Dieser Artikel ist Teil des „Feminist Federalist Project“, einer Serie, die von föderalistischen Aktivist:innen mit dem Ziel initiiert wurde, die intersektionalen Verbindungen zwischen Feminismus und föderalistischem Denken zu untersuchen.
Angela Braun-Stratmann war durch ihren mutigen und konsequenten Kampf eine der wichtigsten saarländischen Verfechterinnen von sozialer Gerechtigkeit, Gleichstellung der Geschlechter und europäischer Integration im 20. Jahrhundert. Als Journalistin, Sozialdemokratin und Parlamentarierin kämpfte sie für ein friedliches Europa jenseits nationalistischer Etiketten, mit einem klaren Fokus auf Föderalismus als Antwort auf Krieg, Diktatur und patriarchalische Macht.
Angela wurde 1892 in Neuss geboren und stammte aus einer katholischen, politisch gebildeten Familie. Sie unterrichtete Deutsch und Geschichte, ehe sie in der Saarregion zusammen mit ihrem Ehemann Max Braun politisch aktiv wurde; Sie blieb jedoch nie in seinem Schatten: Als unabhängige Publizistin, Kommentatorin und Aktivistin prägte sie die politische Kultur der Region maßgeblich mit. Ab 1924 war sie am Aufbau der Arbeiterwohlfahrt (AWO) im Saarland beteiligt und leitete diese während zweier politischer Systeme: vor und nach der NS-Zeit. Mit Nähstuben, Suppenküchen, Jugendfreizeiten und Frauengruppen schuf sie konkrete Räume für gesellschaftliche Partizipation – insbesondere für benachteiligte Frauen. Auch in der Presselandschaft hinterließ sie Spuren. Als Redakteurin der sozialdemokratischen „Volksstimme“ war sie für die Frauenrubrik „Für unsere Frauen“ verantwortlich und ermutigte Frauen, sich aktiv in politische Prozesse einzubringen.
Während der NS-Zeit ging sie ins Exil, zuerst nach Frankreich und später nach London. Von dort aus setzte sie ihren Kampf mit Worten und Taten fort: Sie arbeitete für die BBC, für das französische Flüchtlingsbüro „Office pour les Réfugiés“ und innerhalb des antifaschistischen Netzwerks europäischer Exilant:innen. Sie setzte sich entschlossen für ein unabhängiges, europäisch ausgerichtetes Saarland ein – eine Idee, die sie auch nach 1945 nie losließ.
Als Angela Braun-Stratmann 1946 in das zerstörte Saarland zurückkehrte, war sie eine der wenigen Frauen, die aktiv am Wiederaufbau demokratischer Strukturen beteiligt waren. Sie wurde Mitglied der Verfassungskommission und wirkte an zentralen Artikeln zu Ehe und Familie mit. Von 1947 bis 1952 war sie Mitglied des ersten Saarländischen Landtags, wo sie sich für internationale Versöhnung, eine föderalistische Lösung der Saarfrage und die Gleichstellung der Geschlechter einsetzte.
Für sie war Föderalismus nie ein Fachbegriff, sondern ein radikales demokratisches Gegenkonzept: gegen Machtkonzentration, gegen nationale Isolation, gegen patriarchalische Herrschaft. Ihr politisches Denken war zutiefst europäisch geprägt und gründete auf der Überzeugung, dass Frieden und soziale Gerechtigkeit nur über Grenzen hinweg erreicht werden konnten. Während der ersten europäischen Wiederaufbauprojekte setzte sie sich für ein Europäisches Saarstatut ein – ein Entwurf, der die Region nicht einem einzelnen Nationalstaat zuordnen, sondern diese unter europäische Verwaltung stellen und sie damit zu einem Vorbild für ein föderales Europa machen würde. Diese visionäre Idee scheiterte jedoch am Widerstand nationalistischer Kräfte.
Neben ihrer parlamentarischen Arbeit gründete sie 1947 die Frauenzeitschrift „Charme“, eine der ersten Frauenzeitschriften der Nachkriegszeit. Zwischen Mode und Kultur bot das Magazin Raum für politische Inhalte: für Gleichberechtigung, Selbstbestimmung und soziale Sicherheit. Als Chefredakteurin sah sie in „Charme“ ein Instrument, Frauen als politische Subjekte anzusprechen – sie zu informieren und ihr politisches Interesse zu wecken. Unermüdlich forderte sie ihre Leserinnen dazu auf, ihre Rechte einzufordern und eine aktive Rolle im politischen Leben einzunehmen. Mit einer Auflage von 70.000 Exemplaren wurde das Magazin zu einer einflussreichen Stimme in Zeiten des Umbruchs.
Im Jahr 1955, nach der Ablehnung des Europäischen Statuts in einem Referendum, zog sich Angela Braun-Stratmann nach Frankreich zurück. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1966 lebte sie in Bois-Colombes in der Nähe von Paris. 1997 wurde eine Straße in Saarbrücken nach ihr benannt. Heute ist ihr Name selbst im Saarland kaum bekannt.
Für uns als Europäische Föderalist:innen ist Angela Braun-Stratmann eine historische Verbündete: Sie hat Europa von unten nach oben gedacht, sah föderale Strukturen als Friedensprojekt und verstand politische Partizipation als Aufgabe der gesamten Gesellschaft – insbesondere der Frauen. Ihr Leben zeigt, dass föderalistische Visionen Mut, Beharrlichkeit und manchmal auch Widerstand erfordern. Genau dafür stehen wir auch heute noch in ihrem Sinne ein.

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