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JEF-Europa-Vorsitzender Glück: Urwahl des JEF-Präsidenten „interessantes Gedankenspiel“

Über das Jetzt und die Zukunft der JEF in Europa

, von  Tobias Gerhard Schminke

JEF-Europa-Vorsitzender Glück: Urwahl des JEF-Präsidenten „interessantes Gedankenspiel“
Der Vorstand der Junge Europäische Föderalisten Europa nach der Wahl 2015. Christopher Glück (dritter von rechts) umringt von seinem Team © JEF Europe

Christopher Glück ist seit Ende 2015 Europavorsitzender der JEF. Für ihn und sein Team ist nun Halbzeit, denn Ende 2017 wird wieder eine neue Leitung für die JEF Europa gewählt. Im Interview mit treffpunkteuropa äußert er sich nun zu seinen bisherigen Erfolgen, zu den aktuellen Herausforderungen für die JEF und ob er sich vorstellen kann, 2017 noch einmal als JEF-Europa-Vorsitzender anzutreten.

Christopher Glück, was ist eigentlich deine Motivation Vorsitzender aller JEF-Mitglieder in Europa zu sein? Was lässt dich morgens aufstehen uns sagen: „Auf, für Europa!“?

Es ist tasächlich genau dieses Gefühl am Morgen. Ich halte die europäische Idee für das spannendste und fortschrittlichste politische Projekt der Gegenwart. Ob das europäische Projekt überlebt, wird für unsere Generation der entscheidende Faktor sein, ob wir ein Leben in Frieden und Freiheit führen können, oder ob die Lichter in Europa erneut ausgehen. Umso größer die Rückschläge für die europäische Idee, umso größer wird bei mir auch der Trotz. Die JEF ist die ideale Organisation, um mich für Europa einzusetzen. Hier habe ich das Gefühl das meine Arbeit einen Unterschied macht und ich arbeite mit wunderbaren Menschen aus ganz Europa zusammen - das gibt mir jeden Tag neue Motivation.

Wodurch bist du europapolitisch geprägt worden?

Dafür war die JEF natürlich ganz entscheidend. Die vielen Diskussionen über die Jahre meiner Mitgliedschaft, aber natürlich auch der Austausch mit anderen Sektionen und unsere Studienreisen haben mein Verständnis von Europa ganz wesentlich geprägt. Und die JEF hat mich motiviert, mich auch im Studium und beruflich Europa zu widmen. Unter anderem habe ich das College of Europe in Natolin in Polen für meinen Master ausgewählt, weil die Geschichte dieser Uni so sehr mit der Geschichte der föderalistischen Bewegung verwoben ist. Dieses Jahr war der zweite wesentliche Faktor, der mich europapolitisch geprägt hat. Erst dort habe ich wirklich die osteuropäische Sichtweise auf Europa verstanden und mir wurde bewusst, dass die Schönheit Europas nicht nur in der deutsch-französischen Freundschaft liegt, sondern mindestens ebenso darin, dass wir die Teilung Europas überwunden haben.

Du bist nun seit über einem Jahr Präsident der JEF in Europa. Was haben du und dein Team bisher erreicht?

Unser Ziel war, die JEF einen noch sichtbareren und einflussreicheren Akteur in Brüssel und im Kreis der europäischen Jugendorganisationen zu machen sowie die Professionalisierung der JEF Europa voranzutreiben und sie somit für einen belastbareren Partner für nationale Sektionen in Schwierigkeiten zu machen. Ich denke wir können für beides eine gute Halbzeitbilanz vorweisen. Die Aktivitäten und Organisationsweise der JEF Europa ist nun strategischer ausgerichtet, unsere Arbeitsabläufe weniger ad-hoc und improvisiert und die Kommunikation mit Mitgliedern und Sektionen wurde verbessert. In der Brussels Bubble und im Kreis der europäischen, jugendpolitischen Organisationen haben wir unser Standing weiter verbessert und konnten einige Prozesse und Kampagnen anregen. Das verbesserte Standing lässt sich für mich vor allem an der Zunahme der Anfragen für Podiumsdiskussionen und Seminare, die wir bekommen, messen.

Wo liegen aktuell noch die Schwächen der JEF? Und wie willst du diese bekämpfen?

Es bleibt noch viel zu tun. Mittlerweile liegen die Schwächen der JEF Europa nicht mehr auf der europäischen Ebene, wie das vor einigen Jahren noch der Fall war, sondern in der Disparität zwischen unseren Sektionen. Vor allem in Osteuropa müssen wir uns Mühe geben, um präsent zu bleiben. Darum werden wir im kommenden Jahr unseren Schwerpunkt darauf setzen, unseren schwächeren Sektionen effektiv unter die Arme zu greifen.

Hier schließt meine nächste Frage an: In Ungarn, Russland oder Rumänien gibt es keine JEF-Sektionen. Wie wirst du das ändern?

In Ungarn gibt es nun seit einigen Wochen wieder eine aktive Gruppe begeisterter EuropäerInnen, die die JEF Ungarn gerne wiederbeleben wollen. Wir bleiben in diesen Länden, wie in allen Anderen, weiterhin darauf angewiesen, dass sich immer wieder neue Mitglieder finden, die unsere JEF zu dem machen, was sie ist. Wir versuchen natürlich aktiv nach Mitgliedern zu suchen, laden Teilnehmer aus diesen Ländern zu unseren Seminaren ein und helfen, wo wir können - aber es liegt an jedem Mitglied, immer wieder für die JEF zu werben.

Wo liegt eigentlich die Grenze von Europa bei der JEF? Würdest du deine Hand für die Aufnahme einer tunesischen, kanadischen oder kasachischen Sektion heben?

Warum nicht? Die Idee des europäischen Föderalismus kann ich ja auch als TunesierIn, KanadierIn oder KasachIn unterstützen. Ob diese Ländern hingegen selbst Teil einer europäischen Föderation werden können, sehe ich eher kritisch. Das gegenwärtige politische Programm der JEF strebt an, alle Länder des Europarats in der europäischen Föderation zu vereinen. Lass uns weiterschauen, wenn wir das geschafft haben!

Die JEF kommt in der medialen Berichterstattung kaum vor und das trotz 25.000 Mitgliedern europaweit. Was läuft falsch bei den Föderalisten?

Was heißt schon, „kommt kaum vor“? Natürlich würde ich mir wünschen, dass wir regelmäßiger aufgegriffen werden, aber im Vergleich mit anderen pan-europäischen Jugendorganisationen der gleichen Größe kommen wir gar nicht mal so schlecht weg. Das ist natürlich kein Grund, uns zufrieden zu geben. Wichtig ist, weiterhin unsere Pressekontakte auszubauen und know-how in der Pressearbeit im Verband zu verbreiten. Ich denke, es schadet auch nichts, wenn wir manchmal unsere Positionen zuspitzen und die Gefahr eingehen, dass nicht alle richtig und gut finden, was wir sagen.

Einige JEF-Sektionen sind in Ländern mit autoritären Regimen angesiedelt – wie gestaltet sich da die politische Arbeit?

Dies sind tatsächlich schwierige Fälle. Die JEF ist nunmal nicht nur eine Organisation, die den interkulturellen Austausch pflegt, sondern genuin politisch und pro-demokratisch. Unsere Sektionen in diesen Ländern haben meist andere Schwerpunkte als der Gesamtverband, freuen sich aber über die Unterstützung, die wir durch Seminare oder auch direkten Kontakt mit dem Europaverband leisten können. Und sie freuen sich über die Solidarität, die sie von anderen JEFern erfahren, sei es durch persönlichen Austausch, die direkte Unterstützung durch anderen Sektionen wie den norwegischen Balkan Training Days oder Kampagnen wie die Free Belarus oder Democracy under Pressure Actions. Zugleich ist es die Aufgabe des europäischen Gesamtverbandes, darauf zu achten, dass diese Sektionen auch tatsächlich unsere Werte leben und vertreten und sich nicht von einem autoritären Regime für seine Zwecke einspannen lassen. In diesem Sinne mussten wir leider auch schon harte Entscheidungen treffen.

Die Europäische Kommission packt einige Projekte zur Aufbesserung des Images der Europäischen Union an: Hier wäre das Projekt der Solidarity Corps und das Free Interrailticket für 18. Jährige zu nennen. Von welchem Projekt versprichst du dir besonders viel?

Während die Idee, die hinter diesen Projekten steht, natürlich zu begrüßen ist, bin ich dennoch skeptisch, ob die Kommission hier klug vorgeht. Statt auf etablierte und erfolgreiche Instrumente zu setzen, die dringend mehr Mittel benötigen, insbesondere Erasmus+, zaubert die Kommission unausgegorene und ungetestete Ideen aus dem Hut, die dann auch direkt Budgetmittel zugewiesen bekommen. Niemand weiß wirklich, was der Vorteil des Solidarity Corps gegenüber dem EVS sein soll und das Free Interrailticket ist so unausgegoren, dass ein Erasmus+-Antrag mit ähnlicher Planungstiefe wohl kaum Aussicht auf Erfolg hätte. Es scheint hier mehr um den medialen Effekt zu gehen als um solide zielorientierte Arbeit. Die JEF Europe hat sich dementsprechend gemeinsam mit dem Europäischen Jugendforum sehr kritisch geäußert und wir werden weiter Erfolgskontrollen einfordern, wie sie ja auch von Jugendorganisationen erwartet werden, die mit Erasmus+ nachprüfbar gute Arbeit leisten.

Warum tritt die JEF eigentlich nicht als Partei europaweit mit europaweiter Liste zu den Europawahlen 2019 an?

Es war immer die Überzeugung der JEF, dass Europa nur erfolgreich sein wird, wenn sich zwischen den wichtigen Parteien ein pro-europäischer Konsens entwickelt und dieser gemeinsam verteidigt wird. Dafür setzt sich die JEF weiterhin ein und darum haben wir auch Mitglieder aus so unterschiedlichen Parteien. Ich bin überzeugt, dass die JEF als Nichtregierungsorganisations und Plattform für den Austausch zwischen pro-Europäern aus unterschiedlichen Parteien einen viel wichtigeren Beitrag für Europa leistet, als sie das als Partei könnte. Ich habe viel Sympathie dafür, wenn Mitglieder sich zusätzlich für dezidiert föderalistische Parteien engagieren - persönlich glaube ich aber, dass es noch wichtiger ist, den pro-europäischen Konsens in den bestehenden Parteien zu verteidigen.

Noch etwas zum Thema Wahlen: Wieso gibt es bei der JEF Europa keine Urwahl des Präsidenten?

Ein interessantes Gedankenspiel. Ich nehme an, das hat etwas mit dem föderalistischen Aufbau der JEF zu tun. Bei einer Urwahl wären die Stimmen der kleinen Sektionen ja fast irrelevant und eine Mehrheit könnte bereits mit den Stimmen einiger größerer Sektionen erzielt werden. In unserem Delegiertensystem wird ja etwas zu Ungunsten der großen Sektionen gewichtet. Ich sehe derzeit keine zwingende Nortwendigkeit, die Satzung zu verändern, aber es lohnt sich immer, die Spielregeln zu hinterfragen.

2017 wird auch deine Position – die des JEF Europa-Vorsitzenden – neu bestimmt. Wirst du wieder antreten?

Ich werde irgendwo in der föderalistischen Familie aktiv bleiben. Wo genau, weiß ich noch nicht und das hängt auch ganz wesentlich von meinen persönlichen Lebensumständen ab. In jedem Fall hoffe ich, dass wir viele Bewerber für das Executive Board und das Präsidentenamt haben. Es ist ein zeitintensives, aber sehr lohnenswertes Hobby und ich würde es jedem erfahrenen JEF-Mitglied empfehlen, darüber nachzudenken.

Christopher Glück, herzlichen Dank für dieses Interview!

Ich bedanke mich!

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