Kulturhauptstadt Europas 2019: „Zusammen“ nach Plowdiw

, von  Lucie-Hélène Pagnat, übersetzt von Ricarda Häusler

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Kulturhauptstadt Europas 2019: „Zusammen“ nach Plowdiw
Das römische Amphitheater Philippopolis in Plowdiw, Kulturhauptstadt Europas 2019. Fotoquelle: Flickr / Dennis Jarvis / CC BY-SA 2.0

Für den zweiten Teil unserer Reise durch die Kulturhauptstädte Europas 2019 begeben wir uns nun ins bulgarische Plowdiw. Dort wurde das Kulturhauptstadt-jahr am 12. Januar mit einer Eröffnungszeremonie und dem Slogan „Wir sind alle Farben“ eingeläutet. Unter dem Motto „Zusammen“ lädt Plowdiw dazu ein, seine lokale Kultur und seine Zugehörigkeit zu Europa zu entdecken.

Das bulgarische Plowdiw

Plowdiw ist nicht nur die zweitgrößte Stadt Bulgariens, sondern gilt auch als eine der ältesten Städte Europas. Datiert wird sie auf das Ende des 2. Jahrtausends v. Chr. Plowdiw war erst römisch, wurde dann byzantinisch und schließlich osmanisch. Diese historische Entwicklung erklärt, warum die Stadt zugleich ein Aquädukt, ein römisches Amphitheater und mehrere Hamams beherbergt.

Es ist kein Zufall, dass Plowdiw zwölf Jahre nach Bulgariens EU-Beitritt das Motto „Zusammen“ für dieses Auszeichnungsjahr gewählt hat. „Dieses Motto fasst kurz und prägnant in einem Wort den Stolz, aber auch die größten Herausforderungen unseres Projektes zusammen“, erklärt der Veranstaltungsdirektor. Das bulgarische Team vertritt sein Programm auf vier thematisch unterschiedlichen Plattformen, die jeweils für eine Charakteristik der Stadt stehen: Verschmelzung, Veränderung, Wiederaufleben und Erholung.

Verschmelzung

Die Plattform „Verschmelzung“ dient der Integration ethnischer, Minderheiten-, Generationen- oder auch sozialer Gruppen, um territoriale Grenzen zu überschreiten und isolierte Gegenden zu stärken. Plowdiw hat entschieden, die Kultur der Roma durch Veranstaltungen in den Bereichen Tanz und Theater und im Rahmen des Programmes „Alle zusammen - Für bessere Bildung und Gesundheit“ zu würdigen. Dieses Programm fördert die soziale Inklusion der Roma und anderer schutzbedürftiger Gruppen, die vorrangig im Viertel Stolipinovo leben. Das Programm „Mahala“ beinhaltet außerdem den Bau eines Pflegezentrums und mehrerer Bildungseinrichtungen. Außerdem bietet diese Plattform Schlüssel und „Methoden für das Unterrichten und Arbeiten in einem multikulturellen Umfeld“.

Genau dieser Multikulturalismus herrscht auch in der „Multi Kulti Kitchen“. Hier geht es darum, sich mit fremden Traditionen vertraut zu machen und zum Beispiel Mehndi (indische Henna-Kunst), Vitinanka (ukrainischer Scherenschnitt) oder auch die folkloristische armenische Musik zu entdecken. Das Projekt gliedert sich in kulinarische Themenabende, eine Kartographiepräsentation fremder Landschaften und eine Serie faszinierender Geschichten über in Plowdiw lebende Ausländer*innen.

Durch das Projekt „Plowdiw rekonstruieren“ erhofft man sich, das Unternehmertum, das als Katalysator für positive Veränderungen innerhalb der Gemeinschaft gilt, zu stimulieren. Praxiskurse, Diskussionen und Seminare werden organisiert, um die Menschen in ihrer Diversität zu verbinden, damit sie, vor allem die Bürger*innen, Aktivitäten und Institutionen, sich in diesem Sinn einsetzen. Ziel ist es zudem, nachhaltige Lösungen für dauerhafte Veränderungen des Stadtbildes zu finden, zu denen jede*r seine oder ihren Teil beiträgt.

Veränderung

Die Plattform „Veränderung“ verfolgt das Ziel, vergessenen und verlassenen urbanen Raum neu zu denken und wiederzubeleben. So soll letztlich auch die Wahrnehmung solcher Gegenden positiv gestärkt werden. Die erste Komponente dieser Plattform heißt „Urbane Träume“. Dieses Projekt ermöglicht den Teilnehmer*innen einen Einblick in schöpferische Denk- und Konzeptionsprozesse mittels Design und Kunst als Instrumente kultureller und sozialer Veränderung. In den verlassenen Vierteln Plowdiws wurden Stadtspiele installiert, um diese kaum wertgeschätzten Gegenden wiederzubeleben. Die Initiative „Die Tabakstadt“ setzt sich darüber hinaus für den Schutz des industriellen und architektonischen Erbes Plowdiws ein. Dazu zählen allen voran die Tabakspeicher und -fabriken der Stadt.

Die zweite Komponente dieser Plattform, der „Fluss der Fantasie“, lädt zur Entdeckung der Mariza ein. Dieser Fluss spielt in der Region Plowdiw eine vermittelnde Rolle. „Fluss der Fantasie“ setzt sich für die Anlegung von Erholungsgebieten und die Aufstellung von Informationstafeln aus Naturmaterialien entlang des Flusses ein.

Wiederaufleben und Erholung

Die dritte Plattform namens „Wiederaufleben“ symbolisiert das kulturelle Erbe und die Herausforderungen bei dessen Erhaltung angesichts der touristischen Anziehungskraft Plowdiws. „Chitalishta“ ist das wichtigste Projekt dieser Plattform. Die Chitalishta sind eine ursprüngliche Form der bulgarischen Organisation soziokultureller Zentren. Solche Vereine haben in Hinblick auf die Pflege und Wahrung des bulgarischen Nationalgefühls eine zentrale Rolle gespielt. Die Chitalishta fungieren als echter kultureller Motor, um stabile Gemeinschaften aufzubauen und einen einfacheren und dezentralisierten Zugang zu künstlerischen Veranstaltungen und Aktivitäten zu ermöglichen. Die vierte und letzte Plattform „Erholung“ fördert das nachhaltige Leben, Ent-schleunigung und den Rückgang des Wachstums, indem sie für „grün“ und Bio wirbt.

Hier könnt ihr das Gemeinschaftsgefühl der Paneurhythmie erleben. Bei der Paneurhythmie handelt es sich um einen von dem bulgarischen Philosophen, Musiker und Medium Peter Deunov entwickelten kraftvollen bulgarischen Tanz, der vor allem aufgrund seiner Eleganz und seines Schwungs beliebt ist. Dieser harmonische, spirituelle und zugleich pädagogische Tanz stützt sich auf 28 Bewegungen, die im Freien, mitten in der Natur, ausgeführt werden, sodass man sich in unserem kosmischen Universum vollkommen erholen kann.

Nähere Infos zu den Veranstaltungen im Kulturhauptstadtjahr in Plowdiw gibt es hier: Plowdiw 2019

Den ersten Teil unserer Reise durch die Kulturhauptstädte Europas 2019 findet ihr hier.

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