenwärtig bereitet er sich auf ein Erasmussemester an der Sciences Po in Paris vor. Neben anderen Sprachen spricht Niklas auch Deutsch fließend.

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