Französische Kommunalwahlen: Radikale Parteien auf dem Vormarsch in die Rathäuser

, von  Veronika Schürr

Französische Kommunalwahlen: Radikale Parteien auf dem Vormarsch in die Rathäuser
Kommunalwahlen in Frankreich: Radikale Parteien auf dem Vormarsch in die Rathäuser (Bild wurde mithilfe von KI erstellt) Foto: Pixabay | Yamu Jaynath | Pixabay Lizenz

Historisch niedrige Wahlbeteiligung, schwache Ergebnisse für Macrons Lager und ein Erstarken der Rechtsextremen in Südfrankreich prägen die erste Runde der französischen Kommunalwahlen. In vielen Städten, darunter Marseille, bleibt es weiterhin spannend: Der zweite Urnengang am Sonntag entscheidet nicht nur über neue Bürgermeister*innen, sondern liefert auch einen Gradmesser für die Präsidentschaftswahl 2027. Kann der europakritische Rassemblement National seinen Einfluss auf lokaler Ebene konsolidieren? Und steigert sein Abschneiden die Chancen für die Nachfolge im Präsidentenamt?

Ein lokaler Urnengang von nationaler Bedeutung

Zu viele Kommunen, zu unbekannt die Gesichter, um über die Rathäuser hinaus Beachtung zu finden: Normalerweise bleiben die Kommunalwahlen weitgehend unbedeutsam für die nationale Politik. 2026 ist die Lage anders. Am 15. und 22. März werden rund 500.000 kommunale Mandatsträger*innen in den knapp 35.000 Gemeinden neu gewählt. Die Gemeinderäte bestimmen anschließend die Bürgermeister*innen für die Amtsperiode 2026 bis 2032. In Frankreich sind die Kommunen ein zentraler politischer Erfahrungsraum. Trotz der traditionell starken Zentralisierung der Republik bilden die Gemeinden die erste Ebene, auf der Bürger*innen staatliches Handeln konkret erleben: von Stadtplanung, Schulverwaltung und sozialem Wohnungsbau bis hin zu Mobilität und Gesundheitsversorgung. Dieses Jahr ziehen die Municipales ungewöhnlich viel nationale und internationale Aufmerksamkeit auf sich, und das aus zwei Gründen:

Erstens fallen sie in eine Phase politischer Instabilität. Seit der Auflösung der Nationalversammlung 2024 prägen fehlende parlamentarische Mehrheiten und schwierige Kompromisse die nationale Politik. Im Hôtel de Matignon gingen in weniger als zwei Jahren vier verschiedene Premierminister ein und aus. Die kommunale Ebene erscheint vielen dagegen handlungsfähiger und verlässlicher. Umfragen zeigen, dass Bürgermeister*innen weiterhin das größte Vertrauen genießen, während das Misstrauen gegenüber der nationalen Politik wächst.

Zweitens finden die Wahlen zu einem besonderen Zeitpunkt statt. Zum zweiten Mal in der Geschichte der Fünften Republik bilden sie die letzte landesweite Direktwahl vor der anstehenden Präsidentschaftswahl 2027. Präsident Macron kann nach zwei Amtszeiten nicht erneut kandidieren. Als Stimmungstest geben die Kommunalwahlen Aufschluss darüber, welche Kräfte im Rennen um Macrons Nachfolge an Gewicht gewinnen könnten. Dazu gehört auch der Rassemblement National, der versucht, seine nationalen Wahlerfolge erstmals auf kommunaler Ebene zu verankern.

Schwache Mitte, starke Ränder

Bereits die erste Runde der Wahlen am 15. März lieferte ein deutliches Signal politischer Unzufriedenheit. Mit knapp 57 Prozent Wahlbeteiligung fiel sie so niedrig aus wie selten zuvor. Nur während der von der Corona-Pandemie geprägten Kommunalwahlen im Jahr 2020 gingen noch weniger Bürger*innen an die Urnen. Viele sehen darin ein Zeichen für eine wachsende Distanz zwischen Wähler*innen und etablierten politischen Parteien. Besonders auffällig war das schwache Abschneiden der regierungsnahen Kreise rund um Präsident Macron, die in zahlreichen Kommunen nur eine Nebenrolle spielten. Während das politische Zentrum an Einfluss verliert, profitieren vor allem Parteien an den Rändern des politischen Spektrums.

Die linkspopulistische Partei La France Insoumise konnte in den Metropolen wie Paris, Lyon oder Marseille über zehn Prozent der Stimmen auf sich vereinen. In den Städten Lille, Limoges und Toulouse zeichnen sich zudem gute Chancen für die Stichwahl am Sonntag (22. März) ab. Das Ergebnis zeigt, dass LFI durch die rechtsextremen Gedenkmärsche um den getöteten Aktivisten Quentin Deranque nicht an Einfluss verloren hat und vielmehr ihre Position innerhalb der linken Parteienlandschaft weiter festigen konnte. Zuvor geriet die Partei unter Druck, da unter den nach Deranques Tod Festgenommenen auch ein Mitarbeiter des Abgeordneten Raphaël Arnault sowie mehrere Personen der von ihm mitgegründeten Antifa-Gruppierung waren. Rechte Stimmen nutzten dies, um LFI die Verantwortung für das tödliche Delikt zuzuschreiben.

Südfrankreich: Hochburg der Rechtsextremen

Auf den ersten Blick deutet vieles darauf hin, dass es dem Rassemblement National gelingt, seine nationale Stärke zunehmend auch auf kommunaler Ebene zu verankern. 2020 lag die Partei in elf Kommunen vorn, 2026 sind es in der ersten Runde der Kommunalwahlen bereits 58. Vor allem im Süden des Landes lässt sich von einem Erfolg der Rechtsextremen sprechen, die von der Schwäche des politischen Zentrums profitieren. In Städten wie Carcassonne, Fréjus, Agde und Menton führt die Partei Marine Le Pens bereits nach der ersten Wahl-Runde. In Perpignan, der bislang größten von RN regierten Stadt, erreicht Amtsinhaber Louis Aliot schon im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit und steht damit vor seiner Wiederwahl.

Auch in weiteren südlichen Städten könnte der RN an Einfluss gewinnen: In Toulon, Nîmes oder Nizza wird die Stichwahl am Sonntag entscheidend sein. In Nizza etwa erzielte Éric Ciotti mit Unterstützung des RN ein stärkeres Ergebnis als der amtierende Bürgermeister und positionierte sich aussichtsreich für die zweite Runde am Sonntag. Über den Süden hinaus gelingt dem RN punktuell der Vorstoß in neue Regionen: In der Nouvelle-Aquitaine im Südwesten des Landes stellt die Partei erstmals Bürgermeister, ein symbolisch wichtiger Schritt für eine bislang südlich konzentrierte Partei.

Gleichzeitig werden die Grenzen ihrer Reichweite deutlich. Im Gegensatz zur linkspopulistischen Partei spielen die Rechtspopulisten in großen Metropolen wie Paris, Bordeaux, Toulouse oder Straßburg weiterhin nur eine untergeordnete Rolle und scheitern mit weniger als acht Prozent der Stimmen bereits in der ersten Wahl-Runde. Hat Marine Le Pen also Recht, wenn sie auf X einen „riesigen Sieg“ für ihre Bewegung verkündet? Der Vormarsch in kleineren und mittelgroßen Kommunen sowie in südlichen, traditionell rechten Regionen ist eindeutig sichtbar. Von einer flächendeckenden kommunalen Verankerung kann nicht die Rede sein, genauso wenig wie von einem Zugang zu den großen Metropolen.

Eine entscheidende zweite Runde: Umkämpftes Marseille

Ein Ausnahmefall ist Marseille: Bei der kommenden Stichwahl in der zweitgrößten Stadt Frankreichs entscheidet sich, ob der RN über seine Hochburgen im Süden hinaus auch in urbanen Zentren relevant werden kann. In der ersten Runde lag der amtierende linke Bürgermeister Benoît Payan vom Bündnis Printemps Marseillais mit 36 Prozent nur knapp vor dem RN-Kandidaten Franck Allisio, der 35 Prozent der Stimmen erhielt. Das Kopf-an-Kopf-Rennen am 22. März wird zeigen, ob der RN erstmals überregional an Bedeutung gewinnen kann.

Vorerst steht fest: Auf kommunaler Ebene konnten die Rechtsextremen ihre Macht in den traditionellen Hochburgen des Südens vorerst festigen. Abzuwarten bleibt, ob sie in Marseille auch urbane und heterogene Wählerschichten überzeugen können. Erst dann wird sich zeigen, ob ein möglicher Einzug ins Rathaus von Marseille zum Sprungbrett in den Élysée-Palast werden könnte.

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