Gleich, ganz gleich, quasi egal

, von  Veronika Rieger

Gleich, ganz gleich, quasi egal

Endlich rückt auch in Deutschland die Ehe für alle in greifbare Nähe, nachdem sich in einer repräsentativen Umfrage 83% der Bevölkerung dafür ausgesprochen haben und im Wahlkampf der Druck auf konservative Parteien wächst – ganze 16 Jahre nachdem das Nachbarland Niederlande 2001 als erstes Land der Welt die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare öffnete.

Der Kampf für Gleichberechtigung in Europa ist also noch lange nicht vorbei. In ihrem sehr persönlichen Text schreibt die Poetry Slammerin Veronika Rieger über das Gefühl, wenn die eigene Liebe als zweitklassig eingestuft wird, und lenkt den Blick auf die Scheinheiligkeit der immer wieder vorgebrachten Argumente.

Ein Auszug: Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland

Art 3 (1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.

Ich wache auf. Nachtdunkle Schatten, Drehung nach links, Freundin schläft. Drehung nach rechts, Handy – an: Meldung, Shooting in Gay Club Pulse in Orlando jährt sich zum ersten Mal. 49 Menschen sind noch immer tot. Welt dreht sich weiter, ich mich auf den Rücken.

Wecker piepst, Freundin schlägt Augen auf, Augenaufschlag später Kaffeegeruch, Sätze werden langsam länger. U-Bahn-Stationen ziehen im Minutentakt an mir vorbei, Schuhsohlen stampfen in hohen hohlen Unigängen den Trott des Alltags.

Alltagsstressstunden später den Briefkasten ausleeren. Die, ernsthaft, fünfte Hochzeitseinladung für diesen Sommer drin finden, erstmal noch nen Kaffee kochen, Briefumschlag öffnen:

Übertrieben geschnörkelte Schrift überfliegen, verdammt, da muss man ernsthaft ne Antwortkarte zurückschicken, Ankreuzmöglichkeiten:

1 Ich komme gerne

2 Ich komme mit meinem Freund

Ich komme nicht klar auf Variante 2 – Kaffeetassen später viel zu aufgedreht. Dann halt raus. Freundin anrufen, Einkaufen gehen. Auf dem 983m langen Weg zur U-Bahn spießrutenlaufen um Blicke. Den fünfzehnjährigen Volldeppen natürlich keine kluge Antwort auf das „Scheiß Lesben“ zurückgerufen. Wieder U-Bahn-Fenster. In der Innenstadt spießrutenlaufen um Blicke und Wahlwerbung.

Ich bin politisch wirklich interessiert, aber ich hab selten so überhaupt keinen Bock auf Wahlen gehabt. Also so richtig Null Bock. Seitdem mir jede Partei sagt, dass sie ja voll liberal dafür sei, aber sich seit Jahren keine Partei bewegt um wirklich etwas zu erreichen, finde ich Parteien ungefähr so vertrauenserweckend wie die Horrorclowns im Westpark letztes Jahr.

Noch immer diese bescheuerte Hochzeitskarte in der Handtasche.

Am Marienplatz stehen noch immer die Pegida-Idioten, nur scheinbar werden sie immer jünger. Der in der Mitte könnte so alt wie mein Bruder sein. An den Bruder denken, der sich nicht mehr meldet, weil er überfordert ist, weil meine Liebe so überfordernd ist, er würde ja nichts fordern, nur was sollen denn die Leute denken.

In der U-Bahn vom Mann auf der Sitzbank gegenüber ungewollt ungefragt vollgelabert werden: Habt ihr Kinder? Seid ihr verheiratet?

Greife in die Handtasche, schneide mich an der verdammten Hochzeitseinladung. Herzblut auf weißem Büttenpapier.

Der Mann gegenüber von dir bohrt noch immer, du zu schüchtern, zu eingeschüchtert um was zu sagen bohrst deine Finger in meine Hand, ich denk, ich will dich heiraten irgendwann. Will deine Hand in meiner Hand haben dürfen mit diesen scheißverdammt viel zu teuren dämlichen Ringen dran und will dich Frau rufen dürfen und es wirklich so meinen. Also nicht jetzt, nicht morgen, nicht im nächsten Jahr, aber ich will wenigstens die Möglichkeit dazu haben, also irgendwann.

Dem Mann, möglichst freundlich, ins Gesicht blaffen, dass das sehr persönliche Fragen sind und ich diese nicht beantworten werde. Der Mann redet weiter, spricht irgendwas von keine Ehe für sowas, der Geduldsfaden reißt.

Ich will‘s mir nicht mehr sagen lassen.

Der nächste, der mir sagt, meine Liebe oder die Ehe zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren sei nicht natürlich, der darf seine Biokenntnisse über das Sexualleben von Delfinen, Affen, Löwen, Giraffen, hunderten von Vögel, Hyänen, Schafen, Krabbelviechern und was weiß ich gerne auffrischen, aber nicht bei mir. Ganz nebenbei ist die Ehe im Übrigen nichts natürliches, sondern eine vom Staat eingerichtete Institution und damit ungefähr so natürlich und biologisch wie Plastikmüll.

Und wer mir sagt, dass die Ehe Mann und Frau vorbehalten sein muss, der darf gerne erklären ob und wie die mehr als zehn restlichen, biologisch anerkannten Kombinationen von X und Y Chromosomen sich dann das Ja-Wort geben dürfen und wieso genau Mann und Frau, also Mr. XY und Frau XX, diese Privilegien vor all den anderen Geschlechtlichkeiten haben dürfen.

Wenn wir‘s dann wiederum ganz platt an der Fortpflanzung festmachen, dann fordere ich nachhaltig den Entzug sämtlicher staatlicher Privilegien und des Ehestatusses für kinderlos gebliebene heterosexuelle Paare, das wäre die einzig logische Konsequenz.

Und wer mir jetzt sagt, dass die Ehe zwischen zwei Menschen die sich lieben und alt genug sind, das vor dem Staat zu bezeugen, gegen den Willen Gottes ist, der hat etwas an der Säkularisierung nicht verstanden.

Aber auch für die christlichen Hardliner unter den Parteien hab ich gern noch was zu sagen:

Wenn ihr sagt, dass meine Liebe gegen den Willen meines Gottes ist, dann seid ihr im Besitz von Gottes Weisheit. Da nur Gott im Besitz dieser Weisheit sein kann und über die Menschen richten darf, betitelt ihr euch mit dieser Aussage selbst als Gott und so blasphemisch und blöd können nicht mal die depperten Christdemokraten sein. Aber wer eine derartig menschenverabscheuende Asylpolitik fährt, der hat die Namensrechte am Wort Christus in seinem Namen eh verwirkt.

Es gibt kein Argument gegen die Ehe von gleichgeschlechtlichen Paaren, das heute noch sinnvoll greifen würde. Aber es gibt einen Grund dagegen zu sein: wenn man ein homophobes Arschloch ist.

Das alles fällt mir direkt vor die Füße des Mannes in der U-Bahn, aus Handtasche, großer Klappe, Hirn und Erinnerung, dazwischen liegen Wahlwerbezettel von Parteien die mir die „Ehe für alle“ noch vor der Wahl versprechen und das weiße Büttenpapier mit dem Blutfleck, der fast wie ein kleines Herz aussieht.

Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz (AGG)

§ 1 Ziel des Gesetzes Ziel des Gesetzes ist, Benachteiligungen aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität zu verhindern oder zu beseitigen.

Ich starre an die Decke über meinem Bett. Drehung nach links, Freundin schläft trotz laufender Serie. Drehung nach rechts, Handy – an: Meldung: 30 Jähriger schwuler Mann im Glockenbachviertel krankenhausreif geschlagen. Nächste Meldung: Die schwulen Ampelmännchen leuchten zum CSD wieder. Meine Nerven für das Thema sind noch immer tot. Welt dreht sich weiter, ich mich auf den Rücken.

Alle Menschen sind vor Gott gleich, meinten Sie.

Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich, haben Sie gesagt.

Scheint so, als wären 5,6 Millionen Deutsche halt doch ein bisschen weniger gleich als andere.

Dieser Artikel ist zuerst bei unserem Kooperationspartner Meetinghalfway erschienen.

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