Interview mit Julio Hu über chinesische Einwanderer*innen Spanien

Migrationstrauma, ethnische Repräsentation und europäische Identität

, von  Paloma Chen, übersetzt von Bastian De Monte

Alle Fassungen dieses Artikels: [Deutsch] [English]

Migrationstrauma, ethnische Repräsentation und europäische Identität
Sonnenuntergang in Valencia, wo Julio Hu studiert hat.
Foto: Pixabay / Somo_Photography / Pixabay Lizenz

Auf Chinesisch werden sie huayi genannt. Ihre Eltern sind huaqiao. Zwischen 20 und 35 Jahre sind die meisten von ihnen alt. In Spanien ist ihre Identität noch ungeklärt.

In einer dreiteiligen Serie berichtet treffpunkteuropa.de-Autorin Paloma Chen von den Kindern chinesischer Migrant*innen in Spanien. Hier findet ihr den ersten, sowie hier den zweiten Beitrag der Reihe. Im heutigen und letzten Beitrag widmet sie sich einem Interview mit Julio Hu über seine eigenen Erfahrungen als Sohn chinesischer Einwander*innen in Spanien.

Warum sind deine Eltern ausgewandert und warum gerade nach Spanien?

Es handelt sich dabei um keine schöne Geschichte: Sie ist recht traurig. Meine Eltern wanderten ganz einfach aus, um ihr Leben zu verbessern. Ein Restaurantbesitzer schlug meinem Vater vor, nach Spanien zu ziehen, und mein Vater willigte ein, um seine wirtschaftliche Situation zu verbessern und später seine damalige Freundin heiraten zu können. Allerdings beutete ihn sein Boss aus, zerriss die Liebesbriefe, die er fand, und so heiratete seine Freundin nicht viel später einen anderen Mann in China. Das Herz meines Vaters war wohl gebrochen, aber Spanien verlassen konnte er nicht mehr, dafür war es zu spät. Er kam aber schließlich zu Besuch nach China, um meine Mutter in einer arrangierten Ehe zu heiraten, und ging dann mit ihr nach Spanien zurück.

Manchmal, glaube ich, vergessen wir, dass die Worte Migration und Versprechen ganz nah beieinander liegen. Auszuwandern stellt sich weniger als freie Handlung dar, wenn wir bedenken, dass die „Wahl“ dazu durch ein Versprechen veranlasst wurde: das Versprechen eines besseren Lebens, des Neustarts, die schlechten Bedingungen in der Heimat hinter sich zu lassen.

Merkst du selbst kulturelle Unterschiede gegenüber deinen Eltern? Etwa in Bezug auf Offenheit, Feminismus, sexueller Orientierung...

Ja, und definitiv nicht dieselben wie in einer „weißen“ Familie. Da gibt es Generationenkonflikte oder politisch-ideologische Unterschiede, zusätzlich spielen in Einwanderungsfamilien aber auch Migrations- und Integrationsdynamiken eine Rolle. Meine Eltern sind nicht in gleicher Weise sozialisiert worden wie andere Eltern hier in Spanien. Ich meine nicht, dass wir reaktionäre oder konservative Ansichten einfach so hinnehmen sollen, aber wir sollten immer die unterschiedlichen Hintergründe im Kopf behalten.

Der Diskurs ist einfach anders. Je nach dem, woher wir herkommen, sprechen wir vielleicht von denselben Inhalten, aber die Zugänge sind anders. Meine Eltern haben mit uns durchaus auch über Geschlechterrollen, Sexualität und Politik gesprochen, aber eben nicht mit westlichen oder eurozentrischen Ideen. Bei all dem bleibt auch das Migrationstrauma immer vorrangig.

Inwieweit fühlst du dich in Massenmedien und Populärkultur repräsentiert?

Als Kind habe ich gespürt, dass ich anders war, und hasste das. Ich bewunderte Marvel, die Jedis von Star Wars, Harry Potter oder die Welt aus Herr der Ringe, aber – obwohl ich noch zu klein war, um alle diese Dynamiken zu verstehen – fragte ich mich, warum es unter den Superheld*innen niemanden wie mich gab, also mit ostasiatischem Aussehen. Ganz automatisch glaubte ich, weniger wert zu sein, und glaubte, dass ich „weiß“ sein, mich „weiß“ verhalten und „weiß“ denken müsste.

Das spanische Fernsehen war da nicht hilfreich. Immer war ich der chinesische Typ aus dieser oder jener Show – meist das Opfer von Mobbing, das nur da war, damit man sich über ihn lächerlich machen konnte - oder eben Jackie Chan oder Bruce Lee. Diese Klassiker oder selbst Kung Fu Panda fand ich auch durchaus aufregend, doch dann wurde mir in der Schule plötzlich gesagt, ich sei zu verrückt nach Kung Fu. Ob man nun diese Sportart nun mag oder nicht, die Darstellung in Hollywood-Filmen tat ihr Übriges.

In Südkorea ist das ja nicht anders. K-Pop-Künstler*innen bestätigen selbst all die Stereotype und bedienen sich dieser, finde ich. Und dann wiederum ist dieses ganze Asien, das die Medien aufgreifen, ja nur repräsentativ für Ostasien und nicht für den Rest des Kontinents. Pakistan, Indien oder Palästina sind nicht mehr Teil dieses Asiens europäischer Vorstellung. Auch Vietnam und die Philippinen werden immer noch ignoriert, obwohl es weltweit eine große Diaspora gibt.

„Weiße“ Leute sind wirklich auf den Geschmack gekommen: Sie wissen über Anime Bescheid, kennen Indie-Filmemacher wie Wong Kar-wai oder Sion Sono, lesen klassische Prosa oder Haikus. Manchmal geht das sogar so weit, dass ich mir denke: „Wow, die wissen sogar mehr als ich.“ Mal abgesehen davon, dass meine Familie mir ohnehin immer sagt, ich lerne nicht eifrig genug Chinesisch – was bedeutet das alles für Leute wie mich?

Findest du es in der heutigen Welt relevant, sich die Frage zu stellen, ob man nun Chinese oder Spanier, Asiate oder Europäer ist? Ist die Nationalität ein wichtiger Teil der Identität?

Nein. Darüber nachzudenken, ob ich nun Chinese oder Spanier bin, bedeutet Identitätsdiskurse am Konzept des Nationalstaats festzumachen.

Zunächst einmal ist ja auch Spanien selbst sehr heterogen. Während meines Studiums in Valencia lernte ich dank eines Valencianisch-Sprachkurses viel über Soziolinguistik. In der spanischen Geschichte gab es oftmals und vielerorts sprachliche und kulturelle Verdrängung. So ist Galizisch nicht gleich Spanisch und Leute auf der iberischen Halbinsel bedienen sich zudem des Andalusischen, des Katalanischen, des Baskischen oder irgendeiner anderen Sprachvarietät imKönigreichs. Andererseits wissen wir alle, dass mit „Spanisch“ das Kastilische gemeint ist.

Die Idee von Europa als kulturelle Identität wiederum bringt eine lange Geschichte an Kolonialismus, Orientalismus und Abgrenzung mit sich. Und die Europäische Union zeigt ähnlich militarisierte Dynamiken wie der Nordatlantikbund, ist also irgendwie zweckgebunden. Daran eine Identität festmachen zu wollen, ist heutzutage problematisch.

Was das Gefühl anbelangt, sich als Asiat*in zu sehen, bräuchte es – wie bereits angedeutet – eine klare Vorstellung dessen, was Asien überhaupt ist und was nicht. Diese Debatte müsste weit über altmodische Vorstellungen wie den pan-asiatischen Utopismus Sun Yat-Sens oder den japanischen Imperialismus hinausgehen. Tatsächlich herrscht innerhalb Asiens Misstrauen und ich bezweifle stark, dass sich das bald ändern wird.

Hinsichtlich China wurde mir in Spanien vermittelt, dass „Chinesisch“ zu sein etwas Nachteiliges darstellt. Meine Vorstellung davon, Chinesisch zu sein, ist durchaus sozialpolitisch relevant, aber nicht nationalistisch. Meine familiären Wurzeln sollte ich unweigerlich annehmen. Leute wie ich bevorzugen daher Begriffe wie „Chiñol“ (= chino + español), denn wir fühlen uns als etwas dazwischen. Sich als beides oder nur eines zufühlen, ist entweder ein wenig idealistisch oder grenzt an Gleichmachung.

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