#GrenzenlosEuropäisch: „Miteinander reden ist immer noch die schärfste Waffe der Demokratie“

, von  Gesine Weber

#GrenzenlosEuropäisch: „Miteinander reden ist immer noch die schärfste Waffe der Demokratie“
Stefanie (links) und Steffen (Mitte) unterwegs für #GrenzenlosEuropäisch Foto: Steffen Haake (treffpunkteuropa.de zur Verfügung gestellt)

#GrenzenlosEuropäisch – unter dem Motto sind Steffen Haake und Stefanie Hock drei Wochen für die JEF mit einem Bulli entlang deutscher Grenzen getourt und haben über die Europawahlen informiert, diskutiert und gestritten. Mit treffpunkteuropa.de sprechen sie über ihre Erlebnisse.

Wenn ihr auf die drei Wochen zurückschaut: Was war beste Moment, den ihr in Erinnerung behalten werdet?

Steffen: Schwer zu sagen, es gab so viele unterschiedliche Eindrücke. Vielleicht war es das Gespräch mit VW-Azubis oder mit einem 14-Jährigen in Neubrandenburg, der einen pro-europäischen YouTube-Channel betreibt. Das macht Hoffnung für die Zukunft!

Stefanie: Ich kann Steffen hier nur zustimmen – das waren tolle Momente mit interessierten, jungen Menschen! Und auch gerade dieses starke Gefühl des Zusammenhalts bei den Besuchern des Demokratiefests Zittau, die ohne Unterbrechung problemlos die Grenzen zwischen Deutschland, Polen und Tschechien überschritten, dabei miteinander sprachen, lachten, aßen – echt genial, das schafft ganz niedrigschwellig ein europäisches Bewusstsein!

Sprechen wir über den Anfang eurer Tour: Wie kam es überhaupt zu der Idee, für die JEF mit dem Bus quer durch Deutschland zu fahren?

Steffen: JEF Deutschland hat die Idee schon jahrelang verfolgt, allerdings ohne Erfolg: Es fehlte ein Bulli und die Freiwilligen. Dann fragten mich die JEF-Vorstandsmitglieder Laura, die ich von einer US-Konferenz kannte, und Georg, den ich von einer kubanischen Konferenz kannte, um Unterstützung. Ich stellte mein privates Wohnmobil zur Verfügung und schaufelte mir die Zeit frei. Dann fragte ich Stefanie, die ich von einem Europaforum kannte, ob sie mich unterstützen könnte.

Stefanie: Genau. Ich bin momentan viel unterwegs, also kann ich mich nicht lokal für Europa engagieren. Es war ein glücklicher Zufall, dass ich genau diese Wochen frei hatte und nutzen konnte, um mich full-time für Europa zu engagieren. Die Zukunft der EU liegt mir sehr am Herzen - ich möchte nicht später dasitzen müssen und jüngeren Menschen erklären, warum dieses einzigartige Projekt gescheitert ist und ich nichts dagegen tat.

Wo genau wart ihr letztendlich unterwegs?

Steffen: Los ging’s bei mir in Aurich, dann zum Material-Einladen nach Berlin, wo am Ende auch ein Treffen mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier anlag. Der war von der Tour begeistert.

Stefanie: Wir fuhren dann von Berlin nach Greifswald und über 15 Städte, wie Neubrandenburg, Eberswalde, Frankfurt (Oder), Dresden, Hof bis nach Passau.

Gebt uns mal ein ganz praktisches Bild davon, wie ihr euch organisiert habt: Habt ihr drei Wochen im Bulli gewohnt und von Ravioli vom Gaskocher gelebt?

Steffen: Nein, manchmal gab’s zwar Übernachtungen im Bulli, der auch entsprechend viel Platz bietet. Highlights waren die WoMo-Stellplätze in Passau mit Blick auf die Donau und am Helenesee bei Frankfurt (Oder). Mindestens eine*r von uns war aber meistens bei Mitgliedern der JEF untergebracht und einmal sind wir sogar in einem ehemaligen Kloster in Polen untergekommen. Ich habe öfters im WoMo gekocht, aber wir wollten natürlich auch die regionale Küche ausprobieren.

Wie war die Resonanz der Menschen, wenn ihr zum Beispiel in Chemnitz oder Cham mit euren grünen JEF-Westen und blauen Europaflaggen in der Innenstadt standet und über Europa reden wolltet?

Stefanie: Es ist sicherlich nie eine einfache Aufgabe, mit Passanten ins Gespräch zu kommen. Aber mit unseren Flaschenöffnern und Bierdeckeln, die wir den Menschen schenkten, war die erste Hemmschwelle überschritten. Anschließend redeten wir mit einigen über Europa und es gab durchaus kritische Gedanken zur EU und auch migrationsfeindliche Kommentare. Genauso gab es aber begeisterte Pro-Europäer – wie zum Beispiel einen Mann mittleren Alters in Cham, der aus Eigeninitiative sogar den lokalen Zeitungen von unserem Stand erzählte und der Passauer Zeitung unseren Besuch am nächsten Tag ankündigte!

Wie seid ihr mit offenkundigen EU-Gegner*innen umgegangen: Was war besonders schwierig, und was nehmt ihr aus den Gesprächen mit ihnen mit, ganz allgemein und besonders für eure ehrenamtliche Arbeit?

Steffen: Wir haben in dieser Tour ein Format gefunden, überparteilich mit Menschen zu reden, mit denen wir sonst nicht reden wollen würden. Das gilt besonders für eingefleischte AfD-Wähler*innen. Wir haben in diesem Rahmen versucht, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen und sie da abzuholen, wo sie sind. Als jemand, der sich in der Hilfe von Geflüchteten engagiert hat war es teils schwer, auf Provokationen gegen Flüchtlinge nicht direkt einzusteigen, sondern eher darüber zu sprechen, was Rechtspopulisten bspw. von Arbeitnehmer*innenrechten halten. Wir konnten viele Menschen zum Nachdenken bewegen, darauf bin ich stolz. Für meine ehrenamtliche Arbeit nehme ich mit, dass es einen Unterschied macht, ob jemand aufgrund von Enttäuschungen rechten Rattenfängern nachplappert, ob er aus Bequemlichkeit nicht wählt, oder ob er ein geschlossen verschwörerisches Weltbild besitzt.

Gab es einen Moment, wo ihr wirklich frustriert wart und euch dachtet: „Es reicht, wir packen unsere Sachen und fahren zurück nach Hause?“

Steffen: So weit ist es zwar nicht gekommen, aber die Tour hat uns schon vor gelegentliche Herausforderungen gestellt, zum Beispiel, als ein JEFler die Bulli-Beschriftung zu spät bestellte und sie nach Aurich, Greifswald, Dresden und dann Berlin liefern ließ, wir da aber schon in Frankfurt (Oder) waren. Ohne Beschriftung wurden wir böse angeschrien, als wir auf Marktplätze fuhren... Oder als wir morgens spät dran waren und zum Europaminister sollten, aber noch nicht klar war, wo wir für den Minister Kaffee herbekommen.

Stefanie: Ich hatte nie einen Punkt, an dem ich die Tour abbrechen wollte. Klar, es gab Dinge, die nicht rund liefen. Brenzlig war ein Moment, als ich eine Weile allein am Aktionsstand in Chemnitz stand und mit schlimmen Aussagen über die Bundeskanzlerin und Zugewanderte konfrontiert wurde, dann noch ein Verschwörungstheoretiker dazu kam – ich war schlicht überfordert und hätte dort die Sachen eingepackt. Dann kam zum Glück noch ein JEF-Mitglied dazu und es war für mich klar, weiter mit jedem zu sprechen – egal wie unterschiedlich die Standpunkte und wie anstrengend die Diskussionen manchmal sind, denn wie Steffen schon meinte: Manchmal wird nur nachgeplappert.

Was habt ihr aus eurer Tour gelernt, dass ihr uns mitgeben wollt?

Steffen: Es hat sich bestätigt, dass miteinander zu reden immer noch die schärfste Waffe unserer Demokratie ist. Wenn wir jemanden zum Nachdenken gebracht haben, haben wir schon gewonnen. Ich hatte mal eine Klage der Band Frei.Wild am Hals, weil ich sie aus Protest gegen einen Auftritt in Ostfriesland als zu rechts bezeichnet hatte. Auf der Tour kam ich jetzt mit einem offenkundigen Frei.Wild-Fan ins Gespräch, den ich zum pro-europäischen Erstwählertum bringen konnte. Das hat mir gezeigt: Die Dinge sind komplizierter als Äußerlichkeiten vermuten lassen.

Und zum Schluss: Warum sollten wir alle bei der Europawahl wählen gehen?

Stefanie: Weil es wichtig ist, dass möglichst viele Menschen ein Zeichen gegen Menschenfeindlichkeit und Nationalismus setzen. Für ein Europäisches Parlament, das in seiner Zusammenstellung die realistische Möglichkeit hat, daran zu arbeiten, Europa zukunftstauglich zu machen – angefangen bei Migration bis hin zur Digitalisierung.

Steffen: Weil es unsere verdammte Pflicht ist – ganz nach dem Motto unserer Bierdeckel „nicht nur Quatschen, sondern Machen“. Und weil von allen lausigen Regierungsformen die Demokratie immer noch die Beste ist: Die EU wird entweder solidarisch und klimaschützend sein – oder sie wird nicht sein.

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