Lateinamerikanische Abhängigkeit made in China

, von  Arnisa Halili

Lateinamerikanische Abhängigkeit made in China
Peperpot Nature Park. Foto: Unsplash / Emilio Jaman / [Creative Commons CC0]

Das chinesische Großprojekt „Neue Seidenstraße“ wird gegenwärtig von der Öffentlichkeit stark diskutiert. Der afrikanische Kontinent ist aber nicht das einzige Ziel, das die chinesischen Handelspartner*innen im Visier haben. Der Bedarf an neuen Rohstoffquellen macht auch vor Lateinamerika keinen Halt. Doch welche Auswirkungen hat dies auf die EU?

Handelspartner China als Fluch und Segen für die Region

In den vergangenen Jahren haben sich die meisten lateinamerikanischen Länder eine Rolle auf dem Weltmarkt erkämpft. Wirtschaftliches Wachstum sowie eine Verringerung der Armut zeugen vom Erfolg der neuen Position. Dies liegt auch an chinesischen Investitionen: Werden die aber einen langfristigen Effekt haben? China investiert großzügig in Infrastruktur und Modernisierungsmaßnahmen - genau das, was lateinamerikanische Länder benötigen. Die damit zunehmende diplomatische und wirtschaftliche Präsenz Chinas in Lateinamerika wird zunächst außer Acht gelassen. Der Handel mit chinesischen Firmen ist für Lateinamerika aber Fluch und Segen zugleich: Um den Transport von Rohstoffen und landwirtschaftlichen Produkten zu ermöglichen, wird zwar von Mexico bis Chile stark in Infrastrukturprojekte investiert, jedoch ist Lateinamerika wieder einmal abhängig vom Rohstoffexport.

Mit knapp über 500 000 Einwohner*innen ist Suriname das kleinste Land des südamerikanischen Kontinents und mitunter Chinas wichtigster Investitionsstandort in Südamerika. Grund für die Investitionen sind nicht die ethnische Vielfalt der Einwohner*innen, sondern der Reichtum des tropischen Urwalds. Beinahe die gesamte Fläche des Landes ist von Regenwald bedeckt. Das exotische Holz wird von chinesischen Firmen weiterverarbeitet und zu hohen Preisen als exklusive Bodendielen verkauft, um unter anderem Terrassen in Europa zu schmücken. Die Einwohner*innen Surinames werden dabei als billige Arbeitskräfte eingesetzt. Nicht nur werden über 600 Jahre alte Bäume gefällt und damit die Flora und Fauna des Landes zerstört, sondern gleichzeitig stürzt sich das Land in eine Exportabhängigkeit von den chinesischen Handelspartner*innen. Die Regierung Surinames stellt jedoch keine hohen Auflagen an seine neuen Handelspartner*innen: Trotz Korruption, billigen Arbeitskräften und Rohstoffausbeutung möchten die chinesischen Investor*innen soziale Verantwortung übernehmen. Sie bauen Wohnraum sowie Spielplätze für die Bevölkerung vor Ort. Suriname ist damit kein Einzelfall: In Peru ist China bereits wichtigster Handelspartner.

Mitte der 60er Jahre wurde zum ersten Mal die „dependencia“ thematisiert, die auf das Abhängigkeitsgefälle zwischen Industrie- und Entwicklungsländern sowie die Entwicklungsmöglichkeiten von sogenannten „Dritte-Welt-Länder“ aufmerksam machte. Die formulierten Dependenztheorien zeigen insbesondere, dass trotz der politischen Unabhängigkeit der ehemaligen Kolonien die Entwicklungsländer in ein internationales System gebunden sind, „dessen Struktur weiterhin von einer „strukturellen Abhängigkeit“ der Dritten Welt von den industriellen Zentren gekennzeichnet ist, wodurch negative Auswirkungen auf ökonomischer sowie kultureller Ebene für Lateinamerika entstehen.“ Während der Export von Rohstoffen und Agrarprodukten zuerst verstärkt nach Europa und später in die USA erfolgte, verschiebt sich die Abhängigkeit Lateinamerikas nun nach Asien. Von Vorteil erscheint für chinesische Firmen dabei, dass sie keine vorbelastete Kolonialgeschichte haben und damit auf den ersten Blick nicht das Klischee der ausbeutenden „weißen Männer“ erfüllen.

„Motive“ der chinesischen Regierung

Hinter Chinas Handelspolitik verbirgt sich eine geopolitische Strategie. Länder wie Brasilien, Mexico und Argentinien zählen laut chinesischer Regierung nun zu „Strategischen Partnern“. Die massiven Investitionen in Rohöl aus Venezuela untergraben seit vielen Jahren den Einfluss der USA in der Region, die ein Machtvakuum hinterlässt, das China bereit ist zu füllen. Erst kürzlich genehmigte die chinesische Entwicklungsbank einen Kredit in Höhe von fünf Milliarden US-Dollar für die Erdölindustrie. Der Kredit soll dabei helfen, die venezolanische Wirtschaft wiederaufzubauen und die Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern zu stärken.

Dadurch gewinnt das autoritär geführte Land wieder an ökonomischer Stabilität. Durch die Förderung der strategischen Partnerschaften und dem Ausbau der „neuen Seidenstraße“ baut die chinesische Regierung ihren Status als Weltmacht weiter aus. Sie deckt ihren Eigenbedarf an Rohmaterialien sowie landwirtschaftlichen Produkten und schafft Arbeitsplätze für die chinesischen Arbeitskräfte, indem eigene Bauunternehmen in Lateinamerika eingesetzt werden.

Europa auf Distanz

Zwanzig Jahre sind vergangen, seitdem die EU versucht hat, mit den Mercosur-Staaten über das Assoziierungsabkommen zu verhandeln. Die Errichtung der Freihandelszone stockt. Gründe dafür sind unter anderem bürokratische Prozesse und Konditionen seitens der EU. Besonders von der Fraktion der Europäischen Grünen gab es kritische Stimmen hinsichtlich der europäischen Agrarsubventionen. Martin Häusling, der agrarpolitische Sprecher der Fraktion Die Grünen/EFA im Europaparlament, kritisiert insbesondere die fehlende Transparenz in den Verhandlungsgesprächen, sowie die schwierige politische Situation Argentiniens und Brasiliens. Ein Abkommen wie das geplante hält er für unverantwortlich. Gleichzeitig blocken die Mercosur-Mitgliedsstaaten ab, da die Subventionen für den Agrar- und Automobilsektor, die „europäischen Produzenten schützen und begünstigen“. Die Uneinigkeit bleibt bestehen, da es auf beiden Seiten an Flexibilität mangelt.

Was bedeutet es für die EU, dass ein weiterer Akteur von weltpolitischer Relevanz in Lateinamerika seine Zelte aufschlägt? Obwohl die gegenwärtige EU sehr beschäftigt zu sein scheint mit dem Umgang der sogenannten „Flüchtlingskrise“, Rechtsdruck, Brexit etc., ist das politische und wirtschaftliche Handeln Europas in Lateinamerika von zentraler Bedeutung. Vor allem in der gegenwärtigen Zeit, in der der amerikanische Präsident lateinamerikanische Feindbilder schafft und auf Protektionismus setzt, muss Europa stärker eingreifen, weil Lateinamerika eine Region ist, mit der uns „eine lange gemeinsame Geschichte und eine gemeinsame Vorstellung von Gesellschaft und Demokratie verbindet“.

Chinas politischer Einfluss kann sich sehr negativ auf die Demokratien in Lateinamerika auswirken. Zudem muss ein besonderes Augenmerk von europäischer Seite auf den nachhaltigen Ressourcenverbrauch und Umweltschutz in Lateinamerika gelegt werden, um dem Klimawandel realistisch entgegenzuwirken. Hierbei geht es unter anderem um Bildungsmaßnahmen hin zu einem bewussten Konsumverhalten der europäischen Bürger*innen: Benötigen Europäer*innen zwingend Terrassenböden aus Suriname, die von nicht surinamischen Unternehmen hergestellt werden? Wie wurde das gewünschte Produkt hergestellt, unter welchen Bedingungen und von wem? Europa braucht eine nachhaltige Lateinamerikavision auf Augenhöhe, um einen Gegenentwurf zur chinesischen Handelspolitik umzusetzen.

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