Ich komme aus Europa

, von  Ludwig Elbin

Ich komme aus Europa
„Europa ist in Gefahr. Und damit all die Vorteile die so selbstverständlich geworden sind, dass wir sie nicht mehr wahrnehmen.“ Illustration von © Elias Paquay-Bäumler

Woher kommst du? Regensburg? Bayern? Deutschland? Europa? Europa – wer würde das schon sagen?

Theresa May bestimmt nicht. Die verabschiedet sich gerade schnurstracks aus der Europäischen Union. Auch wenn ihr Parlament das Vetorecht über das Ausstiegsgesetz errungen hat, der Abschied Englands aus der Europäischen Union ist endgültig. Und auf diesem Weg sind die Engländer nicht allein. Zu den üblichen Verdächtigen wie Ungarn, das sich, ähnlich wie England, gerade aus asylpolitischen Gründen von Europa entfremdet hat, kommen immer mehr hinzu. Aus den unterschiedlichsten Gründen häufen sich nicht nur im Ausland die Stimmen, die die EU für jegliche Probleme verantwortlich machen. Selbst in Finnland ist nur noch eine geringe Mehrheit auf der Seite eines geeinten Europa. Durch eine nokiabedingte Wirtschaftskrise in dem skandinavischen Land regen sich immer mehr antieuropäische und nationalistische Stimmen. Ähnlich wie in Frankreich der „Front National“ legte hier die Partei „Wahre Finnen“ stark zu. Ein nationalistisches Monster treibt auch in Polen sein Unwesen. Parteichef von „Recht und Gerechtigkeit“ Jarosław Kaczyński hebelte die Gewaltenteilung mit dem Brecheisen aus, indem er mit seiner Regierung eine Justizreform der Extraklasse in Kraft zwang. Ironischerweise legt der damit die Gerechtigkeit der Judikative in die rechtlichen Hände der Exekutive. Eine Tendenz, die nicht nur national, sondern vor allem antidemokratisch ist und mit der er das Fundament der europäischen Wertegemeinschaft zum eigenen Vorteil bewusst angreift. „Recht und Gerechtigkeit“, „Nationale Finnen“, „Front National“, sie zersetzen die Gemeinschaft von innen, während andere ihr Fundament von außen annagen. So zum Beispiel Recep Tayyip Erdoğan, der als Stütze seiner eigenen Alleinherrschaft in der Türkei die europäische Gemeinschaft als den Feind hinstellt, der sich in innere Angelegenheit mischen will und gegen den man vereint zu stehen hat.

Europa ist in Gefahr. Und damit all die Vorteile die so selbstverständlich geworden sind, dass wir sie nicht mehr wahrnehmen. Aus Gründen wie einer steigenden Zahl von Asylbewerbern hacken nationale Regierungen aufeinander herum, schieben sich die Schuld zu und übersehen dabei, dass alles viel einfacher wäre, wenn man endlich einmal wieder zusammen arbeiten würde. Leicht vergisst man, wenn man an die Europäische Union denkt, den ursprünglichen Grund für ihre Gründung, die Prävention europäischer Kriege. Seit über 60 Jahren leben wir in Frieden, dank ständiger Bemühungen europäischer Staaten, besser zusammenzuarbeiten. Wenn diese Bemühungen enden, laufen wir Gefahr zurückzufallen in einen Zustand, in dem Konflikte nicht nur auf diesem Kontinent vorherrschen. Wir riskieren durch nationalistische Ideen nicht nur unseren Frieden, sondern auch den Lebensstandard, den zu schätzen wir schnell vergessen. Denn der EU verdanken wir nicht nur die Möglichkeit, billig in anderen Ländern mobiles Internet zu nutzen. Wir können genauso auch ohne Hindernisse in doch nicht so fremden Ländern studieren, die meisten Abschlüsse gelten dabei sogar europaweit. Das bedeutet, wer nicht in dem Land wohnen und arbeiten will, in dem er seine Ausbildung abschließt, der kann problemlos sein weiteres Leben in jedes andere EU-Land verlegen. Auch Reisen und damit der Austausch zwischen den Kulturen, ganz abgesehen den wirtschaftlichen Vorteilen des Tourismus, werden gerade durch die europäische Freizügigkeit so einfach, wie wir es kennen und lieben. Ein deutscher Schüler kann seine Abiturreise nach Italien nur mit seinem Personalausweis antreten, muss dabei keine Angst vor Kriegen haben, darf dann mit seinem Abschluss in Spanien studieren, ohne sich vor Diskriminierung zu fürchten und schlussendlich in Großbritannien seine Arbeit antreten, und das mit den Rechten eines Engländers. Halt! Nein, das war dann mal. Er durfte das bis zum Brexit als EU-Bürger.

Aber genau diese Idylle ist in Gefahr, nicht nur durch einzelne Menschen wie Theresa May oder Jarosław Kaczyński, sondern durch all diejenigen, die deren Meinung teilen, die Europa verlassen wollen, die diesen Teil unseres Glücks zerstören wollen. Das dürfen wir nicht zulassen.

Wir alle stehen vor der Wahl: Wollen wir weiter an die Idee glauben, auf der Europa gegründet wurde, oder aufgeben? Weil wir in einer Demokratie leben, besitzen wir die einzigartige Möglichkeit diese Entscheidung mitzutreffen. Und nicht nur das! Wie wunderbar wäre es doch, wenn wir in einigen Jahren auf die Frage, woher kommst du? Nur noch antworten müssten: aus Europa!

Anmerkung: Dieser Artikel erschien zuerst als online Add-On in einer Ausgabe der Schülerzeitung „Blickkontakt“ des Von-Müller-Gymnasiums in Regensburg. Die gesamte Ausgabe 2016/1 mit dem Titelthema „Grenzen“ kann hier nachgelesen werden.

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