Teil 2

Humans of Saarland: Zum Arbeiten nach Luxemburg

, von  JEF Saarland

Humans of Saarland: Zum Arbeiten nach Luxemburg
Foto: links Pixabay / felix_w / Pixabay License, rechts Pixabay / WikimediaImages / Pixabay License, Bearbeitung: Anja Meunier

Das Saarland ist das kleinste der Flächenländer Deutschlands und teilt rund 150 Kilometer Grenze mit Frankreich, außerdem grenzt es an Luxemburg. Die Großregion „SaarLorLux“ zählt zu den Modellprojekten in Europa, in denen grenzüberschreitende Zusammenarbeit auf allen Ebenen vorangetrieben werden. Für Menschen im Saarland ist grenzüberschreitendes Lernen, Arbeiten, Leben und Lieben schon seit Jahren Realität. Wie wächst man auf und was prägt das tägliche Leben, wenn man an der deutsch-französisch-luxemburgischen Grenze lebt? Dazu hat die JEF Saarland Menschen aus der Grenzregion porträtiert.


„Kaffeerösterei ist Kunst und Handwerk zugleich. Das Rösten bringt dir keiner so richtig bei. Es gibt keinen Ausbildungsberuf dafür. Du musst dir alles selbst aneignen, dir eine eigene Philosophie gestalten. Mit meiner Philosophie möchte ich erreichen, dass die Leute wieder begreifen, dass Qualität ihren Preis hat. Heute möchte die Mehrheit alles umsonst haben, aber selbst fair entlohnt werden. Internetriesen wie Amazon verstärken dieses Denken. Ich möchte mehr Sensibilität dafür schaffen, warum ein Produkt kostet, was es kostet. Bei mir liegt der Einstiegspreis zwischen 24 und 31 Euro pro Kilo Kaffee. Wenn der*die Kunde*Kundin einmal an ein so hochqualitatives Produkt gewöhnt ist, wird er*sie selten noch einmal zurückgehen. Ich nenne das den Todeskreislauf des guten Geschmacks.

Alle meine Kaffees sind handselektiert und handaufbereitet. Mit meinem Kaffee-Wagen bin ich auf regionalen Märkten und Festen unterwegs. Jeden Sonntag mache ich einen Werksverkauf mit Kaffee und Kuchen hier in St. Ingbert. Die Kund*innen können mir dann Fragen stellen und sich selbst von der Qualität meiner Kaffeebohnen überzeugen. Ich bin ein transparentes Unternehmen. Meine Kaffees beziehe ich aus Nicaragua, Kolumbien, Indien, Papua-Neuguinea, Guatemala, Peru und El Salvador. Aber alles läuft über Importeure in der Europäischen Union. Die Hotspots heißen Hamburg, Amsterdam und London.

Nach dem Brexit bricht London vielleicht wegen Zöllen weg. Das wird sich zeigen. Die europäische Community ist gerade im Spezialitätensegment des Kaffees sehr wichtig. Auf europäischen Messen wie der world of coffee-Messe kommt es zum Wissensaustausch. Es ist eine sehr befreundete Branche. Denn man kann keinen Kaffeeröster so einfach kopieren. Selbst dann nicht, wenn man die identischen Kaffees kauft. Beim Rösten entscheiden Minuten darüber, wie der Kaffee schmeckt. Der*die Kaffeeröster*in hat einen großen Spielraum, in dem er*sie dem Kaffee seinen eigenen Fingerabdruck aufsetzen kann. Neben dem freien Warenverkehr und der Mobilität profitiere ich als Jungunternehmer von der Währungsunion in der Europäischen Union. Die Kaffeepreise sind natürlich an den Weltmarktpreis geknüpft. Aber die Produkte werden in Euro gehandelt. Daher habe ich kein zusätzliches Währungskursrisiko.

Fairer Handel ist auch ein Thema, das ich mit der EU verknüpfe. Die Welt ist nicht gerecht. Auch in Europa nicht. Aber vielleicht ist sie hier noch am gerechtesten. Hier gibt es Mindestlöhne, Arbeitsschutz und Sozialhilfe. Und darum kann ich mich als Europäer identifizieren. Wir müssen uns für fairen Handel und die Einhaltung der Menschenrechte in der ganzen Welt einsetzen. Ein wirtschaftliches Gegengewicht gegenüber Asien und Amerika bilden. Ich gehe auf jeden Fall wählen. Und sei es nur, um größeren Schaden zu vermeiden. In der Politik ist es wie in der Kaffeerösterei. Ohne Kompetenz hinter der Maschine kommt kein gutes Produkt dabei heraus." - Ramon, 28, Jungunternehmer aus Saarbrücken


"Ich wusste schon früh, dass ich unbedingt Französisch lernen will. Als saarländisches Kind fährt man ja manchmal mit seinen Eltern nach Lothringen ins Cora zum Einkaufen. Und den einzigen Unterschied, den man bemerkt, ist, dass sich die Sprache verändert. Diese andere Sprache wollte ich gerne verstehen. Sprachbarriere ist nicht mein Ding. Ich unterhalte mich viel zu gerne mit Menschen. Deshalb wollte ich aufs Deutsch-Französische Gymnasium, um fließend Französisch zu lernen. Hier am DFG komme ich jeden Tag in Kontakt mit der deutsch-französischen Freundschaft und Europa.

Fast alle meine Freund*innen wohnen in Frankreich – sie sind zum Teil Deutsche, zum Teil Französinnen und Franzosen. Das macht für uns sowieso keinen Unterschied. Zu Freunden nach Sarreguemines fahre ich genauso selbstverständlich wie zu Freund*innen nach Völklingen. Grenzen fände ich in der Europäischen Union schlimm – so beengend. Mein Opa kommt aus Rheinland-Pfalz und arbeitete in den 1950er Jahren bei einer Versandfirma. Damals war die Grenze zum Saarland ja noch geschlossen. Wenn er etwas nach Saarbrücken liefern musste, dann war das sehr aufwändig. Er brauchte auch einen Ausweis. Er hat mir erzählt, wie unglaublich er es fand, nach 1957 plötzlich über die Grenze ins Saarland zu können.

Das schlimmste, das in der Welt passieren könnte, wäre für mich, wenn wir Europa zerfallen lassen. Ich darf leider noch nicht wählen gehen am 26. Mai. Aber ich sage jedem*jeder meiner volljährigen Mitschüler*innen, dass er wählen gehen soll. Und zwar pro-europäisch. Ich würde auch schon gerne wählen können. Ich bin für das Wahlrecht ab 16. Es ist unsere Zukunft! Und wenn man Bier trinken kann, dann kann man auch wählen. Eine gute Freundin von mir macht jetzt schon Abi und will in Luxemburg studieren. Es ist schon geplant, dass ich sie dann besuche. Luxemburg ist ja auch nicht weit weg. Ich selbst träume davon, in Schottland zu studieren. Dort war ich schon öfters mit der Familie in Urlaub. Als ich zum ersten Mal in die Stadt Edinburgh hineingelaufen bin, habe ich mich direkt zuhause gefühlt. Wenn Großbritannien demnächst aus der EU austritt, ist mein Traum wahrscheinlich geplatzt. Oder er wird viel schwieriger zu realisieren. Es sei denn, die pro-europäischen Schott*innen finden irgendeine andere Lösung." - Catharina, 16, Schülerin aus Sulzbach


“Ich wohne in Saarbrücken und arbeite in Luxemburg. Seit vier Jahren fahre ich jeden Tag mit dem Auto eine Stunde hin und eine Stunde zurück. Ich finde das vollkommen okay. Wir Saarländer*innen sind verwöhnt, was die Fahrtwege zur Arbeit angeht. Ich habe Freund*innen in Nordrhein-Westfalen. Für die ist eine Stunde nach Köln zur Arbeit fahren normal. Zum Glück habe ich Arbeitszeiten, zu denen ich nicht in die Rush Hour komme. Zu bestimmten Zeiten ist auf Luxemburgs Straßen die Hölle los. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln geht das Pendeln alleine schon von meiner Schichtarbeit her nicht.

Ich bin Erzieher in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie in Luxemburg-Stadt. Ein Bekannter arbeitet schon sehr lange dort. Er fragte mich eines Tages, ob ich mich nicht auch bewerben wolle. Luxemburg kann gar nicht ausreichend Erzieher*innen für seinen Eigenbedarf ausbilden. Natürlich hat die bessere Bezahlung in Luxemburg bei meiner Entscheidung eine Rolle gespielt. Aber nicht nur. Luxemburg ist richtig multikulti. Noch viel mehr als das Saarland mit seinem deutsch-französischen Flair. Darin habe ich eine Chance gesehen, mich weiterzuentwickeln. Die Anerkennung meiner deutschen Erzieherausbildung ging ohne Probleme. Nach dem Berufseinstieg musste ich innerhalb von ein bis zwei Jahren neben Deutsch und Französisch auch Luxemburgisch können. Mein Schulfranzösisch frischte ich vor allem über meine französischen, belgischen und tunesischen Arbeitskollegen wieder auf. Und auch Luxemburgisch ging über learning by doing.

Als Erzieher mache ich pädagogische Angebote für die 13- bis 17-Jährigen in den therapiefreien Zeiten. Ich bin aber auch selbst bei Therapien dabei. Es gibt intern viele Fortbildungen zur Spezialisierung in der Psychiatrie. Aber das wichtigste ist sowieso, immer ein offenes Ohr zu haben. Auch in der Klinik ist Internationalität normal. Es kommen viele Kinder von Expatriates sowie Schüler*innen von Luxemburgs internationalen Schulen zu uns. Ich weiß noch nicht genau, ob ich bei der Europawahl wählen gehe. Die EU-Parteigruppierungen sind einfach nicht so präsent. Alles scheint sich nur weit weg in Brüssel abzuspielen. Dabei hat die EU ja doch Einfluss auf meinen Alltag, wenn ich so recht nachdenke. Ich kann in Deutschland, wo meine Familie ist, wohnen und gleichzeitig in Luxemburg mehr Geld verdienen. Ich bin in Luxemburg krankenversichert, kann aber dank EU-Gesetzgebung trotzdem problemlos auch in Saarbrücken zum Arzt gehen. Irgendwas läuft in der EU doch schief, wenn den Bürger*innen solche Vorteile auf den ersten Blick gar nicht bewusst sind. Es gibt ein Kommunikationsproblem.“ - Tobias, 35, Erzieher aus Saarbrücken


„In Nordrhein-Westfalen gibt es auch ein internationales Umfeld. Aber kein d“Mein Unternehmen ist ein mittelständisches Familienunternehmen. Gegründet 1955 von meinem Vater. Heute haben wir insgesamt 26 Mitarbeiter*innen, darunter elf Franzosen. Die deutschen Mitarbeiter*innen haben einen Gesellenbrief oder den Meister im Schreinerhandwerk. Bei uns ist die Ausbildung praxisorientiert. In Frankreich hingegen ist sie sehr schulisch.

Meine Wunschvorstellung wäre, dass junge Französinnen und Franzosen einen Teil ihrer Ausbildung bei uns machen. Die Schule in Lothringen, den praktischen Teil im Saarland. Einen solchen Ausbildungsversuch habe ich schon gestartet. Erfolglos. Das Hauptproblem ist die Sprachbarriere. Viele Französinnen und Franzosen haben Angst, herzukommen. Die französischen Mitarbeiter*innen, die ich habe, sind schon lange da. Teilweise zwanzig Jahre. Im letzten Jahr kam noch der Sohn eines Mitarbeiters dazu. Sie alle wohnen noch in Frankreich. Aber nicht weit von Auersmacher. Meistens im Umkreis von 20 Kilometern. Unser Betrieb hat hauptsächlich gewerbliche Aufträge. Viele Hoteleinrichtungen. Deutschlandweit. Aber in Frankreich können wir nicht arbeiten. Da ist ein eiserner Vorhang. Das ist meine Kritik an der Europäischen Union.

Es gibt seit Jahren eine europäische Entsenderichtlinie gegen Dumpinglöhne. Ursprünglich, damit die Spargelstecher*innen aus Polen anständig bezahlt werden. Daraus wurde ein Bürokratiemonster. Um in Frankreich zu arbeiten braucht man jetzt einen französischen Tarifvertrag und einen Fiskalvertreter. Damit sie sehen, dass die Leute richtig bezahlt werden. Wir zahlen zwar sowieso weit mehr als den französischen Mindestlohn. Aber das muss ich in Frankreich ja nachweisen. Wenn man jeden Tag Geschäfte dort macht, dann kann man sich das leisten. Aber für uns wäre der Aufwand gigantisch. Das EU-Gesetz war gut gemeint, aber nicht gut gemacht. Von einem neuen Gesetzesentwurf wird schon seit fünf Jahren gesprochen. Aber der politische Druck fehlt. Die meisten Unternehmen in Zentraleuropa interessiert das gar nicht. Nur in den Grenzregionen. Bei uns kommen ja Anfragen aus Frankreich. Die müssen wir direkt absagen. Das ist schon schade.

Aber immerhin profitiere ich als Unternehmer davon, dass schon einige Fachkräfte aus Frankreich kommen. Man braucht ja einen Rekrutierungsradius. Wenn der Radius durch eine Grenze beschnitten ist, dann ist es ja nur noch ein Halbkreis. Dank dem freien Arbeitsmarkt in der EU fällt die Grenze weg. Dadurch ist es für uns einfacher, zu rekrutieren. Von noch mehr Austausch könnten beide Seiten profitieren. Denn es gibt eine hohe Jugendarbeitslosigkeit in Lothringen und Fachkräftemangel im Saarland. Natürlich gehe ich wählen bei der Europawahl. In meinem Alter muss man da Vorbild sein. Denn ich weiß ja noch wie es vorher war. Viele Leute sehen nur das Negative an der EU. Klar, es gibt viel, was nicht gut ist. Aber ohne geht es auch nicht." - Thomas, 61, Unternehmer aus Auersmacher


Das Projekt „Humans of Saarland“ wurde von der ASKO-Europa-Stiftung unterstützt. Die Bilder aufgenommen hat Ruben Jochem (treffpunkteuropa.de über JEF Saarland zur Verfügung gestellt).

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